Beißende Kritik von jüdischer Gemeinde

Erinnerungsgang mit Misstönen

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Rund 40 Menschen versammelten sich auf dem Friedhof.

Wildeshausen - Deutliche Misstöne gab es am Montag beim Erinnerungsgang auf den Spuren jüdischen Lebens in Wildeshausen. Mit dem Gang wird an die Reichspogromnacht am 9. November 1938 erinnert. Rund 40 Personen nahmen teil.

Überschattet wurde der Gang durch die Ausführungen von Bodo Gideon Riethmüller vom Vorstand der jüdischen Gemeinden in Niedersachsen. Dieser erinnerte nicht nur daran, dass am 9. November 1938 jüdische Männer und Frauen „wie Vieh durch die Straßen getrieben wurden“. Er betonte auch, dass der Tag für die Nationalsozialisten eine „Nagelprobe“ gewesen sei. „Sie wollten sehen, wie die Bürger reagieren. Gab es Proteste? Wie verhielten sich die beiden großen Kirchen? Doch Fehlanzeige!“, sagte Riethmüller. „Niemand hat das Unrecht Unrecht genannt.“ Und auch für den Gedenktag, so Riethmüller, hätte er erwartet, dass „hier eine unüberschaubare Menge teilnimmt. Aber wir können den Menschen das Gedenken nicht vorschreiben.“

Riethmüller kritisierte zudem die heimischen Zeitungen, sie hätten nichts über den Tag und den Erinnerungsgang geschrieben. Offenbar wolle man in den Medien dieses unangenehme Gedenken verschweigen und lieber über schöne Dinge schreiben. Auch habe er gedacht, so Riethmüller, dass der Stadtrat in großer Zahl zum Gedenken komme, denn der jüdische Friedhof „sei der einzige sichtbare Beweis für jüdisches Leben in der Stadt“. Als die Teilnehmer den Friedhof verließen, quittierten vielen von ihnen die Ausführungen mit einem Kopfschütteln.

Kommentar: Kein Zeichen für Versöhnungswillen

Der Weg führte schließlich über die Stele zum Gedenken an die ehemalige jüdische Synagoge an der Huntestraße und mehrere Häuser, in denen früher Juden gelebt hatten, zum Marktplatz. Der Gang wurde von Schülern des Beruflichen Gymnasiums begleitet, die die Kurse Werte und Normen sowie Religion belegt haben. An den verschiedenen Stationen lasen die jungen Menschen Passagen aus einem Flyer vor, der an die jüdischen Mitbürger erinnert. Marcus Sanders und Johanne Janßen berichteten zudem über ihren Kontakt im Frühsommer zu Selma Goldstein, der letzten noch lebenden Jüdin aus der Nazizeit in Wildeshausen. dr

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