Kommissarin im Interview

Hohe Dunkelziffer bei Gewalt gegen Männer

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Immer wieder wird die Hand gegen den Partner erhoben. Aber Opfer sind nicht nur Frauen.

Wildeshausen -  Schlechte Laune, Ärger am Arbeitsplatz, Alkohol, Drogen oder andere Probleme: Immer wieder kommt es in Ehen oder offenen Partnerschaften zu häuslicher Gewalt. Aber was können dann die Opfer unternehmen, was unternimmt die Polizei? Wir haben mit Polizeikommissarin Merle Behle über dieses heikle Thema gesprochen. Die Fragen stellte Joachim Decker.

Frau Behle, ist die Zahl dieser Taten gestiegen?
Merle Behle: Die monatliche Auswertung hat ergeben, dass es keinen Anstieg gab. Im Bezirk der Polizeiinspektion kommt es pro Monat zu etwa 90 polizeilichen Einsätzen dieser Art. Diese Zahlen umfassen jedoch alles, auch Streitigkeiten zwischen den Partnern. Das alles läuft unter häuslicher Gewalt, denn auch verbale Beleidigungen können Gewalt bedeuten.

Können Sie sagen, in wie vielen Fällen es zu körperlicher Gewalt gekommen ist?
Das ist schwierig herauszufiltern. Auf alle Fälle sind einige Taten dabei. Zudem dürfte die Dunkelziffer ohnehin sehr hoch sein.

Richtet sich die Gewalt denn immer gegen Frauen?
Ein ganz klares Nein. Bei der Gewalt gegen Männer ist die Dunkelziffer sicherlich noch deutlich höher.

Wie kommt das?
Das liegt an der Scham der Männer, sie mögen nicht zugeben, dass sie von ihren Frauen geschlagen werden.

Welche Gründe gibt es für diese Taten, und lassen sich die Täter einordnen?
Die Gründe sind sehr vielfältig: Spannungen in der Familie, finanzielle Probleme, Alkohol oder Drogen – das alles kann eine Rolle spielen. Einordnen lassen sich die Täter nicht. Das ist völlig unabhängig von Schicht, Alter oder Nationalität.

Muss das Opfer den Täter anzeigen, wenn es zu körperlicher Gewalt gekommen ist?
Normalerweise ist die einfache Körperverletzung ein Antragsdelikt. Häusliche Gewalt haben sich Staatsanwaltschaft und Polizei aber ganz oben auf die Fahnen geschrieben. Somit wird auch diese Körperverletzung von Amtswegen verfolgt. Es werden dann alle Betroffenen zur Vernehmung vorgeladen.

Welche Handhabe gibt es für die Kollegen vor Ort?
Grundsätzlich ist es so, dass der, der schlägt, geht. Zunächst wird jedoch eine Gefahrenprognose erstellt. Wenn der Partner dann natürlich sagt, dass es gar nicht so schlimm gewesen ist und der Täter bleiben soll, dann ist das in Ordnung. Allerdings müssen die Kollegen einschätzen können, ob es wirklich ruhig bleibt.

Wenn das Opfer aber möchte, dass der Täter geht?
Dann muss er die Wohnung verlassen, hat die Möglichkeit, zu Freunden oder ins Hotel zu gehen. Der Platzverweis läuft im Rahmen des Gewaltschutzgesetzes. Von uns wird überwacht, dass die Wohnung auch wirklich verlassen wird. Wir haben die Möglichkeit, ihn für maximal 14 Tage der Wohnung zu verweisen. Dann muss es sich aber schon um eine härtere Tat gehandelt haben. Wenn er allerdings nicht weiß wohin, und die Frau sagt, dass sie gehen möchte, besteht die Möglichkeit, sie im Frauenhaus unterzubringen. Sind Kinder involviert, wird das Jugendamt informiert.

Jetzt ist der Mann aus dem Haus, kann die Frau etwas unternehmen?
Ja, sie kann zum Beispiel zum Amtsgericht gehen und eine einstweilige Verfügung erwirken. Das heißt, dass ein Annäherungsverbot ausgesprochen wird. Daher sprechen wir den Platzverweis aus, das Opfer soll Zeit haben, all das zu erledigen.

Was bedeutet diese Verfügung für den Täter?
Er darf weder nach Hause, noch das Opfer zum Beispiel an der Arbeitsstelle aufsuchen. Zudem darf er in einigen Fällen nicht anrufen oder Mails sowie SMS schreiben. Jede Kontaktaufnahme stellt einen Verstoß gegen das Gewaltschutzgesetz dar.

Was ist, wenn er dagegen verstößt?
Dann kann die Frau erneut zu Gericht und ein Ordnungsgeld beantragen. Die Höhe ist gestaffelt. Zahlt der Mann beim ersten Verstoß noch 50, können es beim zweiten vielleicht schon 100 Euro sein.

Was kann das Opfer machen, wenn der Täter doch zu Hause auftaucht?
Dann sollte umgehend die Polizei gerufen werden. Er wird dann mit zur Dienststelle genommen, wo er bis zum Ablauf des Folgetages in Gewahrsam genommen werden kann.

Kommt das oft vor?
Zu Nachtzeiten schon häufiger, weil die Täter oft nicht wissen, wohin sie sollen. Oder aber, wenn Alkohol im Spiel ist. Allerdings kommt es auch immer wieder vor, dass das Opfer ihn doch wieder reinlässt, wenn er ihr verspricht, dass so etwas nicht wieder vorkommen wird.

Wie kommt das?
Oft ist es Existenzangst oder die finanzielle Abhängigkeit der Opfer.

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