Der Verein „Brücke“ kümmert sich erfolgreich um straffällige Jugendliche

Die Krise bringt neue Konzepte hervor

Ein Mann sitzt auf einem Sessel, daneben sitzen zwei Frauen auf einem Sofa.
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Stellen den Jahresbericht 2020 der „Brücke“ in Wildeshausen vor: Peter Faß, Sandra Schier und Sandra Kuntze (v.l.). Das vergangene Jahr stellte die Pädagogen vor ganz neue Herausforderungen.

Wildeshausen/Landkreis – Die Pandemie hat alle Bereich der Gesellschaft vor Probleme gestellt: Familien, Vereine, Firmen. Doch haben die Einschränkungen nicht selten zu kreativen Lösungen geführt, mit denen es gelang, die Probleme zu lösen oder ihre Auswirkungen zu mildern. Das trifft auch auf den Verein „Brücke“ zu, der sich in Wildeshausen und Delmenhorst mit individuellen Programmen um straffällig gewordene Jugendliche im Alter von 14 bis 21 Jahre kümmert. Zumeist erfolgt die Teilnahme an den Kursen im Rahmen einer sogenannte Betreuungsweisung (zwischen drei und zwölf Monaten), einer Auflage eines Gerichts.

Der erste „harte“ Lockdown habe den Verein, der seit 1991 in Wildeshausen tätig ist, zunächst hart getroffen, berichtet Geschäftsführerin Sandra Schier bei der Vorstellung des Jahresberichtes 2020 am Donnerstag in der Kreisstadt. „Wir mussten die direkten Kontakte leider einstellen“, sagt sie. Die Zwischenlösung sei dann auch hier die Videokonferenz gewesen. Treffen seien später nur in Kleingruppen möglich: Dennoch habe der Verein alle Aufgaben abarbeiten können. Corona bestimmte denn auch die Inhalte der Arbeit mit den Jugendlichen: „Am Anfang ging es viel um aufklärerische Inhalte“, so Schier: In den Gesprächen stand nun an, Ängste zu nehmen und über die Pandemie aufzuklären. Auffälliges Verhalten sowie „Strukturlosigkeit“ – nicht zuletzt auch im Nicht-Corona Alltag – seien Merkmale, die viele ihre Klienten teilten. Dabei habe sich herausgestellt, dass das Telefon sich sehr gut dazu eigne, den Kontakt mit ihnen aufrechtzuerhalten. Sozialpädagogin Sandra Kuntze stimmt ihr zu: „Das ist ein neuer Zugang“, der sich als erfolgreich erwiesen habe. Gleichwohl: Ohne den persönlichen Kontakt sei die Arbeit nicht möglich.

An den Teilnehmerzahlen war das „Corona-Jahr“ 2020 nicht zu erkennen: Mit 50 Jugendlichen (plus zwei Freiwillige) war dies nur eine Person weniger als 2019. Die Anzahl liegt insgesamt im Durchschnitt der vergangenen sieben Jahre. Das Durchschnittsalter lag jetzt bei 18,1 Jahren. 94 Prozent hätten die Kurse, die mehrfache Anwesenheit in der Woche erforderten, regulär beendet, so Kuntze. „Für viele, die in ihrem Leben nur Abbrüche haben, ist das eine Herausforderung“, erläutert sie. Dazu gibt es verschiedene Programme: Gewaltberatung, soziale Trainingskurse oder auch Kurzinterventionen. Das sei mitunter wie ein Puzzle, das gelöst werden müsse, ergänzt „Brücke“-Pädagoge Peter Faß. Die Maßnahmen seien mitunter „sehr intensiv“, teilweise gehe man damit auch gewollt an die Grenzen der jungen Straftäter. „Wir machen keine Kuschelpädagogik“, sagt er.

Auflage: Bücher lesen!

Eine Neuerung, die sich aus dem Lockdown ergeben hat, seien die „Leseweisungen“, berichtet Schier weiter. Da Arbeitsauflagen unmöglich geworden waren, bekamen die Jugendlichen stattdessen Lektüre, die sie lesen mussten. „Das Buch steht im Kontext zur Straftat“, verdeutlicht Schier. Durch gestellte Aufgaben sollten die Teilnehmer Perspektiven zu ihrem eigenen Verhalten herausarbeiten. Und das sei gut gelungen, ergänzt Faß. Normalerweise sei ein Perspektivenwechsel auf die Sicht der Opfer schwer zu erreichen. Durch die Bücher sei es manchen jedoch „sehr intensiv“ gelungen, sich in diese Lage hineinzuversetzen. „Wir haben jetzt eine kleine Bibliothek für verschiedene Lesestufen“, so Schier. Dabei handelt es sich um Jugendliteratur mit einem Realitätshintergrund sowie Romane. Diese sind nach Umfang des Buches und Textverständnis des Jugendlichen gestaffelt. Das neue Konzept sei inzwischen auch den Richtern bekannt, die inzwischen die „Leseweisungen“ gleich als Auflage aufgeben, ergänzt Kuntze.

Ein anderer Punkt, der sich in der Coronazeit ergeben hätte, sei die kritische Medienkompetenz. Diese sei praktisch nicht vorhanden, so Schier. „Keiner der Jugendlichen schaut mehr die Tagesschau“, verdeutlicht Faß, wie vorbehaltlos manche beliebigen Quellen vertrauten.

Abschließend lobt Geschäftsführerin Schier die gute Zusammenarbeit mit der Jugendgerichtshilfe und vor allem aber mit dem ehrenamtlichen Netzwerk der „Brücke“: „Ohne diese würde es uns nicht geben, insbesondere nicht schon so lange“, unterstreicht sie.

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