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„Hauptsache Todesurteil“: Ex-Gilde-Staatsanwalt Heini Boning im Interview

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Von: Ove Bornholt

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Redegewandt: Heini Boning hatte viele verrückte Fälle zu bearbeiten, zum Beispiel den Harem seinen Richter-Kollegen Carsten Müller, der 2016 vorm Gildegericht stand.
Redegewandt: Heini Boning hatte viele verrückte Fälle zu bearbeiten, zum Beispiel den Harem seinen Richter-Kollegen Carsten Müller, der 2016 vorm Gildegericht stand. © ts

Mit der Todesstrafe war er immer schnell bei der Hand: Gilde-Staatsanwalt Heini Boning blickt im Interview zurück auf 50 Jahre beim Gildegericht Wildeshausen.

Wildeshausen – 50 Jahre lang war Heini Boning Teil des Gildegerichts und sorgte als scharfzüngiger Staatsanwalt für jede Menge Todesurteile. Im Interview erzählt er, wie er das Gildefest schätzen gelernt hat und welche denkwürdigen Fälle ihm im Gedächtnis geblieben sind.

Herr Boning, lange Jahre waren Sie Staatsanwalt. Ich kann mich erinnern, dass das Gericht eine Kellnerin verurteilt hat, weil sie versucht haben soll, die Wache zu vergiften.

Solche Kindereien kamen oft vor. Vielweiberei war ein häufiger Vorwurf. Ich war Ankläger und fing an, irgendwelchen Quatsch zu reden, was die Leute denn getan hatten. Es ist immer das gleiche Gesabbel, was da so erzählt wird. Hauptsache Todesurteil: Der Angeklagte wird geteert und gerädert und den Burgberg runtergejagt. Vorher noch eine Henkersmahlzeit bei Bäcker Alois Menke, Brötchen mit warmer Milch, sagte ich früher. Bei Katholiken habe ich immer gesagt: Wenn Sie beichten wollen, können Sie das noch tun.

Wie sind Sie denn überhaupt zum Richter-Amt gekommen?

Als junger Mann hatte ich mit dem Schützenfest gar nichts am Hut. Das war jugendliche Arroganz. Die piefigen Wildeshauser waren mir zu dumm. Das kam ein bisschen von zu Hause.

Wie meinen Sie das?

Mein Vater kommt aus Südoldenburg, und ich bin sehr katholisch erzogen worden. Das Gildefest war nichts für uns. Das sei ein Sauffest, meinte mein Vater. Es sei mit der Kirche nicht vereinbar. Er war sehr streng und lange Jahre Soldat gewesen, auch im Ersten Weltkrieg. Das hat ihn wohl geprägt.

Und wann hat sich Ihre Einstellung verändert?

Ich begegnete abends in einer Kneipe einem Klempnermeister, Heini Rademacher. Ein bekannter Mann in der Stadt, der gerne mal ein Feierabendbier trank. Und er hat tiefgründig argumentiert. Heimat sei etwas, das einem Halt gebe, und das man brauche, wenn man in die Welt hinauszieht. Er hat mir einen großen Vortrag gehalten. Mit Arroganz und Einbildung würde ich nichts im Leben werden. Ich habe mir Gedanken dazu gemacht und bin dann Anfang der 1960er-Jahre zum ersten Mal ausmarschiert.

Und es hat Ihnen gefallen?

Bäckermeister Alois Menke in Zwischenbrücken war unser Offizier, ein Sparsamkeitsfanatiker. Er schickte uns in den Garten nach hinten und gab uns nur eine Flasche Bier. Wir waren ja gerade erst ausmarschiert und durstig. Ich bin dann nebenan gewesen, da war eine Kneipe, und wollte Bier holen. Im Wohnzimmer von Menke saßen währenddessen die Offiziere bei Torte, Gebäck, Kaffee und Schnäpsen. Da dachte ich, die Standesunterschiede sind aber gewaltig, da mache ich nicht mehr mit. Ich bin dann nicht mehr ausmarschiert, habe aber auch nicht rumgemeckert.

Sie sind 1967 Richter geworden. Wie kommt man denn zu diesem Amt?

An Himmelfahrt sind die Gesangsvereine in die Lehmkuhle marschiert, haben getrunken und gesungen. Ich war auch da mit einem Freund, habe auch viel getrunken. Und am nächsten Tag sagte man mir, ich sei ja jetzt Richter. Ich sagte: Was? Wie das denn? Alles sei abgemacht, hieß es, aber niemand wusste Bescheid, der Hauptmann der Wache nicht, die anderen Richter auch nicht. Da habe ich das dann erst einmal gemacht.

