SELBSTVERSUCH Die neue Gelbe Tonne – eine erste Annäherung vor dem Härtetest

Gelber wird’s nicht!

Klappe auf: Uwe Dölemeyer vom Landkreis Oldenburg (links) und Ingo Helmers als Geschäftsführer der Entsorgungsfirma Bohmann mit den neuen Gelben Tonnen.
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Klappe auf: Uwe Dölemeyer vom Landkreis Oldenburg (links) und Ingo Helmers als Geschäftsführer der Entsorgungsfirma Bohmann mit den neuen Gelben Tonnen.

Wildeshausen – Gut sieht sie aus, die „Pro Wave 240“. 20-Zentimeter-Reifen, der 240 Liter fassende Laderaum im ergonomischen Design samt Wellenprofil schwarzgrau lackiert, nur der Deckel dieses kompakten Einachsers strahlt rapsgelb. Seit fast drei Wochen steht das neue Familienmitglied nun in unserer Garage. Noch. Denn sobald aus der Luke die ersten Fischdosen- oder Joghurtbecher-Gerüche müffeln, muss sie raus hinters Haus, die Gelbe Tonne.

Probenutzung vor der ersten Abfuhr im Januar

Eigentlich tritt sie ihren Dienst erst zum 1. Januar an – wie knapp 55 000 ihrer Artgenossinnen mit den gelben Kappen in allen Haushalten des Landkreises Oldenburg. Aber wir fangen probehalber schon mal an. Um zu testen, ob die Gelbe Tonne wirklich die Gelben Säcke ersetzen kann. Wir, das sind meine Frau Monika, unser Jungs Mats (drei Jahre) und Mika (erst seit neun Monaten Teil der Konsumgesellschaft) und ich. Alles in allem eine vierköpfige Wildeshauser Familie ohne außergewöhnlichen hohen oder niedrigen Plastikverbrauch.

Neerstedt – Startpunkt für 60 000 Tonnen

Unsere Online-Einkäufe samt monströs-voluminösen Verpackungen halten sich ebenso in Grenzen wie der Griff zu Fertiggerichten aus der Plastikhülle. Vier Wochen lang stecken wir alles, was wir bisher in den Gelben Sack bugsierten, in die Gelbe Tonne. Danach fährt die Firma Bohmann den Schlucker ab, kontrolliert den Inhalt und bewertet schonungslos unsere Mülltrennungsmoral.

Vorher geht‘s aber erst mal zum Neerstedter Standort der Firmengruppe Bohmann. Deren Kollegen entsorgen im Kreis Oldenburg und vier anderen Regionen bereits seit Jahren den Rest- und Biomüll sowie das Altpapier. „Von der Nordseeküste bis zur Glaubensgrenze“, scherzt Bohmann-Geschäftsführer Ingo Helmers, ehe er konkretisiert: „Nein, den überwiegend katholischen Landkreis Cloppenburg betreuen wir auch.“

Dort führte die Politik zuletzt die Gelbe Tonne ein, das Verteilen übernahmen Fremdfirmen – einige Probleme wie leer ausgegangene Straßenzüge inklusive. „Deshalb sorgen hier jetzt unsere Leute dafür“, sagt Helmers. Genauer gesagt, diejenigen, die schon fürs Entleeren der grünen Papiertonnen zuständig sind. Die gibt es ja ebenfalls für jeden Haushalt. So wissen die Fahrer genau, wer nun eine Gelbe Tonne braucht.

Weil das Ausliefern zwischen Hude und Hanstedt, Kirchseelte und Colnrade sowie allen anderen Teilen des Kreises eben dauert, begann die Aktion bereits im September und zieht sich bis Jahresende hin. Zehntausende Behältnisse stehen noch in 14er-Stapeln dicht an dicht in Reih und Glied auf dem Neerstedter Betriebshof direkt neben der Müllumschlagstation des Landkreises Oldenburg. Alle mit gelber Klappe und schwarzem Korpus. Kein Mut zu komplett gelber Farbe. Aus Kostengründen? „Nein, das gab sich nichts“, verrät Helmers: „Das beigemischte schwarze Granulat bei der Herstellung wäre genauso teuer wie das gelbe.“ Uwe Dölemeyer vom Amt für Bodenschutz und Abfallwirtschaft bei der Kreisverwaltung nennt einen ganz pragmatischen Grund der Zweifarbigkeit: „Eine komplett gelbe Tonne sieht schnell schmutzig aus – durch Regen- und Spritzwasser.“ Gelber wird’s also nicht.

Landkreis spart jährlich 4,5 Millionen Säcke

Bald ersetzen jene 55 000 Gefäße jährlich 4,5 Millionen Gelbe Säcke im Kreisgebiet, die ab Januar nicht mehr eingesammelt werden. „Allein das ist schon eine enorme Ersparnis an Kunststoff“, verdeutlicht Dölemeyer. Er steht hinter dem Mehrheitsvotum der Haushalte, die im Sommer 2018 an der Umfrage durch die Kreisabfallwirtschaft teilgenommen und für die Tonne gestimmt hatten. Und er geht fest davon aus, dass das Fassungsvermögen von 240 Litern bei einer vierwöchentlichen Abfuhr ausreicht. Fast konstante 4 500 Tonnen Verpackungsmüll meldete die bisher für die Gelben Säcke zuständige Firma Remondis Jahr für Jahr an den Landkreis Oldenburg. „Das sind bei fast 60 000 Haushalten 75 Kilogramm jährlich, also gut sechs Kilo pro Monat“, rechnet Dölemeyer vor. Eine durchschnittliche vierköpfige Familie habe bisher zwei bis drei Gelbe Säcke für die zweiwöchentliche Abfuhr gebraucht, das seien zwei bis drei Kilo. „Sechs Kilo pro Monat in der Gelben Tonne – das passt“, meint Dölemeyer.

Nur alle vier Wochen – Tribut an die Technik

Das musste ich zu Hause gleich mal ausprobieren. Tatsächlich kamen bei uns zwei Säcke binnen 14 Tagen zusammen, die habe ich testweise komplett in die neue Tonne gesteckt. Da blieb noch genügend Platz für zwei weitere.

Doch das Versenken samt Säcken ist nicht Sinn der Sache. Erstens gibt’s die bald nicht mehr, zweitens sollen die Bürger im neuen Behältnis den Verpackungsmüll auch zusammenpressen dürfen. „Bei den dünnen Säcken ist das nicht möglich, weil sie sonst reißen“, erinnert Dölemeyer – und räumt bei dieser Gelegenheit mit einem oft geäußerten Ärgernis auf: „Bei einer lockeren Befüllung hätte kein einziger Sack Schaden genommen.“ Den von Kritikern ins Feld geführten Müll, der über die Bürgersteige wehe, hätte es dann also nie gegeben.

Allerdings hätte auch ihm eine zwei- statt vierwöchige Abfuhr gefallen. „Doch das war eben so gewollt.“ Und zwar vom „Dualen System“, das für die Entsorgung des Verpackungsmülls zuständig ist und die vom Landkreis gewünschte Abfuhr-Änderung von Sack auf Tonne umsetzen musste. Dementsprechend übernahm dieser Dienstleister auch die private Ausschreibung – und entschied sich schließlich für die wirtschaftlichere Variante im Vier-Wochen-Zyklus.

„Wir durften nicht über die Maße hinaus Ansprüche stellen“, schildert Dölemeyer. Als Beispiel nennt der stellvertretende Amtsleiter den praktischen Ablauf: „Bei den Gelben Säcken muss das Fahrzeug nur einmal durch jede Straße, der Mitarbeiter rafft alles vom linken und rechten Straßenrand zusammen und wirft es hinten rein. Die Tonnen werden jetzt von Seitenladern abgefahren, die zweimal durch jede Straße müssen – hin und zurück, um die Behälter auf jeder Seite abgreifen zu können.“

Letztlich setzte sich die Firmengruppe Bohmann bei der Ausschreibung durch – und Helmers freut‘s natürlich: „Kritik wird es immer geben. Wie man es macht, ist es verkehrt“, weiß der Diplom-Ökonom: „Einige Bürger sagen, dass sie keinen Platz für eine weitere große Tonne haben, andere fürchten schon jetzt, dass die Kapazitäten nicht reichen.“ Doch nach den ersten Wochen der Tonnen-Verteilung „haben wir erstaunlich wenig Beschwerden bekommen“. Dölemeyer nickt zustimmend: „Auch die Anrufe bei uns halten sich stark in Grenzen.“

Dass die Zeit der Gelben Säcke vorbei ist, sieht Helmers mit gemischten Gefühlen. Einerseits trauert er ihnen ein wenig nach, „weil sie eben transparent sind“. Bewusst falsch entsorgte Stoffe ließen sich beim Blick durch die Folie schneller enttarnen als beim Leeren von Tonnen. „Aber auch da haben wir unsere Möglichkeiten, genau zu kontrollieren“, warnt der Geschäftsführer. Andererseits ahnt er: „Die Fälle von Zweckentfremdung müssen enorm gewesen sein. Es wurden jährlich immer viel mehr ausgegeben im Vergleich zur Zahl der eingesammelten.“ Dölemeyer ergänzt: „Hätten wir sie dicker und reißfester produzieren lassen, wären noch viele mehr für Gartenabfälle oder sonst wie genutzt worden.“

Was genau hinein gehört und was nicht, zeigen kurze Texte und Bilder auf den gelben Deckeln. Helmers bringt es aber auf einen einfachen Nenner: „Das ist die Verpackungstonne.“ Also für sämtliches Verpackungsmaterial. Doch keine Regel ohne Einschränkungen: „Styropor gehört nicht rein.“

Also hat sich der Autor dieser Zeilen vor Kurzem strafbar gemacht, als er den neuen Wäschetrockner nach dem Auspacken von reichlich Thermoplast befreite und alles stückchenweise im Gelben Sack auf die letzte Reise schickte. Ich muss mich bessern. Wie das gelingt, erfahren Sie demnächst.

Ein schwarz-gelbes Meer im Zwischenlager Neerstedt: Das ist nur ein Teil der neuen Gelben Tonnen für den Landkreis Oldenburg. Viele weitere haben Mitarbeiter der Firma Bohmann bereits ausgeliefert.

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