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Medikamentenmangel im Landkreis Oldenburg: „Lieferengpässe werden bleiben“

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Von: Gero Franitza

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Sieht kein kurzfristiges Ende der aktuellen Medikamentenkrise: Apotheker Ralf Oehlmann in der Markt-Apotheke in Wildeshausen.
Sieht kein kurzfristiges Ende der aktuellen Medikamentenkrise: Apotheker Ralf Oehlmann in der Markt-Apotheke in Wildeshausen. © Franitza

Wildeshausen/Landkreis – Wer meint, dass mit einem Gang in die Apotheke der Bedarf an beliebigen Medikamenten wie selbstverständlich gedeckt werden kann, sieht sich aktuell getäuscht: Paracetamol, Ibuprofen, Herzglycoside, Blutdruckmittel, Elektrolyte und manche Insulinpräparate sind nicht immer verfügbar.

„Und viele andere auch“, sagt Ralf Oehlmann, Inhaber der Markt-Apotheke und der „Insel am Westring“ in Wildeshausen sowie der Lindenmarkt-Apotheke in Bassum im Gespräch mit unserer Zeitung. Dazu zählten auch Schmerz- und Fiebermittel für Kinder, die noch keine Tabletten schlucken können, in Form von Säften und Zäpfchen.

Anstatt Patienten wegschicken zu müssen, versuchten seine Mitarbeiter ein Ersatzmedikament zu finden. Im Zweifelsfall müsse mit den behandelnden Ärzten, die die Verordnung ausgestellt haben, Rücksprache gehalten werden. All das nehme viel Zeit in Anspruch. „Das ist ein enormer Mehraufwand. Und das erklärt auch die langen Schlangen in den Apotheken“, so Oehlmann. Teilweise seien von fünf infrage kommenden Medikamenten drei nicht lieferbar. Den Patienten könne er nur raten, sich rechtzeitig um die benötigten Arzneien zu bemühen. Dass Kunden versuchten zu „hamstern“, sei bislang nicht vorgekommen, berichtet der Apotheker.

„Eine pharmazeutische Katastrophe“

Und was hält er von sogenannten Medikamenten-Flohmärkten, auf denen von Privatleuten nicht mehr benötigte Produkte weitergegeben werden? „Eine pharmazeutische Katastrophe“, urteilt Oehlmann. Niemand könne in diesen Fällen sicherstellen, wie die Arzneien gelagert worden seien, etwa in Hinblick auf Temperatur oder Luftfeuchtigkeit, und ob sie dadurch an Wirksamkeit verloren oder ob sich die Wirkstoffe zersetzt oder gar verändert haben.

Die aktuellen Probleme hätten sich über viele Jahre hinweg aufgebaut und seien nicht zuletzt Folgen des Kostendrucks der deutschen Krankenkassen, insbesondere bei verschreibungspflichtigen Medikamenten. Verschärfend hinzu kämen die auch dadurch aus Deutschland ins entfernte Ausland verlagerten Produktionskapazitäten, speziell nach Asien – dort etwa in Länder wie Indien und China. Aufgrund des niedrigen Preisniveaus in Deutschland könne es durchaus auch sein, dass die internationalen Hersteller ihre Produkte in Ländern anbieten, in denen sie mehr verdienen können. Die Preise für den Wirkstoff Paracetamol etwa seien um 70 Prozent gestiegen, die Erstattung der deutschen Kassen allerdings gleich geblieben, nennt er eine aktuelle Entwicklung.

Großer Bedarf in China

Weitere Faktoren seien Rohstoffmangel und der große Bedarf an Arzneien in anderen Ländern. Aufgrund der neuen Covid-Welle in China benötige das Land aktuell gewaltige Mengen an Medikamenten. Deswegen sehe er auch nicht, dass Lieferengpässe bei Schmerz- und Fiebermitteln alsbald der Vergangenheit angehören werden, sondern dass sie langfristig bestehen bleiben. Es ließe sich nicht so einfach der „Hebel umlegen“, um die Situation zu lösen. Allerdings sei die jetzige Lage nicht unerwartet gekommen: Bereits vor Beginn der Corona-Krise habe es schon einmal Schwierigkeiten mit der Beschaffung von Medikamenten gegeben. Dieser Umstand sei allerdings durch den Ausbruch der Pandemie weitestgehend in Vergessenheit geraten.

Die ursprüngliche Idee, dass die Krankenkassen möglichst wenig für die Präparate bezahlen sollen, habe zwar funktioniert, doch sei daraus mittlerweile ein Teufelskreis entstanden, so Oehlmann. „Wir haben es übertrieben“, urteilt er abschließend.  

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