Förderschule steht vor dem Aus/Experten befürchten massive Probleme

„Wir eilen schon jetzt von Brennpunkt zu Brennpunkt“

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Die Hunteschule, Förderschule Lernen, ist ein Kompetenzzentrum zur Qualifizierung Jugendlicher.

Wildeshausen - Im Juni wurde in Niedersachsen per Schulgesetz das mittelfristige „Todesurteil“ für die Hunteschule in Wildeshausen sowie drei weitere Förderschulen „Lernen“ im Landkreis Oldenburg beschlossen. Werden seit wenigen Jahren die Grundschüler mit Förderbedarf nicht mehr an der Hunteschule unterrichtet, sollen ab dem Jahr 2017 – aufsteigend ab Klasse fünf – keine neuen Schüler mehr aufgenommen werden. Mit möglicherweise gravierenden Konsequenzen.

Fachleute befürchten, dass Kinder und Jugendliche, die nicht mehr im geschützten Rahmen einer Förderschule lernen und gefördert werden, an den gewöhnlichen Regelschulen „durch das Raster“ rutschen und überhaupt keinen Abschluss mehr schaffen. Bislang können Förderschüler mit Schwerpunkt Lernen einen entsprechenden Abschluss erwerben, der ihnen die Weiterqualifizierung beispielsweise an den Berufsbildenden Schulen und somit eine Berufsqualifizierung ermöglicht.

„Dieses Jahr haben wir zehn neue Schüler aufgenommen“, erklärt Schulleiter Thomas Trüper. Sieben Mädchen und Jungen seien in die fünfte Klasse eingeschult worden, jeweils ein Jugendlicher in die drei folgenden Klassen. Auch im kommenden Jahr seien noch Neu-Aufnahmen geplant. Voraussichtlich im Jahr 2022 läuft die letzte Klasse aus. Ob das noch an der Hunteschule geschieht, ist fraglich, weil der Aufwand für eine Klasse zu groß wäre und die Lehrer an den elf Schulen im Landkreis als abgeordnete Förderlehrer arbeiten.

Im Gegensatz zu Schülern, die Defizite beim Hören, Sehen oder der Sprache haben, sind Kinder und Jugendliche, die beim Lernen pädagogische Unterstützung benötigen, für die Allgemeinheit nicht so leicht zu erkennen und als förderbedürftig einzuschätzen. „Bei uns werden nur Schüler unterrichtet, für die der Förderbedarf ganz klar festgestellt ist“, sagt Konrektorin Martina Zahl. Und diese Schüler seien auch in starkem Maße auf die gezielte Unterstützung angewiesen.

Diese dürfte nach Einschätzung der Pädagogen immer schwerer zu leisten sein, wenn die Förderschüler an den Regelschulen unterrichtet und von abgeordneten Lehrern betreut werden. „Wir eilen schon jetzt von Brennpunkt zu Brennpunkt“, so Zahl, die ebenso wie ihre Kollegen zehn Grundschulen und die Hauptschule in Wildeshausen betreut. Zwölf Pädagogen touren zurzeit durch die Region und versuchen zu retten, was zu retten ist. Sie sind zunehmend Einzelkämpfer, haben keine Klassenleitung mehr, und wenn auch die älteren Schüler nicht mehr an der Förderschule unterrichtet werden, sind auch Praktika und Berufsorientierungsmaßnahmen immer schwieriger zu realisieren. Und dann? Experten befürchten, dass immer mehr Schüler nicht mehr aufgefangen werden können und nach der Schulpflicht ohne Vertrauen und Abschluss komplett in der Luft hängen.

Aber nicht nur für die Förderschüler fehlt es an optimaler Entwicklungsmöglichkeit. „Auffälliges Verhalten potenziert sich“, so Zahl. Wenn ein Schüler in der Regelschulklasse auffalle und damit durchkomme, würden schnell andere Schüler in ähnliche störende Verhaltensweisen verfallen. Bereits jetzt gibt es Überlegungen, Förderschüler zumindest an Grundschulen in Förderklassen zusammenzufassen, weil sie nicht im gewöhnlichen Rahmen unterrichtet werden können. Das wiederum würde dem Inklusionsgedanken der UN-Behindertenrechtskonvention entgegenstehen. Im Gegensatz zu einer Weiterführung der Förderschulen, so sagen Zahl und Trüper. „Wir sind hier eine inklusive Regelschule“, erklären sie. Von daher sei es eigentlich absolut sinnvoll, die Förderschulen Lernen ebenso zu erhalten wie die Förderschulen Sprache, Hören, Sehen, geistige und körperliche Entwicklung, die Bestandsschutz genießen.

dr

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