Dörner lobt Freiwilligenagentur und Diakonie Himmelsthür

Flammendes Plädoyer für ein „Raus aus den Heimen“

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Thorben Kienert, Klaus Dörner, Jörg Arendt-Uhde, Barbara Wündisch-Konz und Dieter Brüggmann (v.l.) im Gymnasium. 

Wildeshausen - Von Dierk Rohdenburg. Klaus Dörner ist ein Mann deutlicher Worte. Der Mediziner und Mitbegründer der Psychiatriereform-Bewegung war am Dienstag auf Einladung der Diakonie Himmelsthür und der Freiwilligenagentur Wildeshausen zu Gast im Forum des Gymnasiums. Er forderte „Raus aus den Heimen“ und stützte damit die Pläne der Diakonie, die großen Einheiten aufzulösen.

„Ich fürchte, ich werde nicht viele Städte finden, in denen das ehrenamtliche Engagement der Bürger so groß ist wie hier in Wildeshausen“, leitete Dörner ein, um fortzufahren: „Ich fürchte, ich werden auch nicht viele Träger der Behindertbetreuung finden, die von sich behaupten können, die Heime so aufzulösen wie Sie es tun.“

Von diesen Engagement hatte er durch den Vorsitzenden der Freiwilligenagentur, Dieter Brüggmann, und deren Geschäftsführer Thorben Kienert erfahren. Von der Diakonie Himmelsthür, bei der Veranstaltung vertreten durch Jörg Arendt-Uhde und Barbara Wündisch-Konz, wusste er es, denn die „Auflösung der Anstalten“ ist sein Lebensthema.

Der 82-jährige Hamburger, der grundsätzlich mit der Eisenbahn anreist, zeigte den rund 80 Zuhörern auf, dass sich das Menschenbild von „Personen, die volle Leistung bringen können“ erst mit der Industrialisierung entwickelt hat. „Wenn der Mensch nicht volle Leistung bringen kann, so entschieden damals die Mediziner, dann ist er kein voller Mensch.“ Diese Abstufung, so Dörner, sei Ergebnis einer Trennung von Medizin und Philosophie. So sei es gekommen, dass im Ersten Weltkrieg von lebensunwertem Leben gesprochen wurde. „Das war alles von den Psychiatern vorgeprägt. Die Nazis haben es später nur übernommen“, erklärte Dörner ganz selbstkritisch mit dem Blick auf die Profi-Helfer, zu denen er auch gehört. „Man hat den Behinderten den Leistungswert genommen, man hat sie in Anstalten weggeschlossen und man hat beschlossen, dass man ihnen professionell helfen muss“, fuhr er fort, um dann von den bahnbrechenden Neuerungen zu sprechen, dass beispielsweise die Stadt Bremen in der 80er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts beschloss, die Psychisch-Kranken wieder „in ihre Heimat“ zu lassen.

Angesichts dieser Überlegungen konnte Dörner es nur begrüßen, dass die Himmels-thür daran arbeitet, 400 Menschen in dezentrale Wohnformen zu bringen. Gleichzeitig begeisterte sich der Mediziner dafür, dass in Wildeshausen ehrenamtlich und menschlich geholfen wird, ohne dass ein „Profi-Helfer“ aktiv werden muss. Die Zuhörer dankten Dörner für seine Ausführungen mit Applaus.

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