Fälle auch im Landkreis Oldenburg

Mit Informationen gegen Clanstrukturen: Ausstellung zum Thema Zwangsverheiratung

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Setzen auf Informationen: Karin Kohorst-Thölke (l.) und Britta Hauth.

Mit dem Malstift gegen die geraubte Kindheit: Noch bis zum 30. Oktober ist im Foyer des Kreishauses eine Ausstellung mit 21 Bildern zu sehen, in denen Schülerinnen aus der Osttürkei die Themen Zwangsheiraten und Kinderbräute darstellen. Die Werke sind im Rahmen von Malwettbewerben entstanden, die von der türkischen Frauen- und Menschenrechtsorganisation „Yaka Koop“ mit Unterstützung der deutschen Frauenrechtsorganisation „Terre des Femmes“ initiiert worden war. Britta Hauth, Gleichstellungsbeauftragte des Landkreises Oldenburg, und ihre Vorgängerin Dorothea Debbeler, hatten sich darum bemüht, diese Sammlung in der Kreisstadt zeigen zu können.

Wildeshausen – Kinderehen sind in Deutschland verboten, Zwangsheiraten werden bestraft, die Osttürkei ist weit weg: Jedoch kommen solche Fälle auch im Landkreis Oldenburg vor, erzählten Hauth und die Sozialpädagogin Karin Kohorst-Thölke, die das Frauenhaus des Landkreises leitet, am Freitag – dem internationalen Weltmädchentag – im Gespräch mit unserer Zeitung.

Etwa sechs Fälle von erwachsenen Frauen habe ihr Team in diesem Jahr betreut, berichtete Kohorst-Thölke. Für Mädchen und junge Frauen, die noch nicht volljährig sind, sei zunächst das Jugendamt zuständig. Kontakt zu den Frauen, die Hilfe suchen, bekomme sie neben Beratungsstellen wie „Biss“ (Beratungs- und Interventionsstelle bei häuslicher Gewalt) oder dem Frauen- und Mädchentelefon „Aufwind“ vor allem über Multiplikatoren – etwa Lehrer oder Trainer in Vereinen, aber auch von der Polizei.

Die betroffenen Frauen stammen zumeist aus Clanfamilien, die stark hierarchisch organisiert sind, beschreibt Kohorst-Thölke. Diese Struktur hätte sich für die Familien in deren angestammten Kulturkreisen bewährt, etwa bei Schutz vor Verfolgungen. Eine Heirat, die teilweise schon nach der Geburt eines Kindes ausgehandelt oder versprochen worden ist, nicht einzuhalten, gelte als Schande für den gesamten Clan. „Sie leben das dann hier weiter“, gibt sie einen Einblick in die Zusammenhänge. Das strikte Einhalten von derartigen Regeln sei für das Funktionieren der Gruppen notwendig – die Konsequenzen, insbesondere hierzulande, seien natürlich strikt abzulehnen, so Kohorst-Thölke. Und so sind die Einzelfälle tatsächlich dramatisch, etwa wenn eine junge Frau unter größter Geheimhaltung von der Polizei abgeholt, in das Frauenhaus gebracht und von dort aus in eine weit entfernte Stadt vermittelt wird. Doch merke sie, dass sich die Situation über die Jahre ändere: So komme es vor, dass die Clans verhandeln wollen und sogar, dass ein „Clan-Chef“ eine Hochzeit abgesagt hat. Das sei etwas völlig Neues und vor Jahren noch undenkbar gewesen. „Wir müssen Informationen in die Systeme hineinbekommen“, setzt Kohorst-Thölke auf fortwährende Veränderungen. Ansatzpunkte dafür seien etwa Sprachklassen. Es gelte, die Bereitschaft zu schaffen, um von den alten Strukturen wegzukommen. „Es entwickelt sich“, sagte sie abschließend, „und das relativ schnell.“

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