Von Unruhen erschüttert

Interview: Wildeshauserin Anna-Lena Feldmann lebt in Ecuador

Während des Ausnahmezustands feiert Anna-Lena Feldmann den Geburtstag ihres Projektpartners mit den Sachen, die da sind: Bananenkuchen und Streichhölzer.

Wildeshausen/Caimito – Die Wildeshauser Bankkauffrau Anna-Lena Feldmann (27) verbringt ein Jahr im Freiwilligendienst in Caimito (Ecuador). Das Land wird von politischen Unruhen erschüttert. Unter anderem gibt es einen Generalstreik. Die Fragen stellte Ove Bornholt.

Frau Feldmann, wie ist die Stimmung vor Ort?

Die Leute sind ziemlich angespannt, für sie geht es um nichts Geringeres als ihre Lebensgrundlage. Auf dem Land verdienen die Menschen sehr wenig, obwohl sie häufig sechs oder sieben Tage pro Woche arbeiten. Manche Familien leben von 394 Dollar pro Monat und damit am Existenzminimum. Durch die Streichung der Subventionen für Benzin und Diesel ist der Spritpreis um bis zu 123 Prozent sprunghaft angestiegen – genauso wie die Preise von allen Waren und Lebensmitteln, die mit Fahrzeugen transportiert werden. Vieles hat sich verdoppelt.

Können Sie ein konkretes Beispiel nennen?

Gestern waren wir mit dem Auto eines Bekannten einkaufen. Für drei Personen und etwa ein bis zwei Wochen haben wir vor dem 3. Oktober (seitdem läuft ein Generalstreik, Anm. d. Red.) 40 Dollar bezahlt – gestern für dieselbe Menge 70 Dollar. Das kann sich niemand auf einen Schlag leisten, weshalb die Bevölkerung auf eine Änderung hofft und jeden Tag gespannt wartet, ob sich etwas tut. Die Proteste sind daher aus meiner Perspektive verständlich.

Welche Auswirkungen des Generalstreiks merken Sie in Caimito?

Das hält sich sehr in Grenzen, verglichen mit den Auswirkungen in den Städten und den teilweise gewalttätigen Protesten. Seit dem 3. Oktober fahren keine Busse mehr, was die Mobilität deutlich einschränkt und damit auch die Möglichkeit, an Geldautomaten oder zum Einkaufen zu gelangen. Die einzige Möglichkeit sind Autos oder Motorräder von Bekannten oder bei anderen mitzufahren und dafür zu bezahlen.

Und für die Personen um Sie herum?

Fehlende Busse bedeuten auch, dass viele Menschen nicht zu ihrer Arbeit kommen und die Schule ausfällt –für die Kinder also eine erhebliche Einschränkung. Die Bildung auf dem Land hat leider keine gute Qualität, oft gibt es nur eine Lehrkraft pro Schule und dementsprechend auch nur eine Klasse für mehrere Jahrgänge, dabei ist Bildung das Fundament, um der Armut zu entkommen.

Machen Sie sich Sorgen?

In Caimito ist es derart ruhig, dass man den Streik durchaus verpassen könnte. Sorgen mache ich mir nicht um mich, sondern um die Dorfbewohner. Was passiert, wenn die Preise weiterhin so hoch bleiben? Werden die Landbewohner in die Städte flüchten müssen, um mehr Geld zu verdienen? Aber auch dort verschlechtert sich die Lage: Den Angestellten des öffentlichen Sektors stehen ab sofort bei einer Vertragsverlängerung statt 30 nur noch 15 Urlaubstage pro Jahr zur Verfügung und sie müssen einen Tag pro Monat umsonst, ohne Bezahlung, arbeiten. Es bleibt spannend.

Könnten Sie das Land verlassen, wenn Sie wollten?

Das wäre wahrscheinlich unter Mithilfe der Botschaft möglich, allerdings mit einigen Komplikationen verbunden. Durch den totalen Streik im Busverkehr, die vielen Straßenblockaden und nicht zuletzt den Protesten in Quito ist es schwierig, zum Flughafen zu kommen – sofern der Flug dort nicht gestrichen wird.

Aber Sie wollen bleiben, oder?

Das Land zu verlassen ist im Augenblick keiner meiner Gedanken. Ich behalte die Situation weiter im Auge, fühle mich jedoch sicher in meinem Ort und auch sehr verbunden mit den Menschen. Umso wichtiger ist es, dass wir Freiwillige gerade jetzt hier sind und neben der Mithilfe in der Permakultur durch Englischunterricht oder Freizeitangebote für die Jugendlichen Bildung in unsere Region bringen.

Wie ist die Versorgung mit Nahrungsmitteln und Treibstoff?

Noch haben die Läden vor Ort so ziemlich alles, auch wenn sie aus den Lagern verkaufen. Außerdem wächst vieles von dem, was wir verzehren, direkt in der Finca – zum Beispiel Kochbananen, Ananas, Papaya, Yukka und Kurkuma. Die Lage in den Großstädten wie Quito oder Cuenca sieht dagegen ganz anders aus: Leer gekaufte Supermärkte und blockierte Läden behindern die Versorgung und führen zu Überfällen.

Zum Abschluss: Wie gefällt Ihnen der Freiwilligendienst in Ecuador bis jetzt?

Er hat sich bisher als sehr bunt und abwechslungsreich dargestellt. Ich lerne sehr viel über Permakultur und Wassererhaltung, aber auch über Missstände durch fehlende Bildung und Zukunftschancen. Gerade in den Dörfern werden die Mädchen früh schwanger – manche schon mit 15 Jahren –, finden keine Arbeit und sind abhängig von Mann und Familie, um zu überleben. Nichtsdestotrotz leben die Menschen mit mehr Leichtigkeit und Frohsinn, es wird viel gescherzt und getanzt. Eine tolle Erfahrung.

Was genau machen Sie denn vor Ort?

Mein Herz hängt daran, meine Fähigkeiten einzubringen, um den Tourismus zu fördern, damit Arbeit zu schaffen sowie Bildung für die Jugendlichen zu ermöglichen. Dafür bieten mein Projektpartner und ich einmal pro Woche Englischunterricht an. Andere Freizeitangebote wie Plastikrecycling, Naturbildung (Wie bepflanze ich meinen eigenen Garten?) oder Sport sind gerade in Planung.

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