Familiengeschichte: Wie Caspar Conrad Kramer im amerikanischen Bürgerkrieg kämpfte

Briefe vom Schlachtfeld

Schmökern in Familienalben: Carl Hinrichs zeigt auf ein Bild seines Urgroßvaters Caspar Conrad Kramer aus Wildeshausen. Foto: Eilers

Wildeshausen/Augustfehn - Von Klaus Eilers. Von der Burgstraße in den amerikanischen Bürgerkrieg: Carl Hinrichs aus Augustfehn bei Oldenburg hat die Geschichte seines Urgroßvaters Caspar Conrad Kramer recherchiert. Den Wildeshauser verschlug es in der Mitte des 19. Jahrhunderts aus der damals beschaulichen Ackerbürgerstadt mitten auf die Schlachtfelder des Sezessionskrieges in Amerika.

„Mein Urgroßvater Caspar Conrad Kramer ist 1864 nach Amerika in die Vereinigten Staaten ausgewandert. Dort kämpfte er aufseiten der Nordstaaten im amerikanischen Bürgerkrieg“, hat Hinrichs herausgefunden. Kramer wurde in Wildeshausen geboren und wuchs an der Burgstraße auf, wo sich noch heute der Elektro-Heizung-Sanitär-Betrieb Conrad Kramer befindet. Der wurde allerdings „erst“ 1902 von einem anderen Mitglied der Kramer-Familie gegründet.

Hinrichs besitzt zwei Briefe seines 1840 geborenen Urgroßvaters an dessen Eltern. Im ersten Schreiben, das auf den 7. Mai 1864 datiert ist, schilderte der Auswanderer die abenteuerliche Überfahrt von Bremerhaven nach New York. Bereits bei England wäre das Segelschiff vom Kurs abgekommen und drohte auf Grund zu laufen. „Sofort wird befohlen, das Senkblei auszuwerfen, und siehe, nur fehlt noch ein Fuß, das Schiff sitzt dann auf Strand und wir sind alle verloren“, schrieb Kramer. Der Schiffsführer wäre gänzlich unerfahren gewesen. „Er machte seine erste Reise als Kapitän.“ Und weiter: „Der Mann war ganz ratlos und machte ein sehr ängstliches Gesicht.“

Wie ist Hinrichs auf die Schriftstücke seines Urgroßvaters gestoßen? „Ich habe die Briefe – nicht im Original, sondern als Kopien – im Nachlass meiner Tante gefunden, in einem alten Bücherschrank“, berichtet der 83-Jährige. „Sie sind in einer alten deutschen Schrift verfasst, vermutlich Kurrent, ich kann sie jedenfalls nicht entziffern. Aber es lagen auch zwei mit Schreibmaschine gefertigte Abschriften der Briefe meines Urgroßvaters bei; mein Großonkel hat sie abgetippt“, fährt der Augustfehner fort.

Überfahrt nach New York mit Segelschiff

Zurück zur abenteuerlichen Überfahrt seines Urgroßvaters: Das Schiff sei von einem Dampfer abgeschleppt worden. Trotzdem sei es auf Grund gelaufen, hätte sich aber bald wieder befreien können. Schließlich „brachte der Dampfer uns bis zum Kanal, dann waren wir uns wieder selbst überlassen“. Von dort sei die Reise zunächst störungsfrei verlaufen. Wenige Tage später hätte es aber heftig gestürmt: „Es war nicht möglich, alle Segel einzuziehen. Große, starke Segel rissen in 100 Fetzen, die ganze Verschanzung schlug entzwei. Wellen von Turmeshöhe stürzten aufs Deck nieder, es war nicht anders, als wenn jeden Augenblick das Schiff zusammenbrechen würde. Zwei Matrosen hatten sich am Steuerruder festgebunden. Die auf das Deck stürzenden Wellen verursachten ein solches Gekrach als würden fortwährend Kanonen abgefeuert.“

