Podiumsdiskussion in der Hunteschule

„Es gibt nicht den einen Behinderten“

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Guido Venth, Holger Stolz, Karin Puhl, Carsten Harings, Holger Westphal und Werner Köhler (v.l.) diskutierten am Mittwochabend in der Hunteschule das Thema „Inklusive Bildung – Irrweg oder Chance?“.

Wildeshausen - Inklusive Bildung für alle oder Erhalt der Förderschulen? An dieser Frage schieden sich die Meinungen der Teilnehmer einer Podiumsdiskussion zu dem Thema am Mittwochabend in der Hunteschule in Wildeshausen. Die Betroffenen, also die Schüler, waren nicht vertreten.

„Unsere Tochter kam mit den Blicken nicht zurecht“, berichtete eine Mutter von den Erfahrungen des Mädchens mit Beeinträchtigungen auf einer Regelschule. Sie sei nicht gemobbt worden, habe aber gemerkt, dass sie anders ist und konnte sich nicht mit ihren Mitschülern identifizieren. Die Einrichtung sei bemüht gewesen, doch mehr als zwei Stunden Betreuung durch einen spezialisierten Pädagogen seien nicht drin gewesen. Seitdem ihre Tochter die Hunteschule besucht, „blüht sie auf“, berichtete die Mutter. „Sie soll durch einen Förderschulabschluss den Weg in ein inklusives Leben schaffen.“

Damit war die Frau auf einer Linie mit Diskutant und Landrat Carsten Harings: „Wir sind alle für inklusives Leben. Die Frage ist: Wie?“ Er plädierte deutlich für den Erhalt der Förderschule, um so den Eltern die Entscheidung zu überlassen. „Ich bin glühender Verfechter des Elternwahlrechts“, stellte er klar. Menschen seien zu verschieden für ein pauschales Angebot. Die Anmeldungen für die Förderschule seien unverändert hoch.

Eine weitere Meldung aus dem Publikum: „Es gibt nicht den einen Behinderten“, sagte der Vater eines 50-Jährigen mit Beeinträchtigungen, der in einer speziellen Einrichtung beschult wurde. „Jeder hat sein eigenes Defizitmuster und das muss bedient werden.“ Für eine derart individuelle Betreuung sei die Förderschule unabdingbar.

Dem widersprach Guido Venth, der auf dem Podium den Verband Sonderpädagogik vertrat. „Die Schlussfolgerung ist falsch“, meinte er. „Die Frage ist: Unter welchen Bedingungen können die Kinder auch an normalen Schulen klar kommen?“ Die individuelle Förderung müsse dafür ausgeweitet werden. So käme die Inklusion auch außerhalb des Unterrichts voran. „Kinder spielen nachmittags mit denen, mit denen sie vormittags in der Schule sitzen.“ In den Einrichtungen müsse jeder willkommen sein. „Inklusive Bildung wird diskutiert, weil sie oft unzureichend bis schlecht funktioniert“, sagte Venth.

Mit ihm auf dem Podium saß Karin Puhl als Vertreterin des Kreiselternrats und selbst Mutter einer Tochter mit Beeinträchtigungen. „Mit den Bedingungen an Förderschulen wären Regelschulen überfordert“, so Puhl. Der Kreiselternrat wünsche sich inklusive Bildung. Sie habe jedoch noch von keiner Schule gehört, an der optimale Bedingungen herrschen.

„In der inklusiven Bildung ist nicht alles Gold, was glänzt“, meinte auch Holger Stolz von der Lebenshilfe, wenngleich er keinesfalls gegen den gemeinsamen Schulbesuch ist. Er kritisierte: „Die Politik hat vergessen, die Rahmenbedingungen in den Blick zu nehmen.“

Ein weiterer Verfechter der inklusiven Bildung war Holger Westphal von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, der selbst Förderschullehrkraft ist. „Das Leben ist heterogen, und auch das Lernen muss heterogen sein“, forderte er. „Warum sollte man in der Bildung nach Unterschieden suchen?“, fragte er rhetorisch. „Wir sollten uns die guten Beispiele angucken und weitermachen“, forderte er.

Damit die Schüler selbst – zumindest indirekt – zu Wort kamen, las Silke Winkler vom Kreisbehindertenrat ein kleines Interview vor, dass sie mit ihrem Neffen geführt hatte, der eine inklusive Schule besucht. Zwar seien er und seine Klassenkameraden nicht auf die Mitschüler mit speziellen Bedürfnissen vorbereitet worden, doch würden diese weder bremsen noch stören. Er habe allerdings nicht das Gefühl, dass die Betroffenen immer den Anforderungen des gemeinsamen Unterrichts gewachsen seien. 

pp

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