Alfred Panschar stöbert im Archiv der Wildeshauser Zeitung 

Dampfboot mit Ziegeln auf der Hunte

Die Westerstraße in längst vergangenen Jahren: In der Mitte das Gasthaus „Im Stern“ von Liborius Panschar, rechts das Kaufhaus von Johann Kramer und links der Schmied Brinkmann.

Wildeshausen - Die alte Wittekindstadt wächst weiter. Immer wieder ist die Entwicklung des weiteren Städtebaus im Gespräch. Beim Stöbern im Archiv ist Alfred Panschar vom Bürger- und Geschichtsverein auf einen interessanten Artikel gestoßen, der im Jahr 1895 in der Wildeshauser Zeitung zu lesen war.

„Archivrat Sello in Oldenburg beschrieb vor nicht langer Zeit die Tragödie einer Kleinstadt, nämlich die Zerstörung der Festung Wildeshausen im Jahr 1529. Wildeshausen, die älteste Stadt des jetzigen Herzogtums Oldenburg, hat die Bedeutung und Größe, die es in alter Zeit im Verhältnis zu anderen Städten besaß, nach seiner Eroberung und Degradierung zu einem Dorfe im obengenannten Jahr bislang nicht wiedererlangt. Allerdings strebt sie in neuester Zeit wieder mit Erfolg empor, wovon wir uns bei einem Besuch des Ortes jüngst überzeugten.

Viele Gebäude fanden wir fertiggestellt vor, an anderen wurde eifrig gearbeitet. Beschäftigen doch die Bauunternehmer Johann Weltmann, Grashorn und Scheeland gegenwärtig dort 72 Mann. Hervorragend ist die dort in neuester Zeit aufgeführte Brauerei ,Schloß Wittekind‘, die ein köstliches Bier herstellt. Auch die Taubstummenanstalt verspricht ein ansehnliches Gebäude zu werden. Wahrhaft imposant wird der wie Phönix aus der Asche entstehende Kollogesche Gasthof mit seinen Nebengebäuden, insbesondere auch der dahinter gelegenen Brennerei. Die neuen Schulgebäude und die beiden neuen Krankenhäuser St. Alexanderstift und Johanneum gereichen der Stadt zur Zierde.

Die fleißige landwirtschaftliche Bevölkerung Wildeshausens bewirtschaftet einen Esch von 10 000 Scheffel Saat. Die vor etwa zehn Jahren geteilten Marschen sind durch unermüdlichen Fleiß in einträgliche Wiesen umgestaltet worden. Auf der bei Wildeshausen eigentlich nicht schiffbaren Hunte sahen wir gar ein kleines Dampfboot, das Ziegelsteine von der nahen Ziegelei in Hölingen brachte.

Der Gewerbefleiß der Bewohner äußert sich vorzüglich in der Lederfabrikation, im Schuhmacherhandwerk (50 Schusterwerkstätten) und in der Anfertigung von Dachziegeln neuester Konstruktion. Darunter die von einem Einwohner erfundenen Ziegel (Patent Hoopmann). Hinzu kommt die Fertigung von Scagliolplatten zur Herstellung leichter Binnenwände.

An der Westerstraße erblickten wir einen neuen Laden des Kaufmanns Kramer, zum Verkauf fertiger Kleidungsstücke eingerichtet, der sich in einer Großstadt sehen lassen könnte. Außer der großartigen Wassermühle auf der Hunte und der neu erbauten Wassermühle zu Altona sahen wir die in den vergangenen Jahren angelegte Gerbermühle und gleichfalls eine Windmühle.

Wildeshausen besitzt zwei Bankinstitute. Dessen ungeachtet, wünschen wir der Stadt mit ihrer Umgebung noch eine Raiffeisen Spar- und Darlehnskasse, da eine solche den landwirtschaftlichen und den Interessen der Handwerker ganz besonders entspricht. Die altehrwürdige Alexanderkirche harrt einer kunstsinnigen Restauration. Dahingegen ist die Petriekirche in letzter Zeit im Innern recht hübsch ausgestattet worden, möge auch ihr Äußeres bald ein neues Gewand anlegen. Durch das neben dieser Kirche liegende neue Pfarrhaus hat sich der jüngst gestorbene Pfarrer Feigel ein schönes Denkmal gesetzt, da er einen bedeutenden Teil der Bausumme aus seiner Tasche schenkte.

Der die Stadt im Halbkreis umschließende, mit 1 000-jährigen Eichen besetzte Wall hatte einige ,Invaliden‘ eingebüßt, für die aber junge ,Rekruten“ eingestellt wurden. Durch die Fürsorge des Ratsherren Nolte ist der früher öde und wüst daliegende Krandel zu einem schönen Forst für lauschige Spaziergänge umgeschaffen worden. Der Garten der Villa Knagge gewährt einen anmutigen Anblick. Neben der früher einzigen Kunststraße von Ahlhorn über Wildeshausen nach Bremen hat die Stadt deren jetzt eine nach Hatten und Oldenburg, eine nach Harpstedt, eine nach Goldenstedt und zudem eine Straße nach Visbek.

Braust nun über kurz oder lang, wie es wohl schon feststeht, auch das Dampfross an Wildeshausen vorbei, so hat die Stadt sicherlich begründete Hoffnung, mit Erfolg eintreten zu können in einen edlen und friedlichen Wettkampf mit anderen Städten des Oldenburger Landes.“

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