Interview mit Pfarrer Ludger Brock

„Ich finde es zum Heulen, zum Schreien“

+
Kirche und Arbeit

Wildeshausen - In jüngster Zeit steht die katholische Kirche in Deutschland vermehrt wegen Missbrauchsfällen in der Kritik. Im Interview erzählt der Wildeshauser Pfarrer Ludger Brock, was er über das Zölibat denkt und wie der Schutz von Kindern und Jugendlichen gewährleistet werden kann. Die Fragen stellte Ove Bornholt.

Herr Brock, das Bistum Münster, zu dem auch Wildeshausen und Ahlhorn gehören, hat wie viele andere Bistümer Zahlen zum Missbrauch von Kindern und Jugendlichen veröffentlicht. Gibt es Fälle aus Wildeshausen oder Ahlhorn?

Brock: Mir persönlich ist keiner bekannt. Aber diese Problematik betrifft mich schon. Ich finde es zum Heulen, zum Schreien. Es ist unglaublich und entsetzlich, was da passiert ist.

Die katholische Kirche geht zurzeit offener mit dem Thema um als in der Vergangenheit. Reicht das?

Brock: Jeder einzelne Fall ist schlimm. Und da gibt es nichts zu entschuldigen. Was meiner Meinung nach aber kaum erwähnt wird, ist, dass die katholische Kirche seit 2010, als die ersten Fälle bekannt wurden, angefangen hat, das Thema aufzuarbeiten. So mache ich als Priester seit fünf, sechs Jahren Fortbildungen zum Thema Prävention.

Wie konkret?

Ludger Brock

Brock: Es gibt Fortbildungen und Kurse. Da geht es um Opfer und darum, herauszufinden, ob jemand ein Täter sein könnte. Ich selbst habe gerade vor drei Wochen noch eine Fortbildung gemacht. Das ist bei den Hauptamtlichen, die mit Kindern umgehen, alle paar Jahre verpflichtend, auch in unseren kirchlichen Einrichtungen. Bei diesen Fortbildungen geht es gezielt um das Thema Gewalt und Missbrauch von Kindern und Jugendlichen in allen Bereichen, nicht nur in sexueller Hinsicht. Zur Zeit arbeiten wir in unserer Pfarrgemeinde an einem Präventionskonzept.

Geht es bei den Fortbildungen auch um das Verhalten in bestimmten Situationen?

Brock: Unsereins denkt natürlich öfter über sein Verhalten nach. Wenn ich zum Beispiel sehe, dass das Gewand eines Messdieners kurz vor der heiligen Messe schief liegt, gehe ich nicht einfach hin, fasse ihn an und rücke es gerade. Das habe ich in meinem ganzen Leben noch nie gemacht. Es gilt: Immer erst fragen – Nähe und Distanz ist wichtig. Durch Körperkontakt kann leicht etwas entstehen. Normalerweise, wenn man geistig gesund ist, hat man ja auch einen inneren Sensor für solche Situationen.

Und wie gehen Sie damit um, wenn es Gerüchte über sexuelle Gewalt gibt?

Brock: Wenn ich als leitender Pfarrer der Gemeinde etwas hören würde, würde ich dem nachgehen. Und wenn konkret etwas vorliegt, geht das sofort zur Anzeige. Das muss auch so sein. Man muss aber vorsichtig sein. Wenn es nur ein Gerücht ist, gilt: im Zweifel für den Angeklagten. Sonst werden Personen schnell gebrandmarkt. Mittlerweile haben wir speziell Beauftragte Personen für diesen Bereich im Bistum.

Früher gingen große Teile der Kirche offenbar anders vor. Zum Beispiel wenn verdächtige Geistliche einfach auf andere Stellen versetzt wurden.

Brock: Richtig, das liest man manchmal. Dafür habe ich kein Verständnis. Das sind Straftaten, die müssen geahndet werden.

Es gibt ja auch die Idee, dass das Zölibat, also sexuelle Enthaltsamkeit, eine Rolle für den Missbrauch spielt.

Block: Ich persönlich glaube nicht, dass das ein alleiniger Auslöser für derartige Taten ist. Wenn ein Priester sich an jemandem vergeht, glaube ich, dass in seiner Sexualität etwas nicht stimmt. Und zwar auch schon, bevor er sich zum Zölibat entschlossen hat.

Der offene Umgang mit Sexualität passt nicht recht zum Bild einer katholischen Kirche, der ja von vielen eine verklemmte Sexualmoral nachgesagt wird.

Brock: Natürlich, früher hat die Kirche immer gesagt: Sexualität ist böse. Aber man muss darüber reden. In der Gemeinde hier vor Ort muss jeder, der mit Kindern und Jugendlichen zu tun hat, eine kleine Schulung machen und ein erweitertes Führungszeugnis vorlegen. Selbst unsere Pfarrer im Ruhestand müssen eine Fortbildung machen. Sie feiern schließlich Messen, und in der Sakristei gibt es Messdiener. Da wird hingeschaut. Und das finde ich gut, das muss so sein.

Sie als Geistlicher sagen selbst: Gut, dass hingeschaut wird. Wenn man an frühere Jahrzehnte zurückdenkt, sind Pastoren vor allem als Respektspersonen wahrgenommen worden.

Brock: Die Gesellschaft war damals eine andere. Der Pastor galt als ein Mann Gottes, der machte keine Fehler. Wenn ich als Kind zu Hause erzählte, der Pastor hat schlecht gepredigt, dann meinten meine Eltern: Das sagt man nicht. Dabei muss man Geistliche kritisieren dürfen oder über ihr Fehlverhalten sprechen. Ich bin froh, dass die Gesellschaft heute genauer hinguckt, und glaube, das potenzielle Täter durch unser genaueres Hinschauen auch abgeschreckt werden können.

Haben Sie selbst gemerkt, dass Eltern zögern, Kinder in Ihre Obhut und die der Kirche zu geben?

Brock: Konkret nicht, das hat mir noch niemand gesagt. Ich finde es schade, dass wir Geistliche unter Generalverdacht gestellt werden, und hoffe, dass die Kinder- und Jugendarbeit nicht zu sehr darunter leidet. Es ist gut, dass die katholische Kirche offen an das Thema ran geht. Und wenn etwas passiert, heißt es: Anzeigen ohne Wenn und Aber. Aber auch niemals vergessen, dass die Kirche durch viele, viele Mitarbeiter sehr viel Positives für den Glauben und das Leben bewirkt.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema:

Brände in Kalifornien - Trump wütet auf Twitter

Brände in Kalifornien - Trump wütet auf Twitter

Flammenhölle von Malibu trifft auch Promis

Flammenhölle von Malibu trifft auch Promis

Wie werde ich Manufakturporzellanmaler?

Wie werde ich Manufakturporzellanmaler?

Brexit: Neue Dynamik, aber kein Durchbruch

Brexit: Neue Dynamik, aber kein Durchbruch

Meistgelesene Artikel

Mercedes zerschellt am Baum – Fahrer stirbt am Unfallort

Mercedes zerschellt am Baum – Fahrer stirbt am Unfallort

Überholversuch im Regen scheitert: Fahrer stirbt bei Unfall

Überholversuch im Regen scheitert: Fahrer stirbt bei Unfall

Der Gänsemarkt erweist sich als Publikumsmagnet

Der Gänsemarkt erweist sich als Publikumsmagnet

Sudanese bei Flüchtlingsheim in Oldenburg erstochen

Sudanese bei Flüchtlingsheim in Oldenburg erstochen

Kommentare