Interview: Landrat Carsten Harings zur aktuellen Corona-Situation im Landkreis

„Kein Anlass zu Sorglosigkeit“

Hofft, dass die Wirtschaft wieder in Schwung kommt: Landrat Carsten Harings im Interview.
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Hofft, dass die Wirtschaft wieder in Schwung kommt: Landrat Carsten Harings im Interview.

Landkreis – Wegen der Corona-Pandemie ist das gesellschaftliche Leben in Deutschland massiv eingeschränkt. Im Landkreis Oldenburg ist die kumulative Sieben-Tages-Inzidenz seit Beginn des Jahres kontinuierlich gesunken. Doch weiterhin sind viele Geschäfte und Lokale geschlossen, fehlt es an Impfstoff und für viele Menschen an einer Perspektive. In einem Interview bezieht Landrat Carsten Harings Stellung zur aktuellen Situation und dazu, wie es weitergehen kann. Die Fragen stellte Dierk Rohdenburg.

Herr Harings, vor fast einem Jahr wurde im Landkreis Oldenburg der erste Coronafall registriert. Haben Sie damals im Entferntesten geahnt, dass sich die Lage so extrem entwickeln wird?

Als im März 2020 der erste Coronafall im Landkreis registriert wurde, konnte sicherlich niemand ermessen, wie es sich entwickeln würde. Das spiegelt sich auch in den nicht wirklich möglichen Langzeitstrategien von Bund und Land wider. Nicht nur die Konzepte mussten und müssen sich immer wieder anpassen, auch das Virus – siehe Mutationen – passt sich besser an. Dieser Wettlauf zehrt natürlich an den Kräften. Aber ich bin sicher, dass der Mensch ihn gewinnen wird. Dafür sind unzählig viele Personen überall aktiv. Bei der Kreisverwaltung hat sich beispielsweise sehr viel verändert. Seit fast genau einem Jahr arbeiten viele Kolleginnen und Kollegen am Limit, egal ob am Wochenende oder am Feiertag. Auch mein Leben wurde komplett umgekrempelt.

Was vermissen Sie in der Zeit des Lockdowns am meisten?

Wie jeder Mensch auch, das „normale“ Leben mit mehr Geselligkeit und Bewegungsfreiheit. Die aktuellen Beschränkungen sind aber notwendig, um dem Virus Rechnung zu tragen.

Der Inzidenzwert liegt derzeit im Bereich unter 50 im Landkreis Oldenburg. Dürfen wir mit Lockerungen der Einschränkungen rechnen? In den Schulen? In den Maskenpflichtzonen in der Innenstadt oder vor Supermärkten?

Dies geschieht, wann immer möglich, nach den Vorgaben durch das Land Niedersachsen. Die reinen Zahlen vermitteln eine gute Entwicklung, das ist das Werk aller Bürger, die mit großer Disziplin daran mitwirken. Es ist aber derzeit noch überhaupt kein Anlass zur Sorglosigkeit gegeben, denn – auch wenn man es manches Mal nicht mehr hören mag – die Anpassungsfähigkeit des Virus‘ macht Sorgen. Da ist noch zu wenig drüber bekannt, und deswegen ist es gerade jetzt besser, mehr Vorsicht walten zu lassen. Wir werden aber natürlich für Lockerungen eintreten, sobald es zu verantworten ist. Nur es sollte dann auch möglichst nachhaltig sein.

Bis jetzt konnten in den Pflegeheimen im Landkreis gerade mal die Erstimpfungen verabreicht werden. Andere Landkreise sind da weiter. Woran liegt das und wann sind die Pflegeheime durchgeimpft. Wie hoch ist dort die Zustimmung zu Impfungen?

Generell ist die Zustimmung zu Impfungen sehr hoch. In Pflegeeinrichtungen wie auch im privaten Bereich. Andere Landkreise sind auch nicht weiter, denn die Vergabe der Impfstoffe wird zentral über den Bund und das Land gesteuert. Und die Menge der Impfmittel richtet sich strikt an der Einwohnerzahl der Kreise und kreisfreien Städte. Also ist von der Liefermenge auch die Geschwindigkeit abhängig. Hier die Kreise zu vergleichen, funktioniert also nur in der Korrelation zu den Einwohnerzahlen und den Lieferterminen. Den Blick nur auf die verimpften Dosen zu richten, passt nicht ganz. Hinzu kommt, dass es im Landkreis Oldenburg mit 26 vollstationären Einrichtungen überdurchschnittlich viele Alten- und Pflegeheime gibt, in den rund 1 800 Personen leben. Hinzu kommen dann noch mal rund 1 000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Im Übrigen sind die Zweitimpfungen im vollen Gange. Über 1 000 Personen haben sie bereits erhalten und die dreiwöchige Pause zwischen den Impfungen eingerechnet, sind Anfang März alle Einrichtungen mit der Zweitimpfung versorgt.

