Flucht, Trauma und ein zweites Zuhause: Wildeshauser Zeitzeugen berichten von Vertreibung aus Ostpreußen und Schlesien

„Die Menschheit hat nichts dazu gelernt“

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Zum Thema „Flüchtlinge und Vertriebene in Wildeshausen nach dem Zweiten Weltkrieg“ referierten Heinz-Joachim Kunz, Manfred Rollié und Peter Heinken. Martina Steinkamp (v.l.) moderierte.

Wildeshausen - Eine traumatische Flucht, das Ankommen in Wildeshausen, erlebte Hilfsbereitschaft, lebenslange Dankbarkeit. Von solchen Erlebnissen erzählten am Mittwochabend im Rathaussaal die mittlerweile „alteingesessenen“ Wildeshauser Heinz-Joachim Kunz und Manfred Rollié. Das Thema des vom Bürger- und Geschichtsvereins präsentierten Vortrags im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Geschichte im Rathaus“ lautete „Flüchtlinge und Vertriebene in Wildeshausen nach dem Zweiten Weltkrieg“.

Aktueller denn je sei das Thema angesichts der heutigen neuen Flüchtlingskrise, so Martina Steinkamp, die die Veranstaltung moderierte. „Es schlägt in eine Kerbe, die uns alle betrifft.“

Bevor die beiden Zeitzeugen ihre Erlebnisse schilderten, gab der Lokalhistoriker Peter Heinken einen kurzen Abriss zur damaligen Situation.

Sehr berührend schilderte Kunz anhand seiner Erinnerungen und Nachforschungen seine Flucht aus dem ostpreußischen Klein-Teschendorf im Jahr 1945. Mit dieser Beschreibung, was Kunz als Siebenjähriger erlebte, beginnt die Familienchronik, die Kunz heute als 77-Jähriger – teils auch zur Aufarbeitung seines Traumas – schreibt.

Dafür nahm er sich die Jahre 1945 bis 1952 heraus. Schreckliche Fluchterlebnisse, das Retten des eigenen „nackten Lebens“, schließlich das Kriegsende, das Wiederfinden einiger überlebender Verwandter und Nachbarn – das alles mündete am 6. August 1945 nach fast siebenmonatiger Odyssee in der amtlichen Erfassung im Wildeshauser Rathaus. Kunz, dessen Vater im Krieg gefallen und dessen Großvater noch auf dem heimatlichen Bauernhof verstorben war, hatte die Flucht mit Mutter, Tante und Großmutter durchgemacht.

„Meine Oma war den Wildeshausern, die unsere Notsituation erkannten und sofort halfen, zeitlebens dankbar“, so Kunz. Und dennoch habe sie den Verlust ihrer Heimat und die Familienschicksale seelisch nie verkraftet.

Rollié, der von 1981 bis 1999 das Bürgermeisteramt in Wildeshausen bekleidete, flüchtete als 16-Jähriger im Jahr 1946 aus dem schlesischen Bad Ziegenhals mit einem „Antifaschistenzug“, in dem er den Platz des nicht erschienenen Hubert Ehrlichs annahm, nach Westdeutschland. In Wildeshausen fand er schließlich seine Eltern wieder, die kurz nach seiner Flucht aus der Heimat vertrieben worden waren.

Am Ende seines Vortrags fragte Rollié sich: „Wo ist meine Heimat?“ Wie Kunz hat Rollié seine Vergangenheit mit Besuchen der alten Heimat aufgearbeitet. Rollié schloss sich dem in Oldenburg geborenen Philosophen Karl Jaspers an, der meint, die Heimat sei dort, „wo ich verstehe und wo ich verstanden werde“.

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