Förderschüler im Homeschooling

„Jede Schneeflocke lenkt ihn ab“

Ein Junge sitzt an einem Schreibtisch vor einem Laptop und hat ein Aufgabenheft in der Hand.
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Zuhause zu lernen ist für Kinder, die eine Förderschule besuchen, eine besondere Herausforderung. Vor allem praktische Inhalte fehlen.

Homeschooling mit einem Kind, das schwere Legasthenie hat, oder mit einem Jugendlichen, der sich ständig von allem ablenken lässt – das ist eine besondere Herausforderung. Drei Mütter, deren Kinder Förderbedarf haben, berichten vom Schulalltag zuhause.

Wildeshausen – Für die eigenen Kinder zuhause einen Schulalltag zu organisieren, ist für viele Eltern seit Monaten eine Herausforderung. Doch wie geht es Müttern und Vätern, deren Nachwuchs einen besonderen Förderbedarf hat und in der Schule spezielle Unterstützung, ausgerichtet auf die individuellen Bedürfnisse, erhält?

Drei Mütter, deren Söhne die Hunteschule in Wildeshausen mit dem Förderschwerpunkt Lernen besuchen, erzählen von ihren Erfahrungen. Die Namen der Kinder nennen wir in Absprache mit den Eltern nicht.

Klasse neun: Angst vor dem Schulwechsel

Claudia Osenbergs Sohn hat Angst vor dem Wechsel auf eine neue Schule.

Ihr Sohn wolle am liebsten das Schuljahr wiederholen, obwohl er gute Noten habe, erzählt Claudia Osenberg. Denn der 15-Jährige, der eine Lese-Rechtschreib-Schwäche habe und dessen emotionale Entwicklung verzögert sei, sorge sich vor dem anstehenden Schulwechsel.

Er besucht derzeit die neunte Klasse und müsste nach dem Abschluss an der Hunteschule für das zehnte Schuljahr nach Ganderkesee wechseln. Dort könnte er seinen Hauptschulabschluss machen.

Die größte Herausforderung für ihn sei durchzuhalten, beobachtet seine Mutter. „Die Kinder sind sehr verunsichert. Die Schule gibt ihnen Halt, Struktur und Anerkennung.“ Nun fehlten der soziale Zusammenhalt in der Klasse und die gemeinsamen Aktivitäten.

„Die Kinder sind sehr verunsichert. Die Schule gibt ihnen Halt, Struktur und Anerkennung.

Claudia Osenberg

Gleichwohl komme ihr Sohn mit seinen Aufgaben gut zurecht. Er sei derzeit komplett im Homeschooling, weil er durch das Tragen einer Maske sowohl erhebliche Kopfschmerzen als auch Konzentrationsprobleme bekäme, berichtet Osenberg. Jeden Montag hole der 15-Jährige sich einen Wochenplan ab, in dem eingetragen ist, welche Aufgaben er täglich erledigen muss. Seine Arbeit organisiere er selbstständig.

Sie sei natürlich unterstützend für ihn da, sagt die 38-Jährige, aber ihr sei es wichtig, die Eigenständigkeit ihres Sohns zu fördern. Er habe bei Fragen stets die Möglichkeit, seine Lehrerin anzurufen oder ihr zu schreiben. Über eine Whatsappgruppe hält die Klasse untereinander Kontakt.

Doch auch wenn das Homeschooling relativ gut klappt: „Das Aktive fehlt“, sagt die 38-Jährige. Arbeitsgemeinschaften, Sport, Werken, Hauswirtschaft, Lernen durch Anfassen und Ausprobieren – all diese sonst elementaren Teile des Schulalltags ihres Sohns sind wegen der Pandemie weggebrochen. Nun müsse er ausschließlich mit Papier und Stift arbeiten – eine Herausforderung für einen Jugendlichen mit Lese-Rechtschreib-Schwäche und Konzentrationsproblemen.

Als Mutter möchte sie keine Ersatzlehrerin sein, sagt Osenberg

Osenberg sieht sich nicht als Ersatzpädagogin: „Ich versuche, nicht die Lehrerin raushängen zu lassen. Ich möchte, dass das Feedback von der Schule kommt.“ Das funktioniere auch sehr gut. Die Lehrkräfte, zu denen ein gutes Vertrauensverhältnis bestehe, seien immer erreichbar und gäben sowohl den Eltern als auch den Kindern positive Rückmeldung.

