Ein Jackett für zwei Euro und 20 Stunden Arbeit pro Woche

Neben der Vorsitzenden des Freundevereins, Annette Ueberschär, und dem Referenten Niko Paech waren Ines Trzaska, kaufmännische Direktorin der Diakonie Himmelsthür, sowie Regionalgeschäftsführer Jörg Arendt-Uhde (von rechts) erschienen. - Foto: jm

Wildeshausen - Von Janin Meyer. „20 Stunden Arbeit pro Woche müssten ausreichend sein“, warf Professor Niko Paech eine gewagte These in den Raum. Sein Vortrag mit dem Titel „Darf‘s auch etwas weniger sein? – Leben ohne Wirtschaftswachstum“ sollte beim Freundesmahl des Freundevereins der Diakonie Himmelsthür am Freitagabend zum Nachdenken anregen.

Über Ökologie, soziale Gerechtigkeit und ein Leben mit weniger Konsum, dafür aber mehr Gelassenheit, informierte Paech. Rund 120 Freunde und Förderer des Vereins hatten sich im Festsaal auf dem Gelände der Diakonie Himmelsthür in Wildeshausen eingefunden, um seinen Worten zu lauschen – und für den guten Zweck zu spenden.

„Im vergangenen Jahr konnten wir dank der Spenden einen Sinnesgarten vor der Tagesförderung bauen. Dieses Jahr sind die Spenden für die Anschaffung einer ,Nestschaukel‘ gedacht“, erklärte die Vorsitzende des Freundevereins, Annette Ueberschär, in ihrer Eröffnungsrede. Die Schaukel solle dazu dienen, den Menschen aus der Tagespflege einen Rückzugsort zu bieten.

Nach dem Rückblick auf ein sehr aktives Jahr des Freundevereins waren es die Mitglieder des Popchors des Gymnasiums Wildeshausen, die das Publikum in ihren Bann zogen. Moderne Lieder, präsentiert mit warmen, den Raum ausfüllenden Stimmen, zauberten eine ganz besondere Atmosphäre in den Festsaal, bevor es galt, sich kritisch mit dem eigenen Konsum und der Lebensweise auseinanderzusetzen.

Die Nachhaltigkeitsforschung sieht Umweltökonom Paech an einem Wendepunkt angelangt. „Unser Planet setzt die ökologische Knappheit als natürliche Grenze“, betonte er. So werde der Klimawandel ein umso drängenderes Thema. Doch obwohl die Bundesrepublik Deutschland als Vorreiter gelte, wenn es darum gehe, die CO2-Bilanz mittels durchdachter Technologie zu senken, so sei eben diese Senkung tatsächlich noch nicht ansatzweise erreicht. „Letztlich ist der Versuch der Speicherung des elektrischen Stroms ein ungelöstes Problem“, machte er deutlich. Erneuerbare Energien seien entsprechend zwar sinnvoll, aber bei Dunkelheit und ohne Wind nicht verfügbar.

„Ich möchte keine Angst machen. Dies ist der Versuch, klar zu machen, dass wir uns auf die Technologie nicht verlassen dürfen“, sagte er und erklärte mit Anekdoten, warum ein Stopp des Wirtschaftswachstums ein angstfreieres und ruhigeres Leben bedeuten könne. Paech brachte Zeit als den Preis für Konsum an und betonte, dass es nicht möglich sei, mehr als zwei Dinge gleichzeitig zu tun. Manchmal sei nicht einmal dies möglich, erklärte er anhand eines praktisches Beispiels: So habe er von einem Biobäcker eine Geschichte aus dessen Lehrzeit gehört. Der Meister habe den Gesellen nie erlaubt, während ihrer Arbeit zu singen. Irgendwann erklärte er den Grund: „Ihr kommt mit den Rezepten durcheinander.“ Er forderte einen seiner Gesellen auf, gleichzeitig sein Lieblingslied zu singen und Rosinen zu zählen. Sollte das gelingen, dürfe er auch bei der Arbeit singen. „Es hat nie wieder jemand bei der Arbeit gesungen“, sagte Paech mit einem Lachen.

„Wir brauchen zwar eine Währung, um modern zu bleiben, aber die geldwerte Arbeit müsste umverteilt werden“, regte der Ökonom zum Nachdenken an. Viele Konsumgüter hätten heute eine viel zu kurze Lebensdauer. „Würden wir diese verlängern, könnten wir nicht nur Geld sparen, sondern auch Zeit“, betonte er. Sein eigenes Jackett habe nur zwei Euro gekostet – gebraucht, nannte er ein Beispiel.

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