Herausforderung Coronakrise

So geht es blinden Menschen in der Pandemie

Eine blinde Frau steht in einer Apotheke, eine Blindenhündin liegt auf dem Boden.
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Hündin Lucky ist darauf trainiert, Erika Lindemann sicher durch Straßen und in Geschäfte zu führen. Doch die Corona-Regeln hat ihr niemand beigebracht.

Aushänge, die auf die Maskenpflicht hinweisen, Hinweisschilder, die dazu auffordern, einen Wagen zu nehmen oder die Hände zu desinfizieren: Erika Lindemann kann all dies nicht sehen. Sie ist blind. Das macht es für sie nicht leicht, gut durch die Coronakrise zu kommen.

Wildeshausen – Wenn Erika Lindemann „Lucky, such Bank“ sagt, dann führt die Hündin sie zielstrebig zur nächsten Sitzgelegenheit. Sie signalisiert ihrer Halterin sogar, wo ein freier Platz ist. Aber dass es nicht ratsam ist, sich dort hinzusetzen, weil dann der gebotene Abstand von anderthalb Metern zu anderen nicht eingehalten werden kann: Das kann Lucky nicht verstehen.

„Sie hat Corona nicht gelernt“, sagt Lindemann. Natürlich nicht, wer hätte das auch ahnen können? Für die blinde Wildeshauserin ist die Blindenführhündin seit acht Jahren eine große Hilfe – doch seit der Pandemie muss sie stärker als sonst auch auf die Unterstützung von Menschen zurückgreifen.

Vor dem Eingang der Markt Apotheke steht ein Aufsteller mit Informationen zur Ausgabe von FFP2-Masken. Lindemann stoppt. Sie weiß, dass derzeit viele Geschäfte besondere Hinweise zum Betreten haben, unter anderem, was die zulässige Personenzahl angeht. Da Lucky nicht vorlesen kann, betritt die 58-Jährige etwas zögerlich die Apotheke, wo sie jedoch sofort freundlich mit „Hallo, Frau Lindemann!“ begrüßt wird. Absperrbänder und Acrylglasscheiben sollen für den ausreichenden Abstand sorgen, Lindemann geht, auch ohne sie zu sehen, nicht zu nah heran. Das hat gut funktioniert.

In trubeligen Geschäften braucht Lindemann Hilfe

Anders ist es bei Rossmann an der Westerstraße: Im Eingangsbereich ist viel los. Auf der rechten Seite stehen Wagen und Körbe, in einem davon liegt eine Sprühflasche mit Desinfektionsmittel. Von der linken Seite kommen Leute, die gerade bezahlt haben und den Laden verlassen wollen. „Hier stehe ich immer und warte, bis ich eine Verkäuferin finde“, erzählt Lindemann. Anders könne sie sich in dem Trubel nicht zurechtfinden.

Neben dem Abstand halten sind für die 58-Jährige auch die Nutzung eines Mund-Nasen-Schutzes und die Handdesinfektion nicht so einfach wie für sehende Menschen.

„Hier herrscht Maskenpflicht“ – für Erika Lindemann ein unsichtbarer Hinweis.

„Ich mach’s lieber zuviel als zuwenig“, sagt die Wildeshauserin über das Maske tragen. Denn die Schilder, die in der Innenstadt hängen, sieht sie nicht. Um zu wissen, welche Seite der Mund-Nasen-Bedeckung nach außen muss, biegt sie den Nasenbügel zusammen mit ihrer sehenden Schwester in die richtige Richtung. Außerdem kann sie tasten, wo die Schlaufen aufgesetzt sind und so Innen und Außen unterscheiden.

Handdesinfektion ist für Lindemann eigentlich sehr wichtig, denn sie fasst viele Dinge an: „Es lässt sich nicht vermeiden. Wir sind nun mal die tastende Fraktion.“ Doch das Desinfektionsmittel greift das Leder des Geschirrs für Hündin Lucky an. Deshalb verzichtet sie darauf und wäscht sich stattdessen sofort beim Nachhausekommen gründlich die Hände.

„Wirklich Abstand halten die Leute nicht“

Sie fühle sich seit dem Ausbruch der Coronakrise in der Öffentlichkeit unsicherer und unwohler als normalerweise, sagt Lindemann. Denn: „Wirklich Abstand halten die Leute nicht.“ Da sie Abstände schlecht abschätzen kann und Lucky dafür nicht trainiert ist, ist sie darauf angewiesen, dass andere auf die anderthalb Meter achten. Aus diesem Grund ist die Wildeshauserin auch schon lange nicht mehr nach Bremen gefahren, wo sie sonst regelmäßig einen Stammtisch für Menschen mit Sehbehinderung besucht. In Zügen und Bussen habe sie Angst, dass andere ihr zu nahe kommen, sagt sie.

Wie viele andere hat Lindemann ebenfalls auf ihrem Handy die Corona-Warn-App der Bundesregierung installiert. Auch deren Auswertung kann sie nicht sehen – aber dank einer Vorlesefunktion weiß sie Bescheid: „Bisher keine Risiko-Begegnungen.“ Sie hofft, dass das so bleibt.

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