Für sich selbst sieht die Wildeshauserin die Herausforderung vor allem darin, ihren Sohn positiv zu stärken und ihm – trotz der schwierigen Lage – eine Perspektive aufzuzeigen. Dazu gehört auch, dass sie die Sorgen des 15-Jährigen vor dem Schulwechsel ernst nimmt und ihm vielleicht ermöglicht, das Jahr zu wiederholen. „Ich dränge ihn nicht. Ich gebe ihm die Zeit, und die hat er auch.“

Drei Schulalltage auf einmal

Sabrina Petersen muss gleich drei Schulalltage organisieren: den ihres zwölfjährigen Sohns mit Förderbedarf, den ihres 14-jährigen Sohns ohne Förderbedarf und ihren eigenen. Denn die 36-jährige Sozialassistentin macht gerade eine Ausbildung zur Erzieherin – hätte sie gewusst, was mit Corona auf sie zukomme, hätte sie das sicher nicht gemacht, sagt sie heute.

Denn mit ihrem zwölfjährigen Fünftklässler, der im sozial-emotionalen Bereich Förderung braucht und zudem nur eine sehr kurze Aufmerksamkeitsspanne hat, ist Petersen im Homeschooling eigentlich ausgelastet.

Sabrina Petersen muss drei Schulalltage auf einmal organisieren.

Um halb sieben weckt sie die beiden Jungs, ab acht Uhr wird gearbeitet. Die Schule gebe zu den Aufgaben eine Liste mit einer möglichen Tagesstruktur mit, erzählt die Wildeshauserin: 45 Minuten lernen, dann eine Viertelstunde Pause.

Das sei nicht leicht: „Jede Schneeflocke lenkt ihn ab“, beschreibt sie die Konzentration ihres jüngsten Kinds. „Um zehn nach eins fällt dann der Hammer.“ Zumindest für den Zwölfjährigen. Aber: „Nach der Schule ist mein Kopf eigentlich auch voll.“

Ihren anderen Sohn unterstützt die Wildeshauserin auch am Nachmittag. Und schließlich hat sie für ihre Ausbildung noch eigene Aufgaben zu erledigen. „Mein Anspruch ist, dass wir so viel wie möglich schaffen“, sagt Petersen.

Nach der Schule ist mein Kopf eigentlich auch voll.

Sabrina Petersen

Es sei trotzdem in dieser Situation „schier unmöglich“, auf die Bedürfnisse beider Söhne angemessen einzugehen. Viel Zeit für gemeinsame Unternehmungen bleibt nach Schule und Ruhepause nicht. Die 36-Jährige ist alleinerziehend und arbeitet, häufig auch am Wochenende, wenn die Söhne beim Vater sind.

Für sie sei es die größte Schwierigkeit, ihren Kindern gerecht zu werden, sagt Petersen. „Jetzt vertrete ich alle Rollen: Mutter, Vater, Lehrerin.“ Das mache auch ihrem Zwölfjährigen zu schaffen: dass er sie als Lehrerin akzeptieren soll, und dann noch als eine, die wegen all ihrer anderen Aufgaben weniger auf ihn eingehen könne als die echte.

Dass sie die Rolle der Pädagogin nicht wirklich übernehmen könne, sei ihr klar, sagt die 36-Jährige. Sie sei sehr froh, dass sie viel Unterstützung von der Hunteschule erhalte, dass es Rückmeldung gebe und die Lehrkräfte gut zu erreichen seien. „Ich glaube, die Schulen haben einen guten Weg gefunden, uns Eltern zu unterstützen“, findet sie.

Doch auch mit viel Anstrengung kann Petersen zuhause für die sozial-emotionale Förderung ihres Kinds kaum etwas tun. „Was ihm unglaublich fehlt, sind soziale Kontakte.“ Sich im Umgang mit Gleichaltrigen zu entwickeln, mit ihnen zu messen, das sei derzeit nicht möglich. Im Familienleben falle dieses Defizit nicht so auf, für sie sei es wenig greifbar. Aber ihr ist klar: „Soziale Verarmung, das macht etwas mit den Kindern.“

Wenn das Lesen schwer fällt

Esther Böske-Gottschalks 13-jähriger Sohn ist schwerer Legastheniker. Das bedeute, dass er sich mit dem Lesen sehr schwer tue, erläutert seine Mutter. Deshalb übe er in der Schule sehr viel – nun muss das zuhause passieren.

Esther Böske-Gottschalks Sohn ist Legastheniker und kämpft im Homeschooling mit den Buchstaben.

Damit umzugehen, dass er selbst bei Mathe-Textaufgaben Schwierigkeiten habe, sei während des Homeschoolings eine große Herausforderung, sagt die 46-Jährige. „Ich kann es nicht nachvollziehen, wenn er Wörter nicht erkennt.“ Zugleich aber habe sie gelernt, dass es wichtig ist, ruhig und gelassen zu bleiben. „Die Kinder haben einen ,special effect‘ und den muss man nehmen, wie er ist. Sie geben ihr Bestes.“

Der Schultag beginnt für den 13-Jährigen, der den siebten Jahrgang besucht, um acht Uhr. Für die Organisation der Aufgaben sei er selbst verantwortlich, das klappe gut, berichtet Böske-Gottschalk. „Er geht alleine an seine Aufgaben, das ist eine richtige Erleichterung“, sagt sie. Seine Lehrerin sei zudem stets erreichbar und biete seit Kurzem zwei- bis dreimal pro Woche auch Unterricht per Skype für je zwei Kinder gleichzeitig an.

