„Geschichte im Rathaus“: Vortrag zum Thema „Wildeshauser Opfer des NS-Krankenmordes – Euthanasie in Wehnen und Blankenburg“

„Wort pflegebedürftig in der Akte bedeutete das Todesurteil“

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50 Zuhörer lauschten dem Vortrag von Ingo Harms (r.)

Wildeshausen - Unter dem Thema „Wildeshauser Opfer des NS-Krankenmordes – Euthanasie in Wehnen und Blankenburg“ stand ein Vortrag, zu dem der Bürer- und Geschichtsverein Wildeshausen in Kooperation mit dem Arbeitskreis „Für Demokratie und Toleranz“ des Präventionsrates am Dienstagabend im Rahmen der Reihe „Geschichte im Rathaus“ eingeladen hatte

Peter Heinken konnte sein Begrüßungswort an zahlreiche Interessierte, aber auch familiär betroffene Besucher richten. Referent zu dieser bedrückenden Thematik war Dr. Ingo Harms, der zum Thema „NS-Euthanasie“ in der Heil- und Pflegeanstalt Wehnen promoviert hat und derzeit an einem bundesweiten Forschungsprojekt zur Geschichte der Psychiatrie unter dem Titel „Nach dem Krankenmord – während der alliierten Besatzungszeit“ beteiligt ist.

„Wenn tiefstehen, unsauber, pflegebedürftig oder Idiot in deiner Krankenakte stand, war das gleichzusetzen mit deinem Todesurteil“, lautete der einleitende Satz von Harms.

Die Geschichte der Euthanasie ist in Deutschland stark durch die Zeit des Nationalsozialismus geprägt, in der Morde unter dem Vorwand der „Rassenhygiene“ ebenfalls als Euthanasie bezeichnet wurden. Zehntausende psychisch Kranke, geistig Behinderte, Homosexuelle, Bettler und Arme, Menschen die nicht in die Volksgemeinschaft passten, wurden in Euthanasie-Zentren oder auch Tötungsanstalten zwangssterilisiert oder ermordet.

Der Führererlass zum Euthanasieprogramm von 1939 ermächtigte in einem geheimen Schreiben namentlich aufgeführte Ärzte, dass „nach menschlichem Ermessen unheilbar Kranken bei kritischster Beurteilung ihres Krankheitszustandes der Gnadentod gewährt werden kann“.

Dass unter dem Deckmantel dieses „Gnadentoderlasses“ Morde und Zwangssterilisationen legalisiert wurden, stellte Harms anhand von fast 2000 ausgewerteten Euthanasie-Meldebögen und Krankengeschichten aus Wehnen unter Bewies und stellte damit die historischen Zusammenhänge zwischen Zwangssterilisation und Krankenmord her.

Mit Hilfe einer Sippentafel erläuterte er, wie auch Angehörigen in die Ziellinie der „Erbbiologischen Fahnder“ gerieten, verfolgt und ermordet wurden. Schon drei Jahre vor Beginn der „Aktion T4“ begann in der Heil- und Pflegeanstalt Wehnen ein Euthanasieprogramm durch Aushungern von Patienten und vermutlich auch durch Medikamentengaben.

„Aktion T4“ ist eine nach 1945 gebräuchlich gewordene Bezeichnung für die systematische Ermordung zwischen 1939 und dem Ende des Zweiten Weltkrieges. „T4“ ist die Abkürzung für die Adresse der damaligen Zentraldienststelle T4 in Berlin: Tiergartenstraße 4.

1933 hatte die Fürsorgebehörde schon Vollmachten erhalten, um in den Anstalten Pflegekosten durch systematische Unterernährung zu sparen. Dieser Ermächtigung fielen mehr als 1500 Patienten zum Opfer, darunter auch Menschen aus Wildeshausen und Umgebung. „Ärzte sollten auch im Dritten Reich Menschen heilen und nicht töten“, machte Harms seinen Standpunkt deutlich.

Am Ende der Veranstaltung ergab sich eine angeregte Diskussion, während der viele Fragen beantwortet wurden, teilweise aber unbeantwortet blieben. Auch Besucher berichteten über den Tod von Familienangehörigen, die diesem Gewaltregime zum Opfer gefallen waren.

cr

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