Brummkreiselverein philosophiert im Kino

Wie der Gast an der Theke fürs ganze Leben lernt

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Urgestein Heini Boning philosophierte über Kneipen, Kronleuchter und das, was wirklich zählt.

Wildeshausen - Von Anja Nosthoff. Im Wildeshauser LiLi-Servicekino „brummte“ es am Sonnabendnachmittag. In den Kinosesseln lümmelten sich zum Abschuss freigegebene Herren und zupackende „Jungfern“. Seltsame Brillen ermöglichten ganz neue Perspektiven; der Kuchen war sowieso himmlisch, und das Programm auf der Leinwand sowie zwischen den Stühlen ließ kein Auge trocken. Der Brummkreiselverein hatte in den Kinosaal Einzug gehalten.

Da wunderte es schlussendlich nur noch, dass während des kollektiven und stimmungsvollen Begutachtens eines Gildefilms aus dem Jahr 1996 sowie eines 3D-Vorspanns und einer alten „Buten und Binnen“-Folge mit Brummkreisel-Vertretern kein Kronleuchter von der Decke fiel. Was nur daran lag, dass dort keiner hing.

„Was waren das für Zeiten!“, schwärmte der im Januar 80 Jahre alt gewordene Heini Boning – ein Wildeshauser Urgestein, das unweigerlich mit dem gildeverbundenen Brummkreiselverein und dessen regelmäßigen Lachparaden in Verbindung gebracht wird. Nun dachte Boning bei seinen Schwärmereien allerdings weder an seinen ersten Kuss, die Flitterwochen oder etwa an das Erreichen des Rentenalters. Vielmehr meinte er die Zeiten, da er mit Gleichgesinnten in Wildeshausen von Kneipe zu Kneipe zog und dabei fürwahr fürs Leben lernte. „Mit 80 Jahren, da ist man nun wirklich zum Abschuss freigegeben. Man kennt ja mittlerweile mehr Leute auf dem Friedhof als in der Stadt“, flachste er und lobte gleichzeitig, dass er und die Anwesenden trotz aller Brummkreiselei so ein anständiges Erwachsenendasein erreicht hätten.

Was daneben wichtig ist, hält der Brummkreiselverein ausdrücklich in Ehren: Werte wie Geselligkeit, Freundschaft, Friede, Freude und auch feucht-fröhliches Glücklichsein. Nicht umsonst wird all das während der Brummkreisel-Lachparade in der Gildewoche alljährlich auf die Spitze getrieben. Boning ist beruhigt, dass er die Tradition in guten Händen weiß: Von der Küchen- bis zur Lagerjungfer sei der Brummkreisel-Festausschuss voller fleißiger Frauenhände, die es verstünden, an der richtigen Stelle zuzupacken. Höchst gewissenhaft kümmert sich außerdem Joachim „Drechsel“ Ebenthal um die ebenso tiefsinnigen wie feucht-fröhlichen Brummkreisel-Angelegenheiten.

Boning schwelgte unbesorgt in den Zeiten, als Schüler und Lehrlinge in Wildeshausen von Kneipenwirtin „Mutter Marianne“ umsorgt wurden, die ein solidarisches Bezahlsystem erfand: „Wer schon arbeitete, finanzierte dabei die Getränke der Jüngeren zum Teil mit.“ So riss ihm seinerzeit nicht das verzechte Bier ein Loch ins Konto, sondern vielmehr die Deckenbeleuchtung. Denn von den damals in fast allen Kneipen verbreiteten Kronleuchtern konnte Boning fast nie seine Finger lassen – was allerdings einmal schiefging. Zwar fiel in dem Wirtshaus, wo er unter der Decke sein Unwesen trieb, nur ein Exemplar zu Boden. Aber da ein Leuchter dieser Art nirgends mehr zu haben war, mussten auf Bonings Kosten alle 30 Kronleuchter in der gesamten Kneipe erneuert werden.

Die Geselligkeit, die Freunde, die Begegnungen – für all das konnte Boning mit diesem Fauxpas durchaus leben. An der Theke ist es nach seiner Einschätzung wie vielleicht nirgends sonst möglich, über seinen eigenen Tellerrand hinauszublicken. Ungezwungen unterhält man sich mit so manch einem, mit dem man sonst nie ins Gespräch gekommen wäre, nimmt teil an Kummer und Freude, erfährt von den verschiedensten Lebenswegen, erschließt sich so manche Lebensweisheit und gewinnt echte Freunde – ungeachtet aller Unterschiede in Begabung, Charakter und Sozialisierung.

Nicht zuletzt schwärmte Boning von der Originalität und Herzenswärme der Wirte und Wirtinnen der damals 16 Wildeshauser Kneipen. Er bedauerte, dass diese Zahl erschreckend zurückgegangen sei. Hinsichtlich der Kneipen sehe es jetzt mager aus in der Wittekindstadt. Ausdrücklich beklagte Boning, dass „nun auch noch Wolters dicht gemacht hat.“

Trotzdem fanden die Brummkreiselverein-Mitglieder nach dem Kino noch den Weg in einige Wirtshäuser, um schließlich bei Thurm-Meyer zum gemütlichen kulinarischen „Finale“ zu kommen. Fest steht bereits, dass die Lachparade am „Pfingstmittwoch“, die sonst bei Wolters stattfand, in diesem Jahr im Reitersaal über die Bühne geht.

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