Putenschlachterei steht zu Werkverträgen / Politik und Verwaltung eingeladen

Geestland stellt sich Kritik

Besuch bei Geestland: Auf Einladung von Wolfgang Sasse (Dritter von links) informierte Geestland-Geschäftsführer Norbert Deeken (Zweiter von links) Bürgermeister Jens Kuraschinski (links) sowie Vertreter aus dem Stadtrat und des Landkreises. Foto: bor

Wildeshausen - Von Ove Bornholt. Es gibt wohl keine Firma in Wildeshausen, die in der Öffentlichkeit kritischer betrachtet wird, als Geestland. Die Putenschlachterei an der Düngstruper Straße steht im Fokus, weil rund 750 der insgesamt 1 050 Mitarbeiter nicht regulär, sondern über Werkverträge angestellt sind und zu 90 Prozent aus Bulgarien kommen. Insgesamt leben in Wildeshausen 1 460 Bulgaren, von denen etwa ein Drittel bei Geestland beschäftigt ist. Das führt zu großen Problemen – zum Beispiel zu einem umkämpften Wohnungsmarkt im Niedrigpreissektor, aber auch zu überlasteten Kitas und Schulen.

750 Mitarbeiter haben Werkverträge

Das Unternehmen versucht schon länger, seinen bescheidenen Ruf in der Öffentlichkeit zu verbessern, und hat dazu am Freitag einen weiteren Schritt getan: Auf Einladung von Wolfgang Sasse (CDU) informierte Geestland-Geschäftsführer Norbert Deeken Ratsmitglieder aus fast allen Fraktionen, Vertreter der Mittelstandsvereinigung sowie Mitarbeiter des Landkreises Oldenburg und der Stadtverwaltung über den Betrieb und erklärte, warum er nicht auf Werkvertragsmitarbeiter verzichten will.

In der Hochsaison Zehn-Stunden-Schichten

Auf der einen Seite arbeiten in der Schlachterei rund 300 mittel- und hoch qualifizierte Kräfte, die zum Beispiel als Lastwagenfahrer, in der Buchhaltung oder als Mechatroniker tätig sind. Aber auf der anderen Seite gibt es auch die Jobs am Band, bei denen Menschen stundenlang bei Temperaturen von fünf Grad Celsius Puten töten, zerlegen und verpacken. „Das sind keine einfachen Tätigkeiten, auch weil man ständig auf den Beinen ist und im Schichtdienst arbeitet“, sagte Deeken. In der Hochsaison im Mai und Juni würden Aldi, Lidl und Co. die zehnfache Menge an Putenfleisch bestellen, als normal angefordert werde. Dann wird in zwei Zehn-Stunden-Schichten sechs Tage die Woche gearbeitet, führte er aus.

Geestland findet keine deutschen Arbeiter

Dafür finde Geestland keine deutschen Arbeiter und sei gezwungen, auf Ausländer zurückzugreifen, deren „Befindlichkeiten noch kein deutsches Niveau“ hätten, so Deeken. Fündig wird der Betrieb schon seit Jahren in Bulgarien. Und das mithilfe von zwei in Wildeshausen und Vechta ansässigen Werkvertragsfirmen, die das Land am Schwarzen Meer gut kennen, Arbeiter nach Deutschland vermitteln und vor Ort auch betreuen.

Werkvertragsfirmen werben Bulgaren an

Die Bulgaren sind mehrheitlich nicht direkt bei Geestland, sondern bei den beiden Werkvertragsfirmen angestellt. Das bringe für die Beschäftigten viele Vorteile mit sich, argumentierte Deeken. Er verwies auf die Unterbringung in einer ehemaligen Kaserne in Wagenfeld (Landkreis Diepholz), wo für einen Platz in Zimmern mit einem Bett (zwölf Quadratmeter) und mit zwei Betten (20 Quadratmeter) nur rund 200 Euro Monatsmiete zu bezahlen sei. Außerdem würden Möbel und Infrastruktur wie Waschmaschinen genauso zur Verfügung gestellt wie die kostenlose An- und Abfahrt zur beziehungsweise von der Arbeitsstelle. „Das heißt, sie brauchen kein Auto, sparen also Geld.“ Insofern seien Werkvertragsarbeiter bessergestellt als reguläre Beschäftigte mit ähnlichen Aufgaben.

