MINI-SERIE Laufen im Lockdown: Selbstversuch mit Marathonteilnehmer Fritz Rietkötter

Gehirn abschalten und einfach drauflos

Auf den richtigen Schuh kommt es an: Meiner ist eher der falsche, aber davon lasse ich mich natürlich nicht beeindrucken.
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Auf den richtigen Schuh kommt es an: Meiner ist eher der falsche, aber davon lasse ich mich natürlich nicht beeindrucken.

Wildeshausen – Also Lust habe ich ja nicht wirklich, als ich am Sonntagnachmittag zum Pestruper Gräberfeld fahre. Marathonläufer Fritz Rietkötter wartet schon auf mich, während ich mit dem Auto nach einer Lücke auf dem übervollen Parkplatz suche. Was machen denn die ganzen Leute hier? Haben die kein gemütliches Zuhause? Da wäre ich jetzt am liebsten, schön auf dem Sofa, Fernsehen gucken, kleines Nickerchen zwischendurch.

Aber heute steht die zweite von drei gemeinsamen Laufeinheiten an. Und was muss, das muss: Da viele Sportarten im Lockdown nicht möglich sind, erprobe ich als Redakteur der Wildeshauser Zeitung das Joggen und erkunde im Selbstversuch ein paar Strecken rund um die Kreisstadt. Das kommt auch meiner Gesundheit zugute, denn die Nadel auf der Waage hat sich zuletzt immer mehr in Richtung 90 Kilogramm bewegt, bei 1,86 Meter Körpergröße wirklich kein Drama, aber es muss ja nicht sein.

Die Sonne scheint, und es ist kalt. Immerhin regnet es nicht wie beim ersten Mal. Dafür ist Rietkötter schon wieder viel zu gut gelaunt, lächelt und freut sich, dass es los geht. Angesichts der kommenden Strapazen habe ich dafür kein Verständnis. Man könnte fast meinen, der Wildeshauser Ausdauersportler freut sich drauf. Aber der Typ läuft ja auch mal einen Marathon in seinem eigenen Garten. Mir geht‘s nur darum, anzukommen. Am Vortag haben endlich die Schmerzen im hinteren Bereich des rechten Oberschenkels aufgehört. Und ich bin ziemlich muskelkaterfrei, werde es aber wohl nicht lange bleiben.

Nach einem kurzen Palaver laufen wir los. Nicht in Richtung Gräberfeld, sondern nach hinten zur Hunte. Ich war am Wochenende bei meinen Eltern und habe natürlich ein bisschen angegeben mit meinen sportlichen Leistungen. Sonst glänze ich auf diesem Feld ja nicht so doll, beziehungsweise gar nicht. Prompt habe ich eine Extraportion Essen (drei Frikadellen, eine Wurst, eine ordentliche Portion Wurzelschmaus und zwei Stück Kuchen) mitbekommen, weil ich mich ja stärken muss. Aber ich habe an diesem Tag eisern die Finger von den Köstlichkeiten gelassen, weil ich das ganze Zeug ja nur mitschleppen müsste. Nee, es gab stattdessen nur ein kleines Frühstück.

Meine aufopfernde Enthaltsamkeit hilft mir allerdings nicht wirklich. Die ersten Meter schleppe ich mich so dahin, während einer von diesen Lauf-Strebern quasi im Vollsprint an uns vorbeizischt und dabei auch noch freundlich lächelt. Ich würd ja was sagen. Aber erstens weiß ich nicht was, und zweitens hab ich eh grad andere Sorgen. „Den kriegen wir noch“, ist Rietkötter ganz entspannt. Man dürfe vor allem zu Anfang nicht zu schnell laufen, rät er. Das unterschreibe ich sofort. Kleiner Spoiler: Wir haben den Sprinter nicht mehr gekriegt, aber das lag natürlich nur daran, dass er eine andere Strecke gewählt hat.

