Obdachloser landet nach Jahrzehnten im Landkreis Oldenburg

Ein Leben auf der Straße – wegen einer Scheidung

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Obdachlose übernachten oft auf der Straße, aber auch in Tagesunterkünften, die es in größeren Städten gibt.

Landkreis - Mit einem weichen, fast zarten Händedruck begrüßt der große und kräftige Erwin, der anders heißt, seinen Namen und ein Foto von ihm aber nicht in der Zeitung sehen möchte, seinen Besuch. Kurz darauf erzählt er die Geschichte, die ihn nach einer jahrzehntelangen Odyssee in den Landkreis Oldenburg geführt hat: Der Süddeutsche ist nun mit über 60 Jahren schwer herzkrank und erlebte nach seiner Scheidung einen beispielhaften Absturz aus seinem Leben als zweifacher Familienvater zu einem Obdachlosen, der von Ort zu Ort zieht und keine feste Bleibe hat.

Das erste Mal gerät sein Leben als Teenager auf die Abwege, vor denen Eltern ihre Kinder warnen, als er seine Handwerkerlehre abbricht und „in komische Kreise“ kommt, wie er es ausdrückt. Aus kleinen Jugendstreichen wird mehr. Am Ende sägt er Zigarettenautomaten, die an Holzzäunen hängen, aus, bringt sie in den Wald und knackt sie dort mit seinen Freunden. Doch die kriminelle Karriere endet abrupt, als er auffliegt und zu 20 Monaten Jugendgefängnis verurteilt wird. „Nach der Haft gab es zu Hause eine Trachtprügel“, erinnert er sich. Das war Ende der 1960er-Jahre.

35 Jahre später sollte er erneut verhaftet werden, aber erst einmal lässt er seine Eltern, seine Schwester und Süddeutschland ohne Ausbildung hinter sich und geht nach Frankfurt. Jahrelang arbeitet er als Arbeiter im Lager einer Spedition und hilft schließlich ein paar Jahre jeweils von Frühling bis Herbst in der Küche auf Kabinenschiffen aus, die von Basel bis Rotterdam bis zu 180 Amerikaner, Engländer, Franzosen und Italiener den Rhein herunter fahren. „Freie Unterkunft, freie Verpflegung und 1 200 Mark gab es“, sagt er. Das sei damals viel Geld gewesen.

Davon sieht man in seiner jetzigen Wohnung, die ihm die ambulante Wohnungslosenhilfe der Diakonie in Wildeshausen übergangsweise vermittelt hat, nicht mehr viel. Die Einrichtung ist karg. Aber alles ist ordentlich und sauber, ein paar Bilder von Blumen hängen an der Wand. „Derjenige, der nicht weiß, dass ich auf der Straße gelebt habe, würde es nicht denken“, sagt Erwin.

Nach seiner Zeit auf dem Rhein geht er nach München und fängt Ende der 1970er-Jahre als Küchenhilfe in einem Hotel an. Dort lernt er nach nur wenigen Tagen eine zwölf Jahre jüngere Auszubildende zur Köchin kennen, die er 1981 heiratet. Das Paar bekommt zwei Töchter, Erwin macht noch eine Ausbildung zum Altenpflegehelfer und arbeitet beim Deutschen Roten Kreuz.

„Dann kam der große Knall – die Scheidung“, sagt der weißhaarige Mann. Die Trennung von seiner Frau und den Kindern, zu denen er bis heute keinen Kontakt hat, wirft ihn 1991 völlig aus der Bahn. Er sei „bundesweit durch die Gegend geschlichen“. Mit seinem Auto und ein paar Ersparnissen fährt er von Stadt zu Stadt. Und eine feste Bleibe? „Der Wohnungsmarkt war zu.“

Dann ist es soweit, die Handschellen klicken: 1995 wird er „wie ein Schwerverbrecher“ wegen Verletzung der Unterhaltspflicht festgenommen. Sechs Monate Haft auf Bewährung lautet das Urteil. Ein Bewährungshelfer nimmt sich des Süddeutschen an, vermittelt einen Wohnheimplatz. „Die Arbeitssuche war unheimlich schwierig“, meint Erwin. Schließlich habe er für einige Zeit Hol- und Bringdienste im Krankenhaus erledigt. „Es ist schwierig, wieder anzufangen, wenn man solange rum gegammelt hat.“

1998 fängt es damit wieder an. Erwin hat keine Arbeit mehr, verliert daraufhin seine Wohnung und zieht herum. Gebettelt habe er aber nicht, erklärt er. Nur hin und wieder um einen Schlafplatz beim Pastor. „Ein bisschen Würde und Stolz sollte man in sich tragen.“ Stattdessen habe er sich beim Sozialamt seinen Tagessatz für nicht sesshafte Menschen abgeholt. Ein paar Euro – mehr nicht.

Dann, am 20. Mai vor vier Jahren, erleidet er einen doppelten Herzinfarkt. „Ich hatte wahnsinnig viel Glück“, sagt er rückblickend. Er überlebt, ihm wird ein Schrittmacher eingepflanzt und er muss täglich Tabletten nehmen. Das beendet aber nicht sein Leben auf der Straße. „Ich habe in der Reha nicht gesagt, dass ich keine Wohnung habe“, sagt er mit etwas Bedauern. Er bekommt einen Schwerbehindertenausweis und eine Rente von 400 Euro, zieht aber weiter umher. Dank seines Ausweises darf er kostenlos Regionalbahnen nutzen.

Schließlich entscheidet er sich, die ambulante Hilfe aufzusuchen. „Ich kann nicht mehr weiterziehen. Bald werde ich 70“, erkennt Erwin. Dass er im Landkreis landet, ist ein Zufall. Er ist in der Nähe und dort ist gerade eine Übergangswohnung frei, in der er nun lebt. Allerdings sucht er mit Hilfe der Diakonie eine dauerhafte Bleibe. Ein turbulentes Leben, das jetzt ein wenig zur Ruhe kommt. Dabei wirkt Erwin nicht verbittert. „Wenn ich den ganzen Tag Trübsal blasen würde, würde ich ja psychisch krank werden.“ - bor

Lesen Sie dazu auch:

Interview mit Sozialpädagogin Jenniffer Malenz: „Viele Gründe für Obdachlosigkeit“

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