Redakteur im Selbstversuch

Wie durch eine Milchglasscheibe: Ein Spaziergang mit Grauem Star

+
Vorsichtig setze Angelika Schmidt und ich unsere Füße auf das Kopfsteinpflaster.

Der Blumenstand vor dem Stadthaus auf dem Wildeshauser Wochenmarkt ist ein Farbenmeer, aber mehr als verschwommene Gelb-, Grün- und Rottöne sind beim besten Willen nicht zu erkennen. Zumindest, wenn man unter Grauem Star leidet – das habe ich am Donnerstag bei einem Selbstversuch am Stand von Erika Lindemann vom Seh- und Blindentreff Wildeshausen auf dem Markt erfahren. Ich bin Redakteur dieser Zeitung und trug eine Brille, die typische Auswirkungen dieser Augenkrankheit simuliert und mein Sehvermögen um mehr als 90 Prozent mindert. Lindemann hatte anlässlich der Woche des Sehens auf dem Wochenmarkt über verschiedene Sehschwächen informiert.

Wildeshausen - An der Seite von Angelika Schmidt vom Verein für Blinde aus Bremen gehe ich ein paar Schritte vom Infostand vor dem Rathaus. Die Sicht ist bestenfalls verschwommen wie durch Milchglas, und das Tempo, das die Dame an den Tag legt, ist mir deutlich zu schnell. Ich halte mich am Oberarm der 50-Jährigen fest, die im Alter von 19 Jahren an Hirnhautentzündung (Meningitis) erkrankte und ihr Augenlicht seitdem zu einem großen Teil verloren hat. Sie wird von „Luna“, einer schwarzen Labradorhündin, begleitet.

Während sich meine Umgebung in eine Welt verwandelt, die nur schemenhaft wahrnehmbar ist, marschieren wir munter weiter voran. Den einen oder anderen Bekannten trifft man ja immer auf dem Wochenmarkt, aber heute wird das nix. Ich kann zwar erkennen, dass sich andere Menschen bewegen, aber das war‘s auch. „Da können die winken, wie sie wollen“, sagt Schmidt. „Es ist ja nicht so, dass ich nicht grüßen will.“ Aber sie kann einfach nicht erkennen, wenn jemand sie anlächelt. Und ich auch nicht.

Veränderungen zeigt „Luna“ mit Stehenbleiben an

Mittlerweile sind wir kurz vor dem Kopfsteinpflaster des Marktplatzes. Am Übergang vom glatten zum holprigen Untergrund bleibt die Blindenhündin stehen und zeigt damit die Veränderung an. Schmidt kennt den Weg bereits und weiß sofort Bescheid. Wieder geht es im (gefühlten) Eiltempo weiter, bis die 50-Jährige stehen bleibt. „,Luna‘ rechts“, kommandiert Schmidt, und es geht aufs Stadthaus zu.

Die Labradordame ist sieben Jahre alt und seit rund zweieinhalb Jahren bei Schmidt. Es handele sich übrigens nicht um eine Blindenhündin, sondern um eine Blindenführhündin. „,Luna‘ ist ja nicht blind“, sagt Schmidt und muss ein bisschen lachen.

Blindenführhündin „Luna“ hört aufs Wort

Inzwischen stehen wir vor dem Stadthaus. Das weiß ich, weil dort ein leuchtend gelber Kastenwagen, vermutlich von der Post, parkt und sich die Warnbake vor dem Eingang des Wochenmarkts ebenfalls farblich abzeichnet. Aber keine Zeit für Entspannung, Schmidt zieht mich zurück zum Infostand. Unterwegs kommt sie auf eine Idee: „,Luna‘ Bank“, kommandiert die 50-Jährige, und die Hündin steuert eine leere Bank direkt vorm Rathaus an. Kurz bevor wir da sind, knallt es auf einmal fürchterlich. Eine Kastanie von einem nahen Baum ist auf das Kopfsteinpflaster gefallen. Normalerweise nichts Ungewöhnliches, aber jetzt hat mich der Lärm sehr erschreckt. Ich sehe kaum noch etwas und kann Gefahren nicht mehr vernünftig einschätzen.

Wenige Minuten später ist es geschafft. Ich lege erleichtert meine Brille ab. An einen entspannten Bummel wäre ohne Schmidt und „Luna“ nicht zu denken gewesen. „Ohne Begleitung hätte ich Sie auch gar nicht ziehen lassen“, sagt Erika Lindemann, die den Infostand alljährlich zur Woche des Sehens organisiert. Wer selbst mal eine der besonderen Brillen testen möchte, kann das am Samstag von 9 bis 13 Uhr auf dem Wochenmarkt tun. Dann steht Lindemann wieder dort.

Verein für Blinde

Weitere Informationen gibt es bei Erika Lindemann vom Seh- und Blindentreff Wildeshausen im DRK-Mehrgenerationenhaus (Tel. 04431/71778) sowie beim Verein für Blinde in Bremen (Tel. 0421/74341 oder E-Mail an info@viertelpunkt.de).

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Mehr zum Thema:

Die Wege zum perfekten Skischuh

Die Wege zum perfekten Skischuh

Diese Aktivitäten bietet das Großarltal jenseits der Piste

Diese Aktivitäten bietet das Großarltal jenseits der Piste

Diese Rechte haben Winterurlauber

Diese Rechte haben Winterurlauber

So wird Ihnen auf der Piste nicht kalt

So wird Ihnen auf der Piste nicht kalt

Meistgelesene Artikel

Klaus Stark in der Rolle der Fortuna

Klaus Stark in der Rolle der Fortuna

„Ihr seid eine Risikogruppe“

„Ihr seid eine Risikogruppe“

90-Jähriger nimmt Vorfahrt und prallt gegen Baum

90-Jähriger nimmt Vorfahrt und prallt gegen Baum

Harpstedter Videothek rentiert sich nicht mehr - und macht bald dicht

Harpstedter Videothek rentiert sich nicht mehr - und macht bald dicht

Kommentare