Echo-Preisträgerin Patricia Petibon begeistert mehr als 300 Konzertgäste in der Wildeshauser Alexanderkirche

Hochklassig, einfühlsam, ein Hauch verrückt

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Echo-Preisträgerin Patricia Petibon (Mitte) brillierte in ihrem „abenteuerlichen“ Konzert, begleitet vom Le Cetra Barockorchester Basel sowie von den Solisten Joel Grare (l.) und Pierre Hamon (vorn r.). Mehr als 300 Konzertgäste ließen sich – wie auch die Veranstalter – restlos begeistern.

Wildeshausen - Von Anja Nosthoff. Sie tanzt als temperamentvolles Rotkäppchen mit dem Plüschwolf, verleiht dem Wahnsinn, der vor der Liebe warnt, ihre Stimme, wird zur hüftschwingenden Diva, zur fragilen Elfe, zum Steuermann auf stürmischer See, singt ein peruanisches Volkslied, einen französischen Kinderreigen und danach eine barocke Arie von Henry Purcell, Marc-Antoine Charpentier oder Georg Friedrich Händel. Fulminante, mitreißende, melancholische, rührende und durchaus auch verrückte Momente erlebten die mehr als 300 Besucher des hochklassigen und facettenreichen Konzerts der Echo-Preisträgerin Patricia Petibon am Samstagabend in der Wildeshauser Alexanderkirche.

Die französische Sängerin wurde von den Solisten Joel Grare (Schlagwerk) und Pierre Hamon (Flöte, Dudelsack) sowie vom La Cetra Barockorchester Basel begleitet. Zu dem Konzert im Rahmen der Niedersächsischen Musiktage hatte die Niedersächsische Sparkassenstiftung der Landessparkasse zu Oldenburg (LzO) in Kooperation mit dem Kul-turkreis Wildeshausen und der Alexanderkirche geladen.

Dass Petibon den Anspruch hat, sich und vor allem die Musik „immer wieder neu zu erfinden“, wie sie in Interviews zitiert wird, entdeckten die Gäste schnell. Sie genossen das mit einfühlsamem Schauspiel untermalte Hörerlebnis in vollen Zügen. Petibon singe „fantastisch“; es sei eine „Lust, ihr zuzuhören und sie anzusehen“, schwärmten Besucher in der Pause und am Ende des Konzerts. Die Musikinteressierten waren nicht nur aus Wildeshausen und umzu, sondern teils auch aus entfernteren Regionen, etwa aus Hamburg oder dem Ruhrgebiet, angereist, um die Echo-Preisträgerin zu erleben.

Mit Petibon reisten die Konzertgäste „in neue Welten“. Denn Kolumbus‘ Entdeckung der Neuen Welt bedeutet für die Künstlerin vor allem eins: dass „die Auseinandersetzung zwischen den Kulturen auch einen faszinierenden künstlerischen Austausch in Gang gesetzt“ habe. So beschreibt die Sängerin, die zu Beginn ihrer Karriere Musikwissenschaft studierte, die konzeptionellen Hintergründe ihres Projekts „Nouveau Monde“, mit dem sie sich nach eigenen Worten einen lang gehegten musikalischen Traum erfüllte. Sie interpretiert die Begeisterung der europäischen Komponisten aus der Barockzeit für die Exotik der jüngst entdeckten Länder und förderte bei ihren Recherchen einige der damals äußerst populären lateinamerikanischen Volkslieder zu Tage.

So beginnt die wahre Harmonie im Wechselspiel der

Der „süße Schmerz“

der Liebe“

Kulturen, die das eroberungs- und kolonialisierungswütige Europa sozial- und wirtschaftsgeschichtlich verhinderte, in der Musik. Diese Musik lässt Fremdes seltsam vertraut erscheinen, verfremdet wiederum auch Vertrautes und spielt mit dem geheimnisvollen Schleier, der andere Kulturen für Außenstehende umgibt. In der und durch die Musik wird auf tausend Arten gelacht, geweint, getanzt, gelebt, geliebt.

Petibon verstand es, ihren Zuhörern von alldem etwas mitzugeben. Ein wahres „Abenteuer“ erlebte das Publikum, wie das Motto der Niedersächsischen Musiktage versprochen hatte. Und dafür musste niemand mit Kolumbus die Segel setzen.

Vielmehr ließen sich die Zuhörer mit Henri le Bailly auf die „Narrheit“ (Yo soy la locura) ein, die „allein der Welt Genuss, Freude und Wonne“ bringt. Ebenso auf den „süßen Schmerz der Liebe“, und zwar mit dem zurückgewiesenen Verehrer, der in der bekannten englischen Volksweise seine „Lady Greensleeves“ besingt, genauso wie in Purcells Oper „The Fairy Queen“ mit der Arie „If love’s a sweet passion“: „Da ich doch leide mit Freude, warum soll ich mich beklagen?“ (Übersetzung aus dem Englischen). Oder auch in der volkstümlichen „Tona-da“ über die Liebe zwischen einem Soldaten und einem Mulattenmädchen: „Du hast den Zauber gewebt, der mir meine Probleme bescherte… Pik soll gleich zu Kreuz, Herz soll zu Karo“ (Übersetzung aus dem Spanischen).

Die Musiker perfektionierten das Konzerterlebnis: Nicht nur akustisch, auch im Bühnenbild verschmolzen Sängerin und Musiker, mal im Gegensatz, mal in Harmonie, zu einer Einheit. Mit Petibon warfen sich Solisten und Orchester obendrein durchaus in die „verrückten Momente“ voller Überraschungen und absurder Komik.

So brachte der Perkussionist und Improvisationskünstler Joel Grare, begleitet von einem Wolfsheulen aus einem Instrument, das sich optisch wohl noch am ehesten als Stück eines Abflussrohrs beschreiben lässt, den Plüschwolf auf die Bühne. Den nutzte Rotkäppchen Petibon, um das Publikum zu einem wilden Spiel zu verführen, auf das sich die Zuschauer mit Freude und unter Gelächter nur allzu gerne einließen.

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