Landrat Carsten Harings spricht im Interview über Gewalt gegen Verwaltungsmitarbeiter

Eine Hass-Mail ist keine Kritik

Das Internet und „soziale Medien“ machen es vermeintlich anonymen Nutzern leicht, Hassbotschaften abzusetzen. Symbolfoto: dpa

Wildeshausen/Landkreis – Verbale Attacken über das Internet sowie regelrechte Kampagnen, um Andersdenkende zu diskreditieren, gehören im Internet heute längst zum Alltag. Doch machen diese besorgniserregenden Entwicklungen nicht im privaten Bereich halt: Die öffentliche Verwaltung sowie Einsatzkräfte von Feuerwehr, Rettungsdienst und Polizei werden immer wieder Opfer verbaler und sogar körperlicher Angriffe. Inzwischen haben sich Bund und Länder des Themas angenommen.

Doch wie ist es um das Thema aktuell beim Landkreis Oldenburg bestellt? Wie geht man hier damit um, wie schützen sich die Mitarbeiter in den Behörden? Landrat Carsten Harings äußert sich dazu im Gespräch mit unserer Zeitung. Das Interview führte Gero Franitza.

Herr Harings, Bedrohungen, Beschimpfungen, sogar körperliche Übergriffe gegenüber Behördenmitarbeitern sind inzwischen real – wie ist es so weit gekommen? Ist das ein schleichender Prozess, der dazu geführt hat, oder ist es eine neue Entwicklung?

Sowohl als auch: Zum einen hat das Anspruchsdenken in der Gesellschaft im Laufe der Jahre zugenommen. Andererseits hat die Nutzung der „sozialen Medien“ zu einer sprunghaften Veränderung geführt.

Das war früher anders?

Ich meine schon. Da haben sich Leute noch persönlich – wo auch immer – in einer Gruppe getroffen, sich ausgetauscht oder auch beklagt. Dabei ist es dann aber geblieben. Heute werden Sachen schnell ins Netz gestellt. Das erreicht dann ungleich mehr Menschen, die das dann ihrerseits wieder kommentieren. Die Schärfe nimmt zu, je länger so ein Prozess anhält.

Tritt das vor allem Verwaltungen gegenüber auf?

Das ist kein behördenspezifisches Problem, sondern ein gesellschaftliches. Es gibt eine Mentalität, über alles diskutieren zu wollen, dann aber auch Recht zu bekommen. Ist dem dann nicht so, wird der Andersdenkende schnell niedergemacht.

Können Sie Beispiele von verbaler Gewalt nennen?

Könnte ich, aber die möchte ich an dieser Stelle lieber nicht wiederholen.

Aber Kritik, insbesondere Behörden gegenüber, muss doch möglich sein?

Kritik muss natürlich erlaubt sein, ist sie auch! Doch sie muss in sachlicher Form vorgetragen werden, nicht etwa auf einer persönlichen Ebene. Es gibt übrigens auch positive Kritik: Lob oder Dank etwa. Aber die wird immer seltener.

Verwaltung setzt die Beschlüsse der Politik um – auch wenn diese bei den Bürger unpopulär sind. Ich denke an die Misere mit den Mülltonnen, die bis zu einer Sammelstelle gezogen werden müssen ...

Unsere Aufgabe ist es, diese Entscheidungen umzusetzen, zu verkünden und zu vertreten. Es ist nachvollziehbar, dass die Bürger ihre Kritik uns gegenüber äußern. Wir kriegen den Unmut mitunter ab – das ist dann aber so.

Sind Sie schon einmal mit körperlicher Gewalt konfrontiert worden?

Nein, ich selbst noch nicht. Es ist aber im Kollegenkreis schon einmal vorgekommen – das ist bedauerlich und völlig inakzeptabel!

Was ist genau vorgefallen? Können Sie Beispiele nennen?

Ein Mitarbeiter ist gewürgt, einer an die Wand gedrückt worden. Ein weiterer Kollege wurde mit dem Hinweis „Ich weiß, wo du wohnst“ bedroht. Insbesondere in Fachbereichen, in denen zum Teil auch persönliche und schwierige Dinge zu entscheiden sind, ist das Gefährdungspotenzial durchaus hoch! Jeder einzelne Fall ist scharf zu verurteilen – das geht gar nicht!

Auch erinnere ich mich zudem an Übergriffe, etwa auf Rettungsdienste in Hatterwüsting oder Ahlhorn. Bei Übergriffen auf Menschen, die anderen helfen, frage ich mich wirklich: Was geht in den Köpfen der Täter vor?

Welche Auswirkungen hat das auf ihre Mitarbeiter? Herrscht da auch schon mal Angst in den Büros?

Angst nicht, aber Aufmerksamkeit. Wir diskutieren schon seit ein paar Jahren kontinuierlich breit über die Konsequenzen. Aber wir wollen unsere Philosophie, ein offenes Haus zu sein, weiterhin aufrechterhalten.

Welche Vorkehrungen haben Sie getroffen, um Bedrohungen und Übergriffe zu vermeiden?

Jeder einzelne Angriff wird konsequent zur Anzeige gebracht. Und wir haben Alarmsysteme installiert.

Wie sehen diese aus?

Das möchte ich an dieser Stelle nicht verraten.

Erhält die Kreisverwaltung dabei auch Unterstützung von außen?

Polizeipräsident Johann Kühme hat den Verwaltungen jedwede Unterstützung angeboten. Wir können körperliche, aber auch verbale Übergriffe melden, damit die Polizei dem dann gegebenenfalls nachgehen kann. Auch die Landesregierung hat sich des Themas angenommen, was ich sehr begrüße.

Wie kann man diesen unangenehmen Entwicklungen entgegenwirken?

Es ist eigentlich ganz einfach: Indem wir alle unser Gegenüber so behandeln, wie wir selbst behandelt werden wollen. Denn wir bilden alle zusammen eine Gemeinschaft, ob wir wollen oder nicht. Respekt und Anstand – im Großen wie im Kleinen – sind für mich im täglichen Miteinander wichtig. Wir können alle etwas dazu beitragen. Meinungsfreiheit ist ein hohes Gut. Aber sie hört da auf, wo sie die Rechte anderer beschneidet.

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