Helena Stein hilft, wenn die Not groß ist

Hört zu, gibt Ratschläge und stellt Anträge: Helena Stein vom Sozialverband SoVD versucht, den Menschen, die zu ihr kommen, zu helfen. Foto: bor

Zu Helena Stein kommen Menschen, denen es schlecht geht, die Hilfe brauchen und die am komplizierten Sozial- oder Rentenrecht verzweifeln. Die Anwältin des Sozialverbands SoVD bietet alle vier Wochen eine Sprechstunde in Wildeshausen an. Sie hilft Menschen, die ohne sie kaum eine Chance hätten, an das Geld zu kommen, das ihnen zusteht.

VON OVE BORNHOLT

Wildeshausen – Dienstag, 13 Uhr: In einem der hinteren Räume des DRK-Mehrgenerationenhauses in Wildeshausen sitzt Herr Meier, der seinen echten Namen – wie die anderen Akteure in diesem Artikel bis auf Helena Stein – nicht in der Zeitung lesen möchte. Der 87-Jährige kann nach „46 Jahren auf dem Bau“, wie er sagt, kaum laufen. Er schlurft nur noch, behilft sich mit einem Stock. Seine Knochen seien kaputt, er dürfe sein Auto aber nicht auf Behindertenparkplätzen abstellen, sagt der Rentner, der seine Unterlagen in einem grünen Schnellhefter mitgebracht hat. Ihm fehlt der Hinweis „außergewöhnliche Gehbehinderung“ (aG) im Ausweis. Sein Antrag beim Landessozialamt wurde abgelehnt.

Kaum eine Chance auf Behindertenparkplatz

„Sie haben aG nicht bekommen, weil Sie kein Rollstuhlfahrer sind“, erklärt Helena Stein. Die Anwältin arbeitet beim Sozialverband SoVD und bietet alle vier Wochen eine Beratung in Wildeshausen an. Diese ist für Mitglieder kostenlos und für Herrn Meier in diesem Fall ernüchternd. „Das Landessozialamt ist da im Moment knallhart“, sagt Stein. „Die Voraussetzungen sind wahnsinnig hoch. Und die Leute, die aG brauchen, bekommen es nicht.“ Auf Meiers Wunsch hin legt sie Widerspruch gegen den Ablehnungsbescheid ein. Dafür nimmt der SoVD eine Pauschale von zehn Euro. Und der 86-Jährige kann zumindest eine vorübergehende Erlaubnis für Behindertenparkplätze kriegen. Steins roter SoVD-Kugelschreiber flitzt übers Papier. Die Kunden kommen auf Anmeldung, sodass die 32-Jährige viele Anträge und Unterlagen schon dabei hat.

Nach 40 Minuten verabschiedet sich Herr Meier, nicht ohne noch über Privates geschnackt zu haben. Stein steht auf und begrüßt den nächsten Fall. Die Juristin hat sich schon im Studium auf das Sozialrecht spezialisiert. Jetzt sitzt die gepflegt aussehende Frau Stefani vor ihr – Anfang 60, schulterlange Haare und ungeduldig. „Es ist wirklich dringend“, sagt Stefani hektisch. Sie bekomme jetzt Arbeitslosengeld, und ein Antrag auf Erwerbsminderungsrente stehe im Raum. „Niemand kann Sie zwingen, mit Abschlägen in Rente zu gehen“, beruhigt Stein die Frau, die aus Krankheitsgründen nicht mehr in ihrem alten Beruf nachgehen kann.

Die Arbeitsagentur möchte, dass sich die Seniorin um eine neue Stelle in einem anderen Bereich bewirbt, und hat sie aufgefordert, potenzielle Arbeitgeber anzurufen. Das könne sie nicht, betont Stefani entschieden. Sie sei dazu psychisch gar nicht fähig. Mit großer Geduld erklärt Stein die Lage und ermuntert ihre Kundin, doch den einen oder anderen Anruf zu tätigen. Die ist sichtlich verunsichert. Nach 40 Arbeitsjahren weiß sie nicht so recht, was sie tun soll. Schlussendlich verbleiben Stein und Stefani dabei, dass Letztere sich telefonisch meldet, wenn die Arbeitsagentur wegen der Bewerbungen nachfragt.

