Einblick in das Leben eines Schweins in der modernen Landwirtschaft

Eber kommt um Kastration herum

Die Schweine saugen an den Zitzen der Muttersau. Ferkel „Nummer 111“ (rechts) verhält sich in der Hand des Bauern ganz ruhig.

Bühren - Von Ove Bornholt. Unsere Zeitung begleitetet ein Schwein mit mehreren Artikeln über seine Lebensabschnitte auf dem Hof von Ralf Stöver in Bühren (Landgemeinde Wildeshausen). Es geht darum, wie in der modernen Landwirtschaft gearbeitet wird. Der dritte Teil widmet sich der ersten Woche nach der Geburt.

Gute Nachrichten für das Ferkel, das unsere Zeitung begleitet: Es ist ein Eber, kommt aber um eine Kastration herum. Auf dem Hof Stöver werden die männlichen Jungtiere seit 2013 nicht mehr zeugungsunfähig gemacht. Das Schwein mit der gelben Ohrmarke „111“, die es wegen der besseren Erkennbarkeit trägt, kommt also um eine Spritze, deren Wirkstoff den Hoden zurückbildet, oder das operative Entfernen desselben – und das laut Gesetz ohne Betäubung innerhalb von sieben Tagen nach der Geburt – herum. Der Schlachthof habe erklärt, er könne auch das Eberfleisch vermarkten, sagt Bauer Stöver. Hintergrund ist, dass Eberfleisch Fäkalgeruch annehmen kann, was es für den Verbraucher ungenießbar macht. Zudem stellt das Kastrieren eine zusätzliche Arbeitsbelastung dar.

Von seiner Schwanzspitze musste sich „Nummer 111“ dagegen bereits verabschieden. Genau wie bei den anderen Ferkeln wurde ein gutes Drittel des Schwanzes mit einer heißen Klinge abgetrennt. Durch die Hitze sollen die Blutgefäße der offenen Wunde wieder verschlossen werden. Langfristig sollen durch das Kupieren Verletzungen vermieden werden.

„Nur so können wir sicherstellen, dass die Tiere sich nicht die Schwänze abbeißen“, sagt Stöver. „Obwohl es mehr Beschäftigungsmöglichkeiten gibt als früher.“ Oftmals gebe es nur ein bis zwei Beißer pro Gruppe, aber das könne reichen, um Verletzungen zu verursachen. Diese könnten Entzündungen hervorrufen. Stöver sieht ein, dass die Prozedur Schmerzen verursacht. Aber langfristig sei sie sinnvoll.

Neben dem Kupieren hat „Nummer 111“ auch Spritzen bekommen. Eine soll mithilfe von Eisen die Blutbildung anregen. Das sei wichtig, weil das Schwein dadurch schneller wachsen könne, sagt Stöver. Hinzukommen zwei Impfungen gegen sechs Erreger. Genau wie bei Menschen sollen die Keime in geringer Konzentration dafür sorgen, dass sich eine Immunität herausbildet. Billig ist das alles nicht. Rund 4,30 Euro, schätzt Stöver, kosten die Impfungen pro Ferkel. Bei 21 Sauen mit je 14 Jungtieren auf der Abferkelstation kommt ein vierstelliger Betrag zusammen. „Das ist schon teuer, aber der spätere Einsatz von Antibiotika wäre auch nicht kostenlos“, meint Stöver. Zudem beklagen Kritiker, letzteres würde zu häufig in der Landwirtschaft eingesetzt werden. Stöver verweist in diesem Zusammenhang auf eine Datenbank, in die der Tierarzt eintragen würde, welche Mittel die Schweine bekommen haben. Im Vergleich zur Anzahl der Tiere ergibt sich ein Indexwert. Wenn dieser zu hoch ist, müsse ein Maßnahmenplan erstellt werden, um weniger Medikamente zu verwenden.

„Nummer 111“ ist die Debatte um Medikamente in der Landwirtschaft ziemlich egal. Sein Alltag besteht darin, Milch bei der Muttersau zu trinken und zu schlafen. Viel mehr macht der kleine Eber noch nicht. Doch das wird sich ändern. Innerhalb der kommenden zwei Wochen wird er sein Körpergewicht von jetzt rund 2,5 auf dann etwa sechs Kilogramm mehr als verdoppeln. Spätestens in der dritten Woche werde die Aktivität auch deutlich zunehmen, so Stöver. Doch dann heißt es auch Abschiednehmen. Denn drei Wochen nach der Geburt trennen sich die Wege von „Nummer 111“ und seiner Muttersau. Dann ist das Schwein bald vermarktbar. Für ein acht Kilogramm schweres Ferkel bekäme Stöver derzeit etwas mehr als 30 Euro. Doch „Nummer 111“ wird noch eine Weile auf dem Betrieb bleiben.

Hof Stöver 

Auf dem Hof von Ralf Stöver in der Bauerschaft Bühren leben rund 3 000 Schweine – vom gerade erst geborenen Ferkel bis zur Sau, die schon mehrfach Nachwuchs bekommen hat. Der 46-Jährige hat seine Ställe zum Teil für die Initiative „Tierwohl“ umgerüstet, produziert zum Teil aber auch konventionell. Er bewirtschaftet den Hof mit Unterstützung seiner Familie.

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