Alfred Panschar stöbert im Archiv 

Lebensmittel in alten Fachwerkhäusern angeboten

Der Verkaufsraum des Huder Zollhauses nach einer Zeichnung von Hans Schönfeld. Viele Jahre stand es an der huntestraße, bis es 1969 einem Supermarkt Platz machen musste.

Wildeshausen - Mit Blick auf die Diskussionen um die Entwicklung in der Wildeshauser Innenstadt ist Alfred Panschar vom Bürger- und Geschichtsverein beim Stöbern im Archiv auf einen Artikel gestoßen, der 1987 in der Wildeshauser Zeitung zu lesen war. Er handelt vom Huder Zollhaus, das lange Jahre an der Huntestraße in der Stadt stand, 1969 jedoch einem Neubau weichen musste.

„Fachleute sind sich darüber einig, dass in der stürmischen Nachkriegszeit wohl mehr an historischen Gebäuden, Stadtquartieren und ganzen Kulturlandschaften zerstört wurden als durch die Kriegseinwirkungen. Die Ursachen sind mannigfaltig. Sie reichen von Planungsfehlern, natürlichem Verfall, Umweltschäden bis hin zur Zerstörung aus wirtschaftlichen Erwägungen“, hieß es. Aber auch mangelnde Wertschätzung des Alten, unüberlegtes Modernisierungsstreben und Unwissenheit über die Behandlung alter Gebäude und gut gemeinte, aber falsche Sanierung hätten dazu beigetragen.

Stadt verlor eines ihrer wertvollsten Gebäude

„So wäre es heute wohl nicht mehr möglich gewesen, das alte Huder Zollhaus abzureißen, aber vor noch nicht einmal 20 Jahren tat man es doch. Die Stadt verlor damit eines ihrer ältesten und wertvollsten Gebäude, eine Zierde der Wittekindstadt. Es war schließlich das wohl älteste Wohnhaus. Eigentlich waren es zwei Häuser, und es war berühmt wegen seines sehenswerten, geschnitzten Portals aus dem Jahre 1646“, schrieb die WZ.

Aber das Haus war wesentlich älter. Es war auf das Engste mit der Geschichte des Klosters Hude verbunden und hieß deshalb auch „Gästehaus des Huder Zisterzienser Klosters“, oder Huder Zollhaus. Die Zisterzienser Mönche, die zunächst in Bergedorf und später in Hude (1232) ihr Kloster hatten, verdienten ihren Unterhalt unter anderem durch den Verkauf von landwirtschaftlichen Erzeugnissen, die sie von ihren vielen Meierhöfen erhielten. Daneben stellten sie auch Baumaterialien her: Ziegelsteine, Dachpfannen und Glasmalereien.

„Um diese Produkte absetzen zu können, wurden Handelsniederlassungen gegründet. Eine davon in Wildeshausen, das im Mittelalter eine Stadt war, die sich durchaus mit den nordwestdeutschen Metropolen messen konnte. Hier ist der Hunteübergang an der Handelsstraße ,Flämische Strate‘ zu nennen. So war auch das Kloster Hude von 1319 bis 1533 Eigentümer dieses Hauses. Dann verfiel das Kloster, und auch für Wildeshausen war 1529 ein Schicksalsjahr. Bekanntlich wurde die Stadt damals von den Münsteranern besetzt, Bürgermeister Jacob Lickenberg hingerichtet und Wildeshausen selbst durch den Verlust der Stadtrechte bestraft“, stand in der Wildeshauser Zeitung.

Kostbarkeiten des Hauses wanderten in Museen

Die alte Niederlassung des Klosters wurde 1530 durch den Vogt von Delmenhorst ausgeplündert und danach enteignet. Es diente fortan als Amtswohnung der jeweiligen Drosten und Amtmänner der verschiedensten Herrscher. Im 17. Jahrhundert wurde es ganz offensichtlich völlig umgebaut, wie sich aus einer Beschreibung ergibt:

„Dieser schöne Bau ist älteren Bürgern der Stadt noch als Lebensmittelladen in Erinnerung. Die Gebäude, zwei stattliche Fachwerkhäuser mit Schindelgiebel, hatten Lagerräume und einen Ausspann für Fuhrwerke. Im Verkaufsraum waren Lebensmittel aller Art in Säcken zu sehen. Den Verkaufsraum zierte ein großer Holztresen, und an der Rückwand ein großer Holzschrank mit unzähligen Schubladen. Im Tresen war ein Loch eingelassen, in dem das Kleingeld gesammelt wurde“, berichtete die WZ.

Die schweren Säcke wurden mit einem Aufzug nach oben beziehungsweise unten transportiert. Sauerkraut wurde in den 50er-Jahren noch selbst geschnitten und verarbeitet. Auch Tabak wurde hier verarbeitet. Den Eingang zum Hauptgebäude bildete ein kunstvoll geschnitztes Portal aus dem Jahre 1646 im Knorpelstil. Innen führte eine stabile und durch Schnitzereien verzierte Wendeltreppe in das obere Stockwerk. Im oberen Saal fiel eine Holztreppe mit Gemälden ins Auge. Zwei Räume waren mit Sandstein-Kaminen ausgestattet.

„Die Kostbarkeiten des Hauses wanderten mit der Zeit in verschiedene Museen nach Oldenburg, Bremen, Münster und nach Holland. Lediglich die Portaleinrahmung blieb unserer Stadt erhalten, ziert ein Gebäude am Westertor. Dieser alterwürdige Bau mit der reichhaltigen Geschichte wurde 1969, trotzdem er unter Denkmalschutz stand, mit staatlichem Segen abgerissen, um einem modernen Zweckbau, einem Supermarkt, Platz zu schaffen. Zwar versuchten engagierte Heimatfreunde, hier ganz besonders Hans Huntemann, das Haus zu retten, von einem eventuellen Heimatmuseum war sogar die Rede, aber kommerzielle Interessen erwiesen sich als stärker“, schrieb die WZ.

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