Und dann ruft Rietkötter auch schon die erste Gehpause aus. Mmh, also zu früh ist das jetzt nicht, aber ich könnte auch noch. Und danach machen wir sogar wirklich mal Pause! Wir stehen an der Hunte, bewundern die schöne Sicht auf die Natur. So lasse ich mir Sport doch gefallen. Dann geht´s zur Pestruper Straße. Auf Feldwegen stolpern wir beziehungsweise ich in Pestrup voran, queren dann die Fahrbahn und jetzt kommt eine geteerte Straße mitten im Nirgendwo – das lange Elend. Man sieht‘s nur nicht, weil es hügelig ist. Ein Segen für meine schwindende Motivation.

Ich mach´s kurz: Gehirn ausgeschaltet und einfach gelaufen. Ich weiß nahezu nichts mehr von dem, worüber Rietkötter und ich auf diesem Abschnitt gesprochen haben. Plötzlich haben wir es geschafft, stehen auf dem letzten Hügel, der eigentlich schon ein kleiner Berg ist. „Wichtig ist ja nicht, was noch vor einem liegt, sondern was man schon geschafft hat“, lässt Rietkötter eine Läufer-Weisheit vom Stapel und dreht sich um. Auch ich blicke mich um. Junge, das ist ja schon ein ordentliches Stück, was wir da geschafft haben.

Aber kein Grund zum Feiern, noch ist das Auto ein Stück weg. Bergab und damit beschwingt geht´s in den Wald rein. Und plötzlich ist es da: das Gräberfeld. Vorher hatte Rietkötter noch gesagt, da würden wir ein bisschen was für die Muskulatur tun. Ich hatte schon Befürchtungen gehegt, was das jetzt wieder heißen sollte. Aber die sind jetzt wie weggewischt. Nur noch ein paar Minuten den Wurzeln und Rentnern mit Skistöckern ausweichen und zack, stehe ich wieder am Auto, denke ich. Gut, so einfach ist es dann doch nicht. Das Terrain ist herausfordernd. Rietkötter aber auch. „Gleich kommt eine Bank, da machen wir ne Pause“, sagt er und spornt mich damit an, an den Büschen in der Kurve vorbeizusprinten. Mmh, keine Bank zu sehen. „Die haben sie wohl abgebaut“, grinst der erfahrene Läufer. Ein kleiner Spaß muss auch mal sein. Aber dann ist es wirklich geschafft. Wir stehen wieder auf dem Parkplatz. Und ich muss nicht einmal schwer atmen. 6,68 Kilometer, 48 Minuten, 542 Kilokalorien, spuckt Rietkötters Messinstrument aus.

Zum Vergleich die Daten der Runde vom Dienstag (von der Harpstedter Straße über den Katenbäker Berg bis zur Burgwiese und über die Wittekindstraße zurück): 6,25 Kilometer, 52 Minuten, 500 Kilokalorien. „Wenn du so weiter machst, steht dem ersten Volkslauf nach Corona über zwölf Kilometer mit einer Top-Zeit nichts mehr im Wege“, sagt Rietkötter. Jetzt solle ich noch anderthalb Liter Wasser trinken und in den kommenden Tagen ein paar Runden Fahrrad fahren. Aha, aktive Erholung und so. Der Begriff macht für mich nicht viel Sinn, aber ich kann ja mal zum Einkaufen mit dem Rad fahren. Erst mal belohne ich mich mit Gerstensaft für die Anstrengung. Da ist ja auch viel Wasser drin.

Von Ove Bornholt

6,68 Kilometer, 48 Minuten, 542 Kilokalorien: Die Route führt vom Gräberfeld-Parkplatz zur Hunte, dann nach Pestrup und in Richtung Kleinenkneter Steine. Kurz davor rechts rein auf den Lohmühlenweg und im Wald zum Gräberfeld. Google-Maps kann den letzten Streckenteil nicht darstellen, aber zwischen den Bäumen ist ein Weg.
Der eine hat Spaß, der andere quält sich: Marathonläufer Fritz Rietkötter (links) und Redakteur Ove Bornholt.

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