Geestland: „Betreiben kein Lohndumping“

Die Arbeiter bei Geestland erhalten den Mindestlohn von 9,35 Euro pro Stunde, der sich nach einem Jahr auf 9,60 Euro und nach drei Jahren auf 10,10 Euro erhöht. Hinzu kommen Zuschläge für Nachtschichten und Überstunden (jeweils 25 Prozent). Deeken betonte, dass den Mitarbeitern kein Teil des Lohns für Arbeitsmaterial („Messergeld“) abgezogen würde. „Das sind geregelte Arbeitsverhältnisse. Alle zahlen in die Sozialkassen ein“, wehrte sich der Geschäftsführer gegen Vorwürfe, Werkverträge seien ein „Einfallstor für Lohndumping“. Die Bulgaren bauten mit dem hier verdienten Geld zum Teil Häuser in ihrer Heimat, verwies er auf einige Beispiele.

Konkurrent setzt auf anderes Modell

Volker Pickart von der Mittelstandsvereinigung hinterfragte das Geestland-Modell und verwies auf die in Garrel ansässige Firma „Böseler Goldschmaus“, wo seit 2016 alle Werkverträge in reguläre Arbeitsverhältnisse überführt wurden – das betraf rund 400 Angestellte.

Geestland setzt weiter auf Werkverträge

Deeken, der selbst in Garrel lebt, zweifelte den langfristigen Erfolg an. Er verwies auf Geestlands langjährige Zusammenarbeit mit den beiden Werkvertragsfirmen, die sich sehr gut in Bulgarien auskennen würden. Die wolle er nicht gefährden, indem er Arbeiter abwerbe. „Böseler Goldschmaus“ habe eine eigene Abteilung für die Gewinnung von Arbeitern aufgebaut, beschäftige Sozialarbeiter und baue Wohnungen für die Beschäftigten.

Kritische Fragen aus Politik und Verwaltung

Pickarts Wortbeitrag war nicht die einzige kritische Frage. Der Erste Kreisrat Christian Wolf bemängelte, dass nicht deutlich geworden sei, wie Geestland seine Arbeitnehmer halte. „Viele gehen ja auch schnell wieder.“ Das Problem treibt auch Wolfgang Däubler (UWG) um. „Einige sind nach drei Jahren wieder weg. Das muss man in Relation zu den Kosten für ihre Integration setzen.“ Bürgermeister Jens Kuraschinski verwies auf starke saisonale Schwankungen, sodass es für Kitas und Schulen schwer sei, zu planen. Künftig könne es vor dem eigentlichen Anmeldeverfahren eine Abschätzung in Bezug auf die Perspektiven der Familien geben. Außerdem warb der Verwaltungschef dafür, dass Geestland gegenüber den Werkvertragsfirmen stärkere Integrationsbemühungen einfordert.

Transparenz und Offenheit gelobt

Sowohl Politiker als auch Vertreter von Kreis und Stadt lobten die Transparenz. „Wir müssen aufpassen, nicht alle produzierenden Unternehmen zu verteufeln, sonst wandern die Lebensmittelbetriebe ins Ausland ab“, warnte Jens-Peter Hennken (CDW). Sasse plant weitere Treffen mit Firmen der Stadt.

Geestland in Zahlen:

Die Firma Geestland erwirtschaftete 2019 einen Umsatz von 310 Millionen Euro. Pro Tag werden 35 000 Puten geschlachtet. Der Betrieb zahlt schon seit Jahren kaum Gewerbesteuern. Allerdings fallen pro Jahr rund 2,5 Millionen Euro Lohnsteuern an. Das Land überweist 250 000 Euro mehr Schlüsselzuweisungen an Wildeshausen, da sich diese nach der Einwohnerzahl richten. Geschäftsführer Norbert Deeken verwies auch auf die Kaufkraft der Mitarbeiter (2,5 Millionen Euro pro Jahr) und Lieferverträge mit 240 bäuerlichen Betrieben in der Region. Alle Zahlen stammen vom Unternehmen.

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