Erwerbsminderung: Kämpfen um die Rente

Eine Viertelstunde hat dieses Gespräch gedauert, und schon steht der nächste Kunde in der Tür. Herr Moor bringt gute Nachrichten mit: Sein Antrag auf Erwerbsminderungsrente ist zumindest teilweise genehmigt worden, sagt der braun gebrannte Mann mit kurzärmligem Hemd, Stirnglatze und Brille. Nach mehreren Bandscheibenvorfällen sowie angesichts von Diabetes und Herzbeschwerden ist der Mittfünfziger unsicher, ob er Widerspruch einlegen und versuchen sollte, die volle Erwerbsminderungsrente zu erhalten. Eine Alternative nach 42 Arbeitsjahren sieht er nicht. „Die Demütigung eines Hartz-IV-Antrags kann ich nicht ertragen“, sagt er. Es gehe ihm um ein würdiges Auskommen für sich und seine Familie, betont Moor.

Was den Antrag angeht, macht Stein ihm wenig Hoffnungen. Denn Moor fängt bald eine Teilzeitstelle an. „Es ist schwierig, der Rentenversicherung das zu verkaufen“, sagt Stein. Dennoch mache es Sinn für ihn, weiter zu kämpfen. Denn er könne den Anspruch auf die Teilrente nicht verlieren. „Sie können nur gewinnen“, so Stein. Und wieder flitzt ihr SoVD-Kugelschreiber über ein Antragspapier. „Die Widerspruchsfrist läuft in zwei Tagen aus“, informiert Moor sie besorgt. „Das ist kein Problem. Ich faxe das heute noch raus“, erwidert Stein, die tagtäglich mit derartigen Anträgen zu tun hat. Jetzt muss Moor neue Atteste beibringen. „Geht das Martyrium mit den Gutachtern weiter?“, fragt er. „Das kann sein“, meint Stein mitfühlend. „Es wird schwer, aber wir versuchen alles“, verspricht sie. Nach einer halben Stunde verabschiedet er sich.

Stein hat ein paar Minuten Luft, bis der nächste Kunde kommt. „Wer lange krank ist, rutscht schnell in eine Spirale rein“, sagt sie. Es gebe Fälle, die sie lange beschäftigen würden. „Wenn Kinder betroffen sind. Oder wenn es um einen schweren Unfall geht.“ Viel Zeit zum Luftholen zwischen den Fällen bleibt nicht. Jetzt kommt auch schon die nächste Kundin. Die 62-jährige Frau Fockbeck steckt in Schwierigkeiten, weil ihr Arbeitgeber insolvent ist. In den letzten Monaten kam das Gehalt unregelmäßig, und jetzt ist sie auf Hilfe vom Amt angewiesen. Bei der Arbeitsagentur habe man ihr gesagt, sie solle sich doch mal vom SoVD beraten lassen, sagt Fockbeck. Deswegen ist sie nun mit ihrer Tochter und zwei dicken Ordnern mit Unterlagen hier. Beide wollen prüfen lassen, ob die Bescheide von der Gemeinde über Wohngeld und von der Agentur über Arbeitslosengeld korrekt sind.

Arbeitgeber insolvent – und was jetzt?

Stein meint, dass Letzterer wahrscheinlich richtig sei, denn die Agentur würde sich sehr selten verrechnen. Um die Bewilligung der Kommune zu prüfen, fehlen ihr aber Unterlagen. Die Anwältin nutzt den Besuch des Duos, um der älteren Frau ins Gewissen zu reden. „Sie haben nur eine Gesundheit“, mahnt sie. Aus guten Gründen, denn Fockbeck hat schon einiges hinter sich, ist neulich beim Probearbeiten für eine neue Stelle zusammengeklappt. „Nehmen Sie sich eine Auszeit und klären Sie ab, was Sie haben“, rät Stein. Und: „Wenn Sie etwas von der Rentenversicherung wollen: Facharzt, Facharzt, Facharzt.“ Nur zum Hausarzt zu gehen, helfe nicht.

Vielleicht wäre eine Reha gut, überlegen Fockbeck und ihre Tochter. Ein erster Antrag sei aber schon abgelehnt worden. Stein macht den beiden Frauen Mut und bittet sie, Bescheinigungen vom Facharzt zu besorgen. Damit sei die Bewilligung der Reha wahrscheinlicher. Und Stein bietet auch Hilfe beim erneuten Stellen des Antrags an. Fockbeck macht gleich einen Termin für die nächste Sozialberatung im Oktober aus, denn im September ist Stein ausnahmsweise nicht in Wildeshausen. Aber bald ist die 32-Jährige wieder da, um Menschen zu helfen, die Unterstützung im Paragrafendschungel brauchen.

Termine

Helena Stein ist im Normalfall jeden zweiten Dienstag im Monat von 13 bis 15 Uhr im Mehrgenerationenhaus. Damit sie ihre Termine besser planen kann, sollten sich die Kunden unter Telefon 0441/26887 beim SoVD in Oldenburg anmelden.

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