Erzieherinnen: Berufsstart trotz Corona

Kurz vor dem Berufseinstieg: Janina Uhl.
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Kurz vor dem Berufseinstieg: Janina Uhl.

Über Kinderbetreuung ist in den vergangenen Wochen viel geredet worden: Sind Erzieherinnen systemrelevant? Wie geht es im neuen Kita-Jahr weiter? Wir haben Absolventinnen der BBS gefragt, wie sie das Ende ihrer Ausbildung zur Erzieherin erlebt haben und was sie vom Berufseinstieg erwarten.

Landkreis/Wildeshausen – „Ich habe hautnah miterlebt, wie es unruhig wurde“, erinnert sich Janina Uhl. Das war am 13. März, als die 23-Jährige gerade ein Praktikum in einem Hort absolvierte. An diesem Tag kam die Meldung, dass aufgrund der Corona-Pandemie ab dem folgenden Montag sämtliche Kinderbetreuungseinrichtungen schließen sollten. Plötzlich mussten Aufgaben zusammengestellt und Sachen gepackt, Eltern informiert und Kinder aufgeklärt werden. „Das war ein wahrsinniger Stress“, sagt Uhl. Erst als sie zuhause gewesen sei, habe sie über ihre eigene Situation nachgedacht: Damals stand die Wildeshauserin kurz vor dem Ende ihrer Ausbildung zur Erzieherin. „Kriege ich meinen Abschluss überhaupt?“ Auf einmal stand diese Frage unüberhörbar im Raum.

„Wir standen alle ein bisschen neben uns“, bestätigt eine Klassenkameradin, die mit Uhl gemeinsam die Fachschule Sozialpädagogik der Berufsbildenden Schulen des Landkreises Oldenburg besucht hat. Die 20-Jährige aus Ganderkesee möchte nicht mit Namen genannt werden, hat uns aber ebenfalls von ihrer Sicht auf die vergangenen Monate berichtet.

Glücklicherweise habe schnell festgestanden, dass es möglich sein werde, die Ausbildung wie geplant im Sommer abzuschließen, sagt sie. Zwei von drei Prüfungen seien ausgefallen, erläutert Klassenlehrer Gunther Wilms. Er sieht keine Nachteile für die insgesamt 16 Absolventinnen. Sie seien gut vorbereitet und alle von ihnen hätten eine Stelle gefunden. Auch die Einrichtungen wüssten mit der außergewöhnlichen Situation umzugehen und würden sich um die Berufsanfängerinnen kümmern.

Das Thema Betreuung ist in den Fokus gerückt

Trotzdem: Als Erzieherin gerade jetzt ins Arbeitsleben zu starten ist aus mindestens zwei Perspektiven besonders. Zum einen, weil seit der zeitweisen Schließung der Kitas zwischen März und Juni viel über die Notwendigkeit von Betreuungsangeboten gesprochen worden ist. Und zum anderen, weil der Start ins neue Kita-Jahr am 1. August einige Herausforderungen mit sich bringt, die es sonst nicht gibt.

„Es ist deutlich geworden, wie relevant wir sind“, findet Uhl, wenn sie über die jüngere öffentliche Debatte zum Thema Betreuung nachdenkt. Das ist für sie eine Selbstverständlichkeit: „Wir legen den Grundbaustein dafür, dass systemrelevante Menschen ihrem Job überhaupt nachgehen können“, nennt sie ein Argument für ihre Haltung.

Zugleich ist ihr wichtig, dass der Bildungsauftrag der Erzieherinnen anerkannt wird: „Das sind die wichtigsten Jahre jedes Menschen und da setzen wir an.“ Sie wünscht sich, dass noch mehr gesehen wird, welche Leistung das Personal in den Kitas erbringt. Dass es weiterhin das Vorurteil gibt, dass der Job zumeist aus Kaffeetrinken und Spielen bestehe, ärgert Uhl sehr. Die 23-Jährige kritisiert aber auch die Haltung der Politik: „Wenn die Regierung den positiven Blick auf diesen Job nicht vorgibt, kann man das von den Leuten auch nicht erwarten.“

Ihr ehemaliger Klassenlehrer Wilms betrachtet die neue Aufmerksamkeit für die Arbeit der Erzieherinnen skeptisch: „Wenn es eine Veränderung in der Wahrnehmung gibt, dann nur kurzfristig.“ Und selbst, wenn das nicht so sein sollte: Er gehe nicht davon aus, dass sich diese dann auch auf das Gehalt und die Arbeitsbedingungen der Beschäftigten auswirke. Wilms hofft allerdings, dass die höhere Belastung, die das Personal in den Einrichtungen aufgrund der Corona-Pandemie erlebt, wahrgenommen wird. Sowohl der organisatorische als auch der kommunikative Aufwand seien durch die derzeit geltenden Hygienevorschriften und Vorsichtsmaßnahmen deutlich gestiegen.

Wie wird es weitergehen in den Krippen und Kindergärten, was erwarten die Absolventinnen von ihrem Berufsstart? „Die Kinder werden anders in die Kita zurückkommen als sonst“, vermutet die 20-jährige Ganderkeseerin. Sie hätten nach einer so langen Pause und viel Zeit mit den Eltern vielleicht gar keine Lust, dorthin zu gehen, oder hätten Schwierigkeiten, sich wieder an den Alltag in der Einrichtung zu gewöhnen. Sie freue sich sehr auf den Einstieg im August.

Das geht auch Uhl so. Der Umgang mit den Kindern, der Austausch im Team und ein geregelter Tagesablauf stehen dabei für sie im Fokus. Sorgen vor einer Ansteckung macht sich die 23-Jährige nicht. Sie ist vor allem froh, dass es nun weitergeht, sagt ie abschöießend. Die vergangenen Monate seien die schwierigste Zeit ihrer Ausbildung gewesen, sagt die Wildeshauserin: „Weil da diese Unsicherheit war: Was wird jetzt eigentlich?“

Von Katia Backhaus

Abschied mit Erleichterung: Die Absolventinnen erhielten in Wildeshausen ihren Abschluss wie geplant. Archiv

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