Praktiker sind skeptisch

Die Zukunft der Sprachlernklassen in Wildeshausen ist gefährdet

Sprachlernklasse in der Hauptschule: Ein Jahr haben die Kinder und Jugendlichen Zeit, die deutsche Sprache zu erlernen.
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Sprachlernklasse in der Hauptschule: Ein Jahr haben die Kinder und Jugendlichen Zeit, die deutsche Sprache zu erlernen.

Wenn ausländische Kinder und Jugendliche neu nach Wildeshausen kommen und kein Deutsch sprechen, landen sie ab einem gewissen Alter für ein Jahr in den Sprachlernklassen der Haupt- und der Realschule – allerdings will das Land diese Form des Unterrichts offenbar abschaffen. Stattdessen sollen die Kinder und Jugendliche in einem „Sprachbad“ in den regulären Klassen sozusagen nebenbei Deutsch lernen. Ein Plan, der bei Praktikern auf Unverständnis stößt.

Dass es im Vorspann „offenbar abschaffen“ heißt, liegt an der etwas unklaren Lage. Laut Kultusministerium befindet sich der „Erlassentwurf mit dem Titel ,Schulische Förderung von Deutsch als Bildungssprache (DaB)‘ im Anhörungsverfahren“. Die eingegangenen Stellungnahmen von Verbänden und Institutionen würden „derzeit vom Fachreferat ergebnisoffen gesichtet und geprüft“. Allerdings gab es, so berichten es Rektoren aus Wildeshausen übereinstimmend, schon kurz vor den Osterferien die Info des zuständigen Regionalen Landesamts für Schule und Bildung, dass die Sprachlernklassen kommendes Jahr nicht mehr angemeldet werden können. Normalerweise müssen diese für jedes Schuljahr neu in einem aufwendigen Verfahren beantragt werden. Vom Regionalen Landesamt heißt dazu auf Nachfrage unserer Zeitung: „Im Wissen um den in Vorbereitung (und in Anhörung) befindlichen neuen Erlass wurden die genehmigten Gesamtstunden an Sprachförderung in die Prognose für den 1. August 2021 eingetragen. In dieser Prognose erscheint somit lediglich die Gesamtstundenzahl für jede einzelne Schule, Sprachlernklassen werden dort nicht explizit abgebildet.“

Die Pläne im Ministerium sind weit gediehen

Wie auch immer: Die Pläne im Ministerium sind schon weit gediehen. „Um eine Zweitsprache mit Motivation und Leidenschaft zu erlernen, sie zu leben und sich mit der Sprache identifizieren zu können, bedarf es unbedingt der Integration von Anfang an“, heißt es aus dem Kultusministerium. „Der gesteuerte Spracherwerb ausschließlich in Extraklassen reicht dafür nicht aus“, so eine Sprecherin. „Es braucht den ungesteuerten Spracherwerb, das sogenannte Sprachbad, den Sprachkontakt, die Sprachvorbilder. Dafür benötigen neu zugewanderte Schülerinnen und Schüler innerschulisch und außerschulisch feste und auf Dauer angelegte Kontakte zur deutschsprachigen Peer-Group und somit eine sofortige Anbindung an eine altersangemessene ,Stammklasse‘. Die sprachliche Immersion und der tägliche Gebrauch der deutschen Sprache im Gespräch mit sogenannten Peers ist mindestens genauso effektiv wie der täglich formale (gesteuerte) Sprachunterricht. Sprachintensivmaßnahmen für neu zugewanderte Schülerinnen und Schüler gekoppelt an Integration von Anfang an verhelfen zu Chancengleichheit, Teilhabe und zu positivem Bildungserfolg.“ Hinter der „deutschsprachigen Peer-Group“ verbirgt sich übrigens einfach eine Gruppe von Kindern im gleichen Alter.

Die Ansicht des Ministeriums wird allerdings nicht überall geteilt. „Der Unterricht in den allgemeinen Klassen hilft den Sprachlernschülern nicht“, sagt Dorit Hielscher, Rektorin der Wildeshauser Hauptschule. „Das ist doch eine Zumutung. Die Kinder und Jugendlichen wären ganz sicher überfordert.“ Außerdem gebe es in den regulären Klassen ja auch immer ein paar bulgarisch sprechende Mitschüler, die den Neuankömmlingen zwar hin und wieder helfen könnten, aber langfristig sinke dadurch die Motivation, selbst gut Deutsch zu lernen.

Rektoren sehen Änderung kritisch

Auch Jan Pössel, Rektor der Realschule Wildeshausen, sieht die geplante Änderung kritisch. „Das Konzept vom Land liest sich gut, aber die Praxis ist dann doch eine andere.“ Er verweist darauf, dass die Lehrer in den Sprachlernklassen die Schüler „nach ein paar Wochen sehr genau kennen“ und gezielt auf sie eingehen könnten. In den normalen Klassen mit knapp 30 Schülern sei es hingegen „fast nicht möglich, entsprechend einer Sprachlernklasse ganz individuell zugeschnitten die Sprache zu fördern“. Außerdem würde die Sprachlernklasse von Kollegen betreut, die Fortbildungen für Deutsch als Zweitsprache absolviert haben. Das träfe aber längst nicht auf alle Lehrer an der Realschule zu.

Ein weiterer Knackpunkt ist die Unterrichtsversorgung. Bisher gab es die Sprachlernklassen, für die ja Personal bewilligt worden war. Jetzt stehen zwar theoretisch ein paar mehr Stunden im allgemeinen Unterricht zur Verfügung, aber wenn Lehrer krank sind oder sich Elternzeit genommen haben, treten schnell Lücken auf. Und da der Pflichtunterricht nicht ausfallen darf, könnte sehr schnell die zusätzliche Sprachförderung geopfert werden.

Zwar räumen die Rektoren ein, dass auch die Sprachlernklassen zurzeit längst nicht jeden Schüler auf ein ausreichendes Deutsch-Niveau heben, aber das liegt in Pössels Augen eher daran, dass der einjährige Unterricht zu kurz sei. Er verweist zudem auf die besonderen Aspekte in der Beschulung durch die Sprachlernklassen. „Da geht man auch mal in die Stadt, zum Supermarkt, ins Rathaus oder liest einen Busfahrplan. Das ist ein bisschen praktischen Lebenskunde in einem neuen Kulturkreis.“ Insgesamt werde etwas weniger auf fachliche Inhalte und dafür konzentriert auf den Spracherwerb geachtet. Außerdem, so berichten die Rektoren, gebe es durchaus Erfolge. Da seien Kinder, die schon nach sechs Monaten gut Deutsch gesprochen hätten und später ihren erweiterten Realschulabschluss gemacht hätten oder gar aufs Gymnasium gegangen seien.

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