Dem Schrecken der Überfahrt zum Trotz endete die Reise glücklich. „Mein Urgroßvater hat schließlich doch noch New York erreicht, und die Behörden hatten Verwendung für ihn. Er war damals ja noch jung, 24 Jahre alt“, sagt Hinrichs. Das Bleiberecht des Wildeshausers in der Neuen Welt sei keineswegs selbstverständlich gewesen: „Die Behörden haben viele Menschen, die sie nicht gebrauchen konnten, wieder nach Hause geschickt.“ Sein Urgroßvater habe sich aber freiwillig als Soldat im Amerikanischen Bürgerkrieg (siehe Infokasten) den Nordstaaten (Union) angeschlossen. Letztere kämpften gegen die aus der Union ausgetretenen Südstaaten (Konföderierte Staaten).

„Den Boden mit Leichen besäht“

Ob der Wildeshauser seine Entscheidung bereut hat? In seinem zweiten Brief an seine Eltern vom 24. Mai 1865 schildert Kramer die Grauen der hinter ihm liegenden Kämpfe: „An jedem neu errungenen Platze sah man den Boden mit Leichen besäht, an jedem Platze tönte uns das Jammergeschrei der armen Verwundeten entgegen.“ Niemand hätte sich um sie gekümmert, „ihr Bitten und Flehen um Fortschaffung verhallte unerhört in weiter Ferne. Alles stürmte über sie hinweg, sie kaum eines Blickes zu würdigen. Keiner hatte Zeit und hätte er selbst seinen Bruder liegen sehen. So lagen sie da, die Armen, ohne Arme, ohne Beine oder sonst schwer verwundet“, schrieb Kramer. Er selbst hätte schwer Verwundete gesehen, die ihn baten, sie fortzuschaffen. „Doch ich konnte nicht, das Kommando hieß nur immer ‚Vorwärts‘.“ Und als er nur einen Tag später an denselben Platz gekommen war, seien schon viele der Verletzten verstorben gewesen. „Es ist und bleibt wahr: Es gibt kein größeres Unglück als Krieg.“

Zu dem Zeitpunkt als Kramer den zweiten Brief verfasste, waren die Kämpfe allerdings schon so gut wie vorbei. Die Südstaaten hatten am 9. April 1865 im Gerichtsgebäude von Appomattox (Virginia) gegenüber dem Nordstaaten-General Ulysses S. Grant kapituliert. Nicht überall hätten die Menschen die zurück nach Washington marschierenden Unionstruppen gern gesehen: „Unser Empfang war sehr verschieden. Die Südlichgesinnten hatten sogar Fensterläden, alles dichtgemacht, um uns nicht zu sehen, dagegen sah man alle Nördlichgesinnten an der Straße, um die Truppen zu begrüßen. Triumphal sei der Empfang in Washington ausgefallen: „Häuser und Straßen waren geschmückt, überall Jubel und Freude.“

Doch der USA-Aufenthalt sollte für den Wildeshauser nur eine Episode in seinem Leben bleiben. Knapp zwei Jahre nach dem Ende des Krieges kehrte Kramer nach Deutschland zurück und heiratete 1873 Helene Hegemann aus Hooksiel. Sie war eine Nichte von Kapitän Paul Friedrich August Hegemann, der im kaiserlichen Auftrag den Nordpol erforschte. Kramer machte sich in Vreschen-Bokel bei Augustfehn als Gastwirt selbstständig und betrieb einen Dorfladen. Er starb schließlich im Alter von 55 Jahren in Bokel bei Augustfehn.

Einen Familienzweig bis 1581 zurückverfolgt

Hinrichs will die Spur seiner Ahnen weiter verfolgen. Er ist Mitglied der Oldenburgischen Gesellschaft für Familienkunde und hat sich bei einer Online-Plattform für Ahnenforschung registriert. Der 83-Jährige kann einen Familienzweig bis ins Jahr 1581 zurückverfolgen. Bald will er mit seiner Frau zum Auswandererhaus nach Bremerhaven fahren, um dort zu recherchieren. Vielleicht findet er wieder etwas über Caspar Conrad Kramer heraus.

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