Lesung aus dem Roman „Vaterjahre“

Schonungslose Einblicke

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Autor Michael Kleeberg las im Wildeshauser Kreismusikschulsaal aus seinem Roman „Vaterjahre“.

Wildeshausen - Charly Renn, die facettenreiche Hauptfigur aus Michael Kleebergs Roman „Vaterjahre“, lernten die Zuhörer während der Lesung des Autors am Samstagabend im Kreismusikschulsaal sehr gut kennen. Erfolg, Geld, eine schöne Frau, süße Kinder – und schließlich ein Familienhund. Zwischendurch eine Panikattacke, öffentlicher Durchfall und eine Therapie. Kleeberg erlaubt einen schonungslosen Einblick in das Leben der Figur. Renn verhält sich mal vorbildlich, mal moralisch zweifelhaft – oft genug aber schienen sich die Zuhörer in ihm wie in einem Spiegel zu sehen.

Genau das ist wohl die Intention Kleebergs. Er nimmt sich da selbst nicht aus. Nicht zufällig stimmen einige von seinen biografischen Fakten mit Renns Biografie überein – dennoch ist die Romanfigur auch eine völlig andere Person und Persönlichkeit als der Schriftsteller.

Begonnen hatte Renns Leben mit Kleebergs Buch „Karlmann“. Der Romanheld aus Hamburg nennt sich darin lieber Charly und erlebt zwischen 25 und 30 Lebensjahren in den 1980er-Jahren das, was vielen wohl ähnlich passiert: Erfolg im Beruf, die große Liebe – und dann fast zeitgleich die Relativierungen dieser scheinbar verwirklichten Lebensziele. Hochzeit, Affäre, Trennung, berufliche Unzufriedenheit – alltäglich banale und doch oder gerade deswegen universell entscheidende und anrührende Themen des „Karlmann“-Romans.

In „Vaterjahre“ gönnt Kleeberg seiner Figur eine zweite Heirat, eine berufliche Umorientierung mit Karriereerfolg, das Sesshaftwerden und zwei Kinder. Das Sahnehäubchen des Glücks – oder der Gewöhnlichkeit? – bildet Familienhund Bella.

Was aber sagen uns nun diese Einblicke in Renns Leben? Sind wir verurteilt zu ewiger Unzufriedenheit, zu immer wieder neuem Streben? Ist das Leben ein endloses Rennen um Glück und Erfolg – stets im Vergleich zu anderen? Oder sind Kinder die Endstation des Glücks? In „Vaterjahre“ spielen sie auf jeden Fall eine Schlüsselrolle.

Vielleicht begann Kleeberg seine Lesung nicht umsonst mit Renns Moment des Vater-Werdens. Mit dieser völlig neuen, wichtigen, helfenden und doch hilflosen Josef-Rolle. Er ist dabei und doch außen vor – auch als das neue „Doppelwesen“ aus Mutter und Kind schließlich geboren ist. Und Renn spürt voller Behagen, wie schön es sein könnte, in seinem eigenen Leben fortan eine Nebenrolle zu spielen – nämlich die, für seine Familie zu sorgen.

In solchen Momenten möchte man Renn ob seiner Weisheit, Weitsicht und Güte beglückwünschen und umarmen. Doch auch Häme gegenüber seiner Ex-Frau, Eifersucht gegenüber dem Erfolg des besten Freunds und die Angst, in seinem eigenen Leben zu scheitern oder irgendwie nicht gut genug, nicht sinnhaft genug zu sein – all das gehört zu dem Leben oder zu den Lebensabschnitten des Romanhelden.

Fest steht, dass Renn vom Erzähler wortgewandt und detailreich beschrieben wird. Dennoch mag sich ein jeder seinen eigenen Charly Renn aus Kleebergs Roman herauslesen.

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