INTERVIEW Heimatforscher Peter Hahn über die Verleihung der Stadtrechte

„Angeblich Bestechungsgelder geflossen“

Sinnbild der Wildeshauser Eigenständigkeit: Das historische Rathaus wurde erstmals 1455 urkundlich erwähnt.
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Sinnbild der Wildeshauser Eigenständigkeit: Das historische Rathaus wurde erstmals 1455 urkundlich erwähnt.

Wildeshausen – In unserer Interviewreihe mit dem Heimatforscher Peter Hahn geht es heute um die Verleihung der Stadtrechte an Wildeshausen. Im vorherigen Teil war die Linie der Wildeshauser Grafen beleuchtet worden.

Herr Hahn, wie konnte Wildeshausen Stadtrechte erhalten? Es war doch im Besitz eines Grafen.

Eigentlich ja, aber nach 37-jähriger Herrschaft starb im Jahr 1270 Heinrich IV. – und zwar ohne männliche Erben. Mit seinem Ableben war Wildeshausen jedoch keineswegs ohne Verwaltung, denn schon 1268 wird es eine gewisse Selbstverwaltung gegeben haben. Bürger werden schließlich schon sehr früh, 1230 und 1241, als „Civis“ und ab 1268 als „Ratmannen“ bezeichnet.

Die Bürgerschaft hatte sich also schon vor dem Ende der gräflichen Linie ein Stück weit vom Adel emanzipiert?

Unter Heinrich IV. waren die Bürger politisch und wirtschaftlich in Erscheinung getreten. So gewann Wildeshausen schon in der frühhanseatischen Zeit an Bedeutung und profitierte von der regen Zunahme des Handels an der Flämischen Straße zwischen den Ostseehäfen und dem im Westen gelegenen Flandern.

Trotzdem verwundert es doch, dass keiner von Heinrichs Verwandten in der näheren Umgebung den Titel beanspruchte.

Als seine Nachfolger hätten in der Tat einige Bewerber aus dem familiären Umfeld in Erscheinung treten können. Da waren seine Vettern in Oldenburg, Delmenhorst und in Neubruchhausen. Ob diese sich um den Titel bemüht haben, ist nicht belegt. Als aussagekräftige Person tritt nur der Bremer Erzbischof Hildebