Viele Leser sind skeptisch

Hakenkreuze an Rathaustür sind aus den 30ern – Muster wurde nach Krieg abgeändert

Zwei Kreise aus Hakenkreuzen am Türknauf des Rathauses. Durch die Bildbearbeitung (gelbe Linien) lassen sie sich gut erkennen. Fotos (3): dr
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Zwei Kreise aus Hakenkreuzen am Türknauf des Rathauses. Durch die Bildbearbeitung (gelbe Linien) lassen sie sich gut erkennen.

Offenbar sind rund 80 Jahre lang viele Tausend Wildeshauser und Gäste durch den Wacheeingang des historischen Rathauses in Wildeshausen gegangen und haben dabei sowohl von innen als auch von außen einen Türknauf berührt, der rundum mit Hakenkreuzen verziert ist – und zwar sowohl am Griff als auch am Beschlag.

  • Zwei Knäufe an der Wildeshauser Rathaustür sind mit Hakenkreuzen verziert
  • Die Knäufe wurden Ende der 30er-Jahre angebracht und wurden nach dem Krieg abgeändert
  • Nach 80 Jahren wurden die Symbole durch Zufall entdeckt
  • Die Relikte aus der Nazizeit wurden eingeschlossen

Update, 20. Dezember: Handelt es sich bei den Hakenkreuzen auf zwei Türknäufen am historischen Rathaus von Wildeshausen nur um ein nettes „Unendlichkeitsornament“ oder ist es tatsächlich ein Relikt aus der Zeit des Nationalsozialismus? Diese Frage beschäftigt viele Leser unserer Zeitung. Während manche von einem „Aprilscherz“ sprechen oder überall, an Kleiderständern (von oben gesehen) oder an der Fassade der Waterfront in Bremen, Hakenkreuze sehen, die nun einmal zufällig entstehen, bestätigte Heimatforscher Alfred Panschar, dass die Knäufe mit den Hakenkreuzen tatsächlich im Rahmen des Umbaus des Rathauses Ende der 1930er-Jahre angebracht wurden – ohne allerdings über schriftliche Quellen zu verfügen.

Hakenkreuze wurden nach Krieg abgeändert

„Das Muster ist dann gleich nach dem Krieg geändert worden“, teilte er auf Nachfrage mit. „Stadtdirektor Theodor Cohn hat veranlasst, dass die Türknäufe bearbeitet werden.“ Man habe in einer Art Nacht- und Nebelaktion dafür gesorgt, dass die Hakenkreuze nicht mehr klar identifizierbar seien. Panschar ist der Meinung, das sei gelungen. „Die sind ja nicht mehr zu erkennen“, erklärte er. Mitarbeiter des Bürger- und Geschichtsvereins aber auch Bürgermeister Jens Kuraschinski waren anderer Meinung. Deshalb ließ das Stadtoberhaupt am Donnerstag die Knäufe sofort entfernen und unter Verschluss bringen.

Nazibilder im Trauzimmer entfernt

Warum Cohn die Knäufe nicht abmontieren ließ, ist nicht geklärt, denn laut dem Standardwerk zur Stadt Wildeshausen von Albrecht Eckhardt war der neue Stadtdirektor Halbjude und hätte somit gar kein Interesse an nationalsozialistischen Symbolen am Rathaus haben dürfen.

Komplett entfernt wurden nach Panschars Auskunft jedoch Bilder mit nationalsozialistischen Sprüchen im heutigen Trauzimmer. Der Wildeshauser Maler Henry Garde wurde damals beauftragt, dort den Merianstich der Stadt Wildeshausen im Jahr 1640 abzubilden, der bis heute an der Wand zu sehen ist. 

Originalmeldung, 19. Dezember: Wildeshausen - Aufgefallen ist das bis Mittwoch niemandem, denn auf den ersten Blick scheint es sich um ein harmloses Ornament zu handeln, das keinen groß interessieren müsste. Entdeckt wurde das Hakenkreuzmuster nun zufällig von einem Mitarbeiter der Wildeshauser Zeitung.

Hakenkreuz-Türknäufe nun eingeschlossen

Am Donnerstag erfuhren Bürgermeister Jens Kuraschinski und Baufachbereichsleiter Hans Ufferfilge im Rahmen einer Besichtigung mit unserer Redaktion vor Ort von den ungewöhnlichen Türknäufen und waren geschockt über die Entdeckung. „Die werden sofort entfernt“, entschied Kuraschinski. „Es darf keine nationalsozialistischen Symbole in Wildeshausen geben.“ In wenigen Minuten hatte Hausmeister Fabian von Lienen die Türbeschläge entfernt. Der Zugang ist nun bis auf Weiteres gesperrt.

Die Relikte aus der Nazizeit wurden zunächst eingeschlossen. Es soll jetzt geklärt werden, wie weiter damit zu verfahren ist.

Hausmeister Fabian von Lienen wurde sofort von Bürgermeister Jens Kuraschinski und Pressesprecher Hans Ufferfilge (v.l.) beauftragt, die Knäufe zu entfernen.

Wer die beiden Knäufe an der Tür installiert hat und wann das passierte, ist unklar. Aus den Unterlagen des Wildeshauser Bürger- und Geschichtsvereins geht hervor, dass das historische Rathaus von Mitte bis Ende der 1930er-Jahre umfangreich umgebaut wurde. Sowohl der vordere Bereich, in dem jetzt die Touristeninformation ansässig ist, als auch der Bereich der Wachestube wurden komplett neu gestaltet – möglicherweise, um mehr Platz für die Verwaltung zu schaffen. In der Zeit von 1933 bis 1945 war in Wildeshausen Hermann Petermann nationalsozialistischer Bürgermeister. 

Petermann über Hakenkreuze informiert?

Er hatte sein Dienstzimmer im historischen Rathaus und könnte über die Nazi-Ornamente an der Tür informiert gewesen sein. Es wurde aber wohl nie öffentlich thematisiert – und nach Einschätzung des Bürger- und Geschichtsvereins gab es am Rathaus in der Zeit der Naziherrschaft auch sonst keine baulichen Veränderungen mit nationalsozialistischen Symbolen.

Das Portrait von Bürgermeister Hermann Petermann, der von 1933 bis 1945 in Wildeshausen Stadtoberhaupt war, befindet sich im Flur des Rathauses.

Bernd Oeljeschläger, Vorsitzender des Bürger- und Geschichtsvereins, reagierte ebenso überrascht auf die Nachricht wie Kuraschinski. „Das ist sehr interessant, dass das damals so gefertigt wurde“, erklärte er. „Und dass es bisher noch niemand entdeckt hat.“ Da es sich bei Hakenkreuzen um verbotene Zeichen handele, müssten die Knäufe unverzüglich abgeschraubt und ersetzt werden. „Wir würden diese Gegenstände natürlich gerne archivieren und versuchen, die Geschichte der Entstehung zu erzählen“, regte Oeljeschläger an. „Vielleicht kann man noch herausbekommen, welche Handwerkerfirmen dort tätig waren und wer den Auftrag gegeben hat.“

Das historische Rathaus nach dem Umbau. Der Anbau zur Westerstraße zur Westerstraße wurde im späten 19. Jahrhundert (1880/1890) errichtet. Um 1900 wurde der kleinere Anbau mit der Tür hinzugefügt und in den 1930er Jahren (bis 1940) erfolgte der Umbau der Tür und der Fenster. Foto: Bürger- und Geschichtsverein

Auch für den Denkmalschützer des Landkreises Oldenburg, Stefan Effenberger, war die Nachricht eine riesige Überraschung. Bislang war er davon ausgegangen, dass es in der Region kein Bauwerk gibt, dass Nazi-Symbolik trägt. „Die Knauf müssen sofort entfernt werden, weil sie historisch nicht zu dem Gebäude gehören“, betonte er. „Nationalsozialistische Symbolik gehört nicht auf Baudenkmäler. Da gibt es meiner Ansicht nach auch keinen Ermessensspielraum.“ Das schon deshalb, weil man sonst Bevölkerungsgruppen anlocke, die eine demokratische Stadt nicht gerne vor Ort habe.

In Schweringen sorgt eine Glocke mit Hakenkreuz immer wieder für Diskussionen.

Info: Bauakten vermutlich verbrannt

Laut der von der Stadt Wildeshausen in Auftrag gegebenen bauhistorischen Dokumentation für das alte Rathaus, veröffentlicht im Juni 1992 durch PR & Partner, Architekten und Ingenieure, wurden Wache und Eingangsanbau in den 1930er-Jahren umgebaut. Was den Auftraggeber betrifft, gehen die Forscher davon aus, dass in den Jahren des Nationalsozialismus das Staatshochbauamt in Oldenburg beim Minister der Finanzen als Bauherr auftrat. Bei der Nachfolgeeinrichtung liegen jedoch keine Akten mehr vor. Sie sind vermutlich im Krieg verbrannt. „Es ist also wahrscheinlich, dass die jüngeren Akten seit Ende des 19. Jahrhunderts bis Ende des Krieges dort verloren gegangen sind“, heißt es zur Quellenlage.

Kommentar von Dierk Rohdenburg

Eine unglaubliche Geschichte: Da muss erst unser Praktikant Gregor Hühne aus Bremen durch den Eingang des historischen Wildeshauser Rathauses an der Westerstraße gehen, bis jemand den mit Hakenkreuzen verzierten Türknauf an der Tür entdeckt. Seit vermutlich 80 Jahren, seitdem die nationalsozialistische Stadtverwaltung den Umbau erstellt hat, gehen hier Menschen ein und aus. Zum Gildefest ist es der Eingang zur Wachestube – und so ziemlich jeder Wachesoldat hat die Hakenkreuze berührt, die zugegebenermaßen nicht unbedingt auf den ersten Blick erkennbar sind.

Dierk Rohdenburg

Grundsätzlich muss man sagen, dass es ein Glücksfall ist, dass die Symbole der Nazis jetzt entdeckt wurden – wenige Tage vor Beginn des Jubiläums anlässlich der Verleihung der Bremer Stadtrechte an Wildeshausen vor 750 Jahren. Es wäre schon sehr unschön gewesen, wenn ein Gast vor einem Festakt ganz zufällig auf die Hakenkreuze gestoßen wäre. Es ist sicherlich eine gute Entscheidung gewesen, die Knäufe schnellstmöglich zu entfernen. Hakenkreuze haben nirgendwo etwas zu suchen. Der Fund sollte aber vielleicht noch einmal die Gelegenheit bieten, sich eingehend mit der Stadt Wildeshausen in der Zeit des Nationalsozialismus zu befassen. Im Flur des Rathauses hängt nach wie vor eine Galerie der Bürgermeister der Stadt der vergangenen Jahrzehnte. Zu dem Nationalsozialisten Hermann Petermann, der hier nicht nur von 1933 bis 1945, sondern auch von 1968 bis 1970 gewählter Bürgermeister war, gibt es beispielsweise keine kommentierenden Hinweise – obwohl die ursprünglich nach ihm benannte Straße schon seit Jahren nach einem Ratsbeschluss einen anderen Namen trägt.

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