Geflügelte Hunde und Lebensbäume: „Die Symbole sind keine Deko, alles hat Bedeutung“

Historiker entschlüsselt Alexanderstoff

Der Alexanderstoff: In der oberen Reihe befinden sich geflügelte Hunde, in der Mitte sieben Perlen für die sieben hingerichteten Brüder und unten Lebensbäume mit fünf Ästen für die Wunden Christi am Kreuz. Sie wurzeln in fünf Perlen, stellvertretend für die fünf Bücher Mose. Foto: Bürger- und Geschichtsverein

Wildeshausen - Von Ove Bornholt. Alt ist er nicht geworden, der heilige Alexander, dessen Gebeine Wildeshausen im Mittelalter berühmt gemacht haben. Schon mit zehn Jahren wurde er von den Römern enthauptet, genau wie seine sechs Brüder. Und alles vor den Augen seiner später ebenfalls hingerichteten Mutter Felicitas, die ihre Kinder ermuntert hatte, zu ihrem christlichen Glauben zu stehen. Das war in Rom in der Mitte des zweiten nachchristlichen Jahrhunderts eine lebensgefährliche Entscheidung, denn an sich herrschte Religionsfreiheit, aber den römischen Göttern musste gehuldigt werden. Letzteres vertrug sich allerdings schwer mit dem Alleinstellungsanspruch des christlichen Gottes, was denn auch das Leben von Alexander und Co. gefordert hat. So erzählt es zumindest die Legende.

Die Knochen des jungen Märtyers schlummerten jahrhundertelang in einer dunklen römischen Katakombe, bis Sachsen-Herzog Waltbert, ein Enkel des großen Widukind, die Überreste 850/51 nach Wildeshausen überführte und damit den Aufstieg der Siedlung zur bedeutenden Stadt im Oldenburger Land begründete. Eingewickelt waren die Gebeine in ein kunstvolles Tuch, den Alexanderstoff. Davon und von den Knochen ist im Laufe der Jahrhunderte immer mehr verloren gegangen. Übrig sind noch eine linke Elle und ein 31,3 mal 9,4 Zentimeter großes Stück Stoff. Und die Bedeutung der Symbole darauf will der Historiker und 2018 in Rente gegangene Leiter des Zeughaus-Museums in Vechta, Axel Fahl-Dreger, nun entschlüsselt haben.

Am Mittwochabend berichtete der Diepholzer vor rund 40 Zuhörern in einem Vortrag des Bürger- und Geschichtsvereins im historischen Rathaus in Wildeshausen von seinen Forschungen. Mit dem Tuch „hat sich bisher noch keiner beschäftigt. Ich sage: Es lohnt sich, da genau hinzugucken“, betonte Fahl-Dreger. Er ist überzeugt: „Da ist kein Zufall drin. Die Symbole sind keine Dekoration, alles hat Bedeutung.“

Legende vermischt sich mit Siebenschläfern

Während seines Vortrags verirrte sich der Forscher zwar etwas in der Geschichte der römischen Katakomben und kam erst nach einer Dreiviertelstunde auf den Alexanderstoff zu sprechen, aber dabei förderte er durchaus Interessantes zutage. Das Tuch stamme aus dem byzantinischen Reich und sei sehr wertvoll gewesen, womöglich war es einst Teil eines Priestergewands. Interessant ist, dass die Symbole offenbar auf den heiligen Alexander abgestimmt sind. „In der Mitte befinden sich Podeste mit sieben Perlen. Und es waren sieben Brüder“, so Fahl-Dreger.

Oben erkennt der Historiker geflügelte Hunde, die ebenfalls einen Bezug zu Alexander haben. Denn dessen Legende vermischte sich im sechsten Jahrhundert mit den Siebenschläfern, sieben jungen Christen, die in einer Höhle in Ephesos an der türkischen Ägäisküste eingemauert wurden und verhungern sollten, stattdessen aber einschliefen und nach Jahrhunderten erwachten, die ganze Zeit bewacht von einem Hund. Außerdem gelte das Tier als „Seelenführer“. „Das Motiv findet sich oft in den römischen Katakomben. Es steht für die Rettung der Seele aus der Todesnot.“

Bleiben noch die Symbole am unteren Rand. Das seien Lebensbäume mit fünf Zweigen für die Wunden Christis am Kreuz. Und die fünf Perlen unter den Bäumen stünden als Wurzeln gleichsam für die fünf Bücher Mose.

Für seine Recherchen hatte sich Fahl-Dreger auf die Spuren von Alexander begeben und die Katakomben in Rom besucht. Außerdem wertete er Altarbilder und natürlich den Märtyrerbericht der Mutter, der heiligen Felicitas, sowie die Aufzeichnungen über die Überführung (Translatio) der Gebeine nach Wildeshausen aus. Und die geben auch nach Jahrhunderten immer noch Rätsel auf. Denn ob es sich wirklich um Knochen von Alexander handelt, ist nicht bewiesen. Laut Fahl-Dreger entspricht die Länge der Elle den Körpermaßen eines zehnjährigen Jungen, aber eine genaue Analyse, zum Beispiel mit Radiokohlenstoff, gibt es nicht.

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