Oberstabsfeldwebel Thomas Harms berichtet über seinen Einsatz in Afghanistan

„Die Gedanken sind bei Frau und Familie“

Thomas Harms in voller Montur. Der Soldat hat Journalisten, Diplomaten und Politiker in Afghanistan begleitet.
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Thomas Harms in voller Montur. Der Soldat hat Journalisten, Diplomaten und Politiker in Afghanistan begleitet.

Wildeshausen – Ob man die Fotos wirklich sehen möchte? Thomas Harms fragt lieber zweimal nach. Der 60-Jährige ist einer von mehreren Bundeswehrsoldaten aus Wildeshausen, die anlässlich des 20-jährigen Auslandseinsatzes in Afghanistan in einer Serie zu Wort kommen.

Die Bilder, von denen der Oberstabsfeldwebel im Ruhestand gesprochen hat, zeigen die Leiche eines Selbstmordattentäters – genauer gesagt, die Reste. Harms hat die Fotos selbst gemacht. Der Luftwaffensoldat war zweimal, 2008 und 2010, in Afghanistan stationiert, wo er als Öffentlichkeitsbeauftragter Politiker, Diplomaten und Journalisten bei ihren Reisen durchs Land begleitete. Entsprechend hatte er immer eine Spiegelreflexkamera dabei.

Selbstmordattentat gleich um die Ecke

Als er eines Tages mit einem Fernsehredakteur unterwegs war, knallte es ein paar Straßen weiter. Natürlich war der Journalist neugierig, und als klar war, dass keine Gefahr mehr drohte, fuhren die beiden zum Ort des Anschlags. Dort dokumentierte Harms die Leiche und die Schäden des Anschlags für die Feldjäger. „Ich habe einfach funktioniert“, sagt er auf die Frage, ob er Angst hatte.

Der Wildeshauser hat mehr als ein Dutzend Fotobücher von seinen Einsätzen. Die grausigen Bilder sind in einem speziellen Band. Ob er diese Fotos auch seiner Frau gezeigt hat? „Nein“, sagt der 60-Jährige. „Wenn du als Soldat im Ausland bist, denkst du weniger an die Gefahr für dich. Die Gedanken sind eher bei deiner Frau und Familie.“ Er habe viel telefoniert und auch Briefe geschrieben.

„Wer uns nicht mochte, hat uns vor die Füße gespuckt“

Ob er selbst einmal in Gefahr war? „Nein“, meint Harms, allerdings hat er da auch seine ganz eigene Definition. Beiläufig berichtet er von einer seiner letzten Nächte in Afghanistan, als sich ein Mörserangriff auf das Lager ereignete. „Die Flugbahn war aber zu flach, es gab nur einen kleinen Bumms.“ Neben seinen Touren mit Journalisten, Diplomaten und Politikern war der gebürtige Friese auch als Fußpatrouille unterwegs. „Wenn man uns nicht mochte, hat man sich umgedreht oder uns vor die Füße gespuckt“, erinnert er sich. Bedroht worden seien die Soldaten aber nicht.

Afghanisches Leben in Masar-i Scharif.

Dass Harms einst durch Masar-i Scharif marschieren würde, war 1981 noch nicht absehbar. Am 5. Januar trat er in die Bundeswehr ein. Erst wollte er nur ein paar Jahre zum Bund, blieb dann aber kleben. Nach Afghanistan hatte er sich freiwillig gemeldet – anders als zum Beispiel Heeres-Einheiten brauchte die Luftwaffe meist nur einzelne Spezialisten, die sich melden konnten. „Ich bin ein sehr neugieriger Mensch und wollte am eigenen Leib erfahren, wie es ist, da unten zu sein“, erinnert sich der Wildeshauser.

Klima machte ihm zu schaffen

Vor allem die dünne Luft und das heiße Klima habe ihm zu schaffen gemacht, weiß Harms noch. „Kabul liegt auf 2 000 Metern, da hast du mit Atmen schon gut zu tun.“ Die Lebensverhältnisse der einheimischen Bevölkerung – zum Beispiel die öffentlichen Toiletten – schienen aus einer anderen Zeit zu kommen. Ein einschneidendes Erlebnis war auch ein 15 bis 18 Sekunden dauerndes Erdbeben von 6,5 auf der Richterskala in Termez (Usbekistan). Diese ungewohnte Erschütterung hat den 2006 dort stationierten Harms für eine Weile außer Takt gebracht.

Es gab auch Erfolge

In den ersten Tagen, als Harms nach seinen Einsätzen wieder in Wildeshausen war, „habe ich gar nicht so richtig was gemacht“. Er saß nur da und dachte nach. „Meine Familie und Freunde haben mich erst einmal ankommen lassen.“ Nach und nach habe er dann von Afghanistan erzählt, oft sei ihm dabei im erweiterten Freundes- und Bekanntenkreis „freundliches Desinteresse“ entgegengebracht worden.

Hat sich sein Einsatz gelohnt? Der 60-Jährige überlegt. „Damals hätte ich definitiv Ja gesagt und habe gedacht, dass Deutschland auch am Hindukusch verteidigt wird.“ Jetzt, mit ein bisschen Abstand, sei er sich da nicht mehr so sicher. „Man sieht ja, dass die Taliban das Land zurückerobern. Inzwischen stehen wir fast da, wo wir vor 20 Jahren waren.“ Allerdings hebt er auch die Erfolge hervor. Von den gebohrten Brunnen über Schulbauten und Mädchen im Unterricht bis hin zu einer Zeitung der Bundeswehr zur Information der Afghanen.

Beeindruckend: Der Flug über den Hindukusch.

Der 60-Jährige war vor Ort als sogenannter Peer eingesetzt. Eine Art „psychologische Erste Hilfe“. Kameraden schilderten ihm ihre Sorgen wie Heimweh. Einer wurde gerade Vater und berichtete davon. Nach den Einsätzen hat der Oberstabsfeldwebel als Moderator Nachbereitungsseminare mit Rückkehrern geleitet. „Wir haben uns in kleinen Gruppen ausgetauscht. Und einige Kameraden hatten schon ganz schön an dem Erlebten zu knabbern, weil es ihnen ordentlich zugesetzt hat.“

Er selbst habe mit dem Erlebten abgeschlossen, sagt Harms ganz nüchtern und klappt die Fotobücher wieder zu, die er extra für dieses Gespräch noch einmal hervorgeholt hatte.

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