Es ist nicht so, wie wenn man sechs Stunden am Tag in die Schule geht. 

Esther Böske-Gottschalk

Im ersten Shutdown habe sie ihre Arbeitszeit reduziert und sei ab 11 Uhr zuhause gewesen, um ihrem Sohn bei Fragen helfen zu können, blickt die 46-Jährige zurück. Nun sei sie krankgeschrieben und könne ihn bei Bedarf weiterhin unterstützen.

Sie beobachtet, dass dem Siebtklässler soziale Kontakte und die vielfältigen Aktivitäten des Schulalltags sehr fehlen. Das Miteinander in der Klasse, Arbeitsgemeinschaften und Sport seien nicht zu ersetzen. „In praktischen Sachen ist er immer ganz groß, er mag Handwerkliches“, sagt Böske-Gottschalk.

Obwohl sie sich in der Ausnahmesituation gut unterstützt fühlt und die Lehrkräfte ihre Arbeit sehr gut machten, habe sie den Eindruck, dass die Kinder beim Lernstoff hinterherhingen, sagt die 46-Jährige. „Es ist nicht so, wie wenn man sechs Stunden am Tag in die Schule geht. Ich hoffe, dass sie das nachholen können.“

Interview: „Familien kommen an Grenzen“

Wildeshausen/Hude – „So eine Situation wie jetzt hat es bisher nie gegeben“, sagt Michael Grashorn, Sprecher des Kreisbehindertenrats im Landkreis Oldenburg. Er war zudem lange bei der Lebenshilfe tätig. Eine Situation, in der sämtliche Unterstützungssysteme für Eltern, die ein Kind mit einer Behinderung oder Einschränkung haben, ausfallen. Grashorn spricht darüber, wie er ihre Situation während der Coronakrise einschätzt. Viel Optimismus und Engagement seien nötig, um die entstandenen und kommenden Herausforderungen zu bewältigen.

Sind Kinder mit Förderbedarf stärker durch die Corona-Einschränkungen betroffen als andere?

„Wir haben sowieso schon einen Großteil der Kinder mit sozial-emotionalen Einschränkungen“, sagt Grashorn. „Die Folgewirkungen der Pandemie auf die psychische Gesundheit der Kinder ist schwer abschätzbar. In so einem jungen Lebensalter wirkt sich das verheerend aus.“ Die soziale Distanz sei dabei ein entscheidender Punkt: „Isolation ist eins der wesentlichen Merkmale der Behinderung.“ Es gehe darum, die Idee der Inklusion zu retten – denn deren praktische Umsetzung sei während der Coronakrise an vielen Stellen außer Kraft gesetzt. Außerdem sei die Tatsache, dass die Situation sich so langwierig darstellt, eine zusätzliche Herausforderung.

Die Betreuung behinderter Kinder zuhause ist eine große Aufgabe, oder?

Ja, vor allem für die Frauen, bestätigt Grashorn. „Wir waren ja froh, dass in den vergangenen zehn, 20 Jahren die Mütter von behinderten Kindern wieder ins Berufsleben eingestiegen sind. Das ist Inklusion im Sinne von Emanzipation.“ Früher hätten diese Frauen häufig auf eine eigene Lebensgestaltung verzichtet. Zahlreiche Unterstützungssysteme hätten die Loslösung ermöglicht. Derzeit sei diese Entwicklung für viele junge Frauen jedoch zurückgedreht. „Diese kleinen Dinge, die sich jetzt im Alltag verschieben, werden später die Belastung ausmachen“, befürchtet Grashorn.

Was könnte Familien mit Kindern, die eine Einschränkung haben, jetzt helfen?

Grashorn wünscht sich, dass Lehrkräfte und Betreuungspersonal möglichst bald geimpft werden. Auch die Wiederaufnahme der Aktivitäten von Vereinen, Jugendhäusern und Co. sei wichtig. „Alles auf die Familie zu fixieren, das kommt an Grenzen“, sagt Grashorn. Politik und Verbände sollten solidarisches Handeln stärker in den Fokus rücken. „Und fachlich müssen wir uns Gedanken machen, wie wir die psychische Belastung der Kinder mit pädagogischen und therapeutischen Angeboten wieder aufbrechen.“

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