Wir haben uns bei Wildeshausern zum Putschveruch in der Türkei umgehört

„Keine Armee darf eine gewählte Regierung stürzen“

Servet Zeyrek (links) und Cemal Sönmez lehnen den Putsch ab, weil der Präsident vom Volk gewählt worden ist. - Fotos: Petzold

wildeshausen - Von Phillip Petzold. Fünf Tage sind vergangen, seit die türkische Armee versucht hat, in der Türkei die Macht zu übernehmen. Schnell stand das Scheitern des Putschversuches, bei dem nach offziellen Angaben 290 Menschen ihre Leben verloren, fest. Erdogan ist weiterhin Präsident, und die Aufrührer werden verfolgt. Wir haben mit Wildeshausern über dieses Thema gesprochen.

Zwischen Wildeshausen und Istanbul liegen mehr als 2 000 Kilometer, doch derzeit ist das Land an Europas Grenze sehr präsent. In den Nachrichten sorgen dafür aktuell der Flüchtlingsdeal, Ankaras Rolle im syrischen Bürgerkrieg und die furchtbaren Terroranschläge. Nicht zuletzt kommt die gefühlte Nähe aber durch die Millionen türkischstämmigen Mi-granten und deren Nachkommen, die mittlerweile in Deutschland heimisch geworden sind. Zudem ist die Türkei ein beliebtes Reiseziel für deutsche Touristen – über zwei Millionen von ihnen verbrachten im vergangenen Jahr ihren Urlaub in der Türkei. Was in der Türkei passiert, ist also auch für uns relevant.

„Ich bedaure sehr, dass so etwas in der Türkei passiert, und hoffe, dass es nicht nochmal dazu kommt“, sagt der 37-jährige Imbissbesitzer Cemal Sönmez. Die AKP sei gewählt und habe das Land nach vorn gebracht. „Auch wenn die Regierung Fehler macht. Sie wurde gewählt, und keine Armee hat das Recht, sie zu stürzen“, so Sönmez. Er stammt aus der Stadt Gazyantep im Süden der Türkei. Von dort ist es nicht weit bis zur syrischen Grenze. Auch angesichts der Schrecken des dortigen Bürgerkrieges wünscht sich Sönmez ein friedliches Miteinander: „Egal welche Religion oder Hautfarbe. Wir sind alles Menschen und müssen mit-einnander auskommen.“ Er fürchtet angesichts der unsicheren Lage auch negative Folgen für den Tourismus.

Für Servet Zeyrek waren die Nachrichten über den Militärcoup zunächst ein Schock. „Ein Putsch ist nie gerechtfertigt, denn dabei kommen immer unschuldige Menschen zu Schaden“, so Zeyrek, Angehöriger der Aramäer, einer christlichen Minderheit in der Türkei. Erdogan sei per se kein schlechter Präsident, er wolle das Land verbessern und unter ihm sei die Wirtschaft gewachsen. Doch fürchtet der 42-jährige Besitzer einer Videothek ein Klima des Misstrauens und sieht die freie Meinungsäußerung in Gefahr: „Erdogan ist in religiösen Angelegenheiten nicht neutral. Er muss offener und menschlicher werden. Die Demokratie muss unter Einbeziehung aller gesellschaftlichen Gruppen weiterleben“.

Die 32-jährige gebürtige Wildeshauserin Nadine Hellmich verurteilt den Staatsstreich ebenfalls, fürchtet nun aber die Reaktion des Präsidenten: „Erdogan könnte die Lage ausnutzen, um die Grundrechte weiter einzuschränken und seinen diktatorischen Kurs fortzusetzen. Mich erschreckt vor allem die mögliche Einführung der Todesstrafe – ein K.O.-Kriterium für den EU-Beitritt.“ Ein Staatsstreich ist in ihren Augen aber der falsche Weg: „Die Opposition muss ihre Spaltung überwinden und gegen Erdogan mobilisieren.“ Für Hellmich müsste ein Regimewechsel mit demokratischen und rechtsstaatlichen Mitteln erfolgen. Fraglich sei aber, wie lange das noch möglich ist: „Es ist schon komisch, dass bereits Listen von Personen existierten, die nun aus dem Verkehr gezogen werden.“

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