Das klingt nicht so begeistert.

Nach zehn Jahren hatte ich die Nase voll. Es passte mir nicht, dass ich so geregelte Zeiten hatte. Wir versammelten uns immer am Pfingstdienstag, bevor die Krawallerei losging. Ich musste mich benehmen und vernünftig anziehen. Da habe ich einen Brief an den Hauptmann der Wache geschrieben. Ich wollte frei und unabhängig sein als kleiner Schwarzrock.

Doch daraus wurde dann ja auch nichts.

Da war eine Ausstellung mit Pfingstbildern im Rathaus von Alfred Panschar. Die Bilder waren nicht so wichtig, aber ich habe mir die Menschen angeguckt, die auf die Bilder gezeigt und viele Geschichten erzählt haben. Da wurde mir klar, wie eng die Gemeinschaft in Wildeshausen ist. Das ist mir vorher gar nicht so aufgefallen. Da habe ich nachgedacht, habe beim Wache-Hauptmann angerufen und gesagt, er soll den Brief wegschmeißen. Manchmal lässt man sich durch solche kleinen Impulse beeindrucken.

Stattdessen folgten lange Jahre als Staatsanwalt am Gildegericht. Aber besonders ernst waren Sie nicht, oder?

Da muss ich eine Geschichte erzählen. Wir Richter saßen im Lindenhof, wollten uns umziehen, hatten aber schon was getrunken. Dann kam der Bezirksschornsteinfeger mit seinem Gesellen. Die hatten so einen Stapel Zettel mit dem Hinweis „Morgen kommt der Schornsteinfeger“ und Auflagen, die man erfüllen sollte wie das Bereitlegen von nassen Lappen. Ich sah die Zettel, und der Schornsteinfeger war am Trinken. Da bin ich schnell mit dem Stapel zu einer kleinen Druckerei an der Ecke Kirchstraße/Düsternstraße und habe darum gebeten, hinzuzufügen: „Ihre Frau muss sauber gewaschen sein.“ Die Zettel wurden dann so verteilt. Später habe ich auf einer anderen Feier in Oldenburg gehört, wie Schornsteinfeger über die Geschichte gelacht haben. Eine schöne Gelegenheit, etwas Blödsinniges zu machen.

Hat man denn mit Ihrer Ernennung zum Richter den Bock zum Gärtner gemacht?

(Lacht) Das kann man so sagen. Aber weil ich niemandem etwas verraten habe, wurde ich auch nicht angeklagt.

Aber dafür hatten Sie so manchen schwierigen Fall. Erzählen Sie doch mal von einem, der Ihnen im Gedächtnis geblieben ist.

Es war ein Polizist angeklagt. Ich habe ihn erst gelobt, seine Eltern hätten ihm eine gute Bildung angedeihen lassen und er habe gar noch die Polizeischule besucht. Dann fragte ich: Und was ist aus Ihnen geworden? Ein völlig überflüssiger Dorfsheriff in Dötlingen. Der Mann war beleidigt und hat Strafanzeige gestellt, aber nach Vermittlung durch einen Richterkollegen – im Zivilberuf Polizist – zurückgenommen. Dabei habe ich zu manch anderen Leuten noch viel schlimmere Dinge gesagt.

Wenn Sie jetzt, nach mehr als 50 Jahren in der Gilde, zurückblicken, was sagen Sie dann zum Gildefest?

Der Höhepunkt meiner Laufbahn war, als meine jüngsten Enkelkinder – dreieinhalb Jahre alt – trommelnd und singend vor Gericht erschienen. Das Gildefest besteht nicht so sehr aus dem, was man sieht. Kleinigkeiten wie beispielsweise der Dienst des Pfingstbaumkommandos oder die Anfertigung der für den Abschuss bestimmten Vögel – traditionell durch die Familie Kreienborg – sind interessanter als manches andere.

Die Richterei war lustig, wenn Einwände kamen. Sonst war es immer dasselbe Gesabbel. Und ich musste immer das Gleichgewicht halten, durfte nicht nüchtern sein, sonst konnte ich nicht quatschen. Ich durfte aber auch nicht zu viel trinken, dann kriegt man ja gar nichts mehr voreinander. Wir haben ja immer so getan, als wenn wir Wein und Schnaps trinken. Aber das waren unsere Flaschen, die wir mitgebracht haben. Da war Wasser drin. Aber die Gäste haben natürlich Wein und Schnaps gekriegt (lacht).

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