Auch das Impfzentrum ist erst am 10. Februar in Betrieb gegangen. Relativ spät, oder?

Nein, warum? Es ist nicht spät. Der Landkreis Oldenburg ist einer der ersten Kreise, der sein Impfzentrum in Betrieb genommen hat. Auch hier war und ist der Betrieb abhängig von der vorhandenen Impfstoffmenge. Damit steht und fällt alles. Das Impfzentrum mit den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern war seit dem 15. Dezember bereit und ist top aufgestellt. Das beweisen sie schon seit der ersten Ausfahrt der mobilen Teams in die Seniorenheime. Und mit den Lieferungen der Impfmittel ging es auch unverzüglich und ohne Verzögerungen los.

Wann rechnen Sie mit einer Impfstraße für die unter 65-Jährigen? Und wer wird dort zunächst geimpft?

Wer zuerst geimpft wird, richtet sich nach der Impf-Verordnung der Bundesregierung. Daran orientieren wir uns und daran halten wir uns auch, um damit allen Impfwilligen gerecht zu werden. Denn, auch wenn es etwas Geduld bedarf, jeder, der es will und medizinisch darf, bekommt auch im Laufe des Jahres ein Impfangebot. Es geht aber leider nicht alles auf einmal. Die weitere Impfstraße wird in Betrieb genommen, wenn der entsprechende Impfstoff von AstraZeneca vor Ort ist. Im Impfzentrum wird entsprechend alles vorbereitet, und das ist dort in Begleitung der ärztlichen Leitung durch Dr. Peter Günther und den engagierten Mitarbeitern der Malteser in sehr guten Händen.

Haben Sie sich schon einen Eindruck verschaffen können, wie sehr sich die Einschränkungen des Lockdowns auf die heimische Wirtschaft auswirken? Was kann der Landkreis konkret tun, um zu helfen?

Wenn ich die Auswirkungen dieser Pandemie derzeit vollständig einschätzen könnte, wäre ich ein wenig beruhigter, auch im Hinblick auf die Entwicklung der öffentlichen Finanzen. Es gibt durchaus Anzeichen, dass es den Landkreis Oldenburg gesamtwirtschaftlich vielleicht nicht so hart trifft wie andere Regionen. Unsere Arbeitslosenquote ist immer noch die Geringste in der Region, der Landkreis hat einen ausgeglichenen Branchenmix mit vielen kleinen und mittleren Unternehmen und somit eine hohe Widerstandsfähigkeit im Vergleich zu Regionen mit Monostrukturen.

Mir ist aber auch bewusst, dass ein großer Unterschied zwischen Statistik und tatsächlicher, individueller Situation besteht. Wenn wir gesamtwirtschaftlich mit einigen Blessuren aus der Krise rauskommen, ist es trotzdem für Einzelne eine wirtschaftliche Katastrophe. Kurzarbeit, die in Arbeitslosigkeit übergehen kann, oder Insolvenz des eigenen Unternehmens, das sind schlimme Situationen.

Seit dem 10. Februar in Betrieb: das Impfzentrum des Landkreises Oldenburg in Wildeshausen.

Es gibt besonders betroffene Branchen, die Situation ist für viele sehr schwer. Aber wir müssen da durch, weil das Leben und die Gesundheit eben immer im Vordergrund stehen. Ich bin aber auch davon überzeugt, dass jeder Mensch und jeder Wirtschaftszweig Perspektiven braucht. Wir müssen für unsere Gesellschaft mehr dazu kommen, positive Perspektiven, insbesondere für die besonders betroffenen Branchen, zu eröffnen.

Natürlich haben wir uns Gedanken gemacht, ob und wie wir Unternehmen auch seitens des Landkreises finanziell unterstützen können. Bei allen bürokratischen Hürden und Problemen bei der Auszahlung gibt es eine Reihe von finanziellen Hilfsprogrammen seitens Land und Bund. Wir haben die Frage finanzieller kommunaler Unterstützung ausführlich mit dem Land, den Kammern, den benachbarten Kommunen und unserer Wirtschaftsförderungsgesellschaft diskutiert.

Letztlich haben wir, wie auch die anderen Kommunen, davon Abstand genommen, auch weil wir bei einer kommunalen Förderung in eine Überkompensation zu den Bundes- und Landesprogrammen gekommen wären.

Ich denke, wir tun gut daran, uns Gedanken zu machen, wie wir Unternehmen nach der Krise unterstützen können. Dann wird zutage treten, wie es um die Liquidität der Betriebe wirklich bestellt ist. Die wird durch die Rückzahlungen der Corona-Kredite erheblich stärker belastet werden. Unser Augenmerk muss auch von kommunaler Seite ganz besonders darauf gerichtet sein, Insolvenzen, wo es möglich und finanzierbar ist, zu vermeiden.

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