Neubeginn der demokratischen Selbstverwaltung

Der erste Kreistag der Nachkriegszeit

Ein historisches Foto zeigt eine Gruppe sitzender und stehender Männer anno 1946.
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Nach dem Krieg: Bürgermeister aus dem Landkreis Oldenburg mit Vertretern der britischen Militärregierung im Jahr 1946.

Landkreis – Freie Wahlen, die Bildung von Räten, Ausschüssen sowie eines Kreistags sind heute eine demokratische Selbstverständlichkeit. Aktuell sind die jüngst neu gewählten politischen Gremien mit ihren ersten Sitzungen beschäftigt. Doch was heute keiner Diskussion mehr bedarf, war vor 75 Jahren ein durchaus diffiziler Prozess. Denn der Versuch der britischen Besatzungsmacht, im Nachkriegsjahr 1946 die Deutschen behutsam und schrittweise wieder in das politische Leben einzuführen, stieß nicht auf die erhoffte Resonanz.

Das zeigte sich besonders bei der auf Kreisebene zugelassenen Neubildung von Parteien. SPD und KPD (Kommunistische Partei Deutschlands) konnten sich als traditionelle Parteien der Arbeiterbewegung und Gegner des NS-Regimes relativ bruchlos und selbstbewusst reorganisieren. Viel größer waren da die Schwierigkeiten im bürgerlichen Lager – unter anderem deshalb, weil alle NSDAP-Mitglieder und auch sämtliche Stahlhelm-Mitglieder (Bund der Frontsoldaten aus der Zeit der Weimarer Republik stammend) aus den Selbstverwaltungsorganen ausgeschlossen waren.

Oberkreisdirektor Carl Ballin beschrieb am 8. April 1946 die Lage so: „In ländlichen Bezirken gab es in den Dörfern jeweils nur ein paar geistig rege und für besondere Funktionen geeignete Personen. Diese wurde, abgesehen von den überzeugten Nationalsozialisten, in der Regel so sehr unter politischen Druck gesetzt, dass sie fast alle der NSDAP oder einer anderen nationalsozialistischen Organisation beitraten und meist dort bei der Vielzahl dieser Organisationen ein Amt annehmen mussten. Diese scheiden heute alle für die Aufgaben in der Selbstverwaltung aus.“ Die Bildung von Parteien komme im Kreis kaum voran: „Wohin man auf dem Land kommt, spürte man diese Resignation und innere Abneigung, für die heutigen Maßnahmen auch noch vor den Augen der Bevölkerung Verantwortung zu übernehmen.“

Trotz der großen Anlaufprobleme stand bei den ersten Nachkriegswahlen schließlich eine ausreichende Zahl von Kandidaten zur Verfügung. Als Alternative zur SPD war inzwischen als überkonfessionelle christliche Volkspartei die CDU entstanden. Am 15. September 1946 fanden Gemeindevertretungswahlen statt und am 13. Oktober 1946 folgte die Kreistagswahl. Der erste direkt gewählte Kreistag setzte sich aus 27 Vertretern der CDU, und zwölf Vertretern der SPD zusammen – die FDP hatte noch nicht kandidiert. Zu seinem Vorsitzenden als Landrat wählte der Kreistag Justin Hüppe aus Huntlosen. Mit der Neubildung von Parteien und der Einrichtung demokratisch legitimierter Selbstverwaltungsorgane hatte ein neues Kapitel in der Geschichte des Landkreises begonnen.

Belastet wurde der Neubeginn durch eine unzureichende juristische, politische und publizistische Aufarbeitung der „braunen“ Vergangenheit und die sich schon bald durchsetzenden Bestrebungen, das finstere Kapitel der jüngeren Geschichte „unter den Teppich zu kehren“. Die überlebenden Verfolgten des NS-Regimes und ihre Angehörigen mussten häufig unter demütigenden Bedingungen um ihre Anerkennung und Entschädigung für das erlittene Unrecht kämpfen. Zum Teil ist diese „Wiedergutmachung“ bis heute nicht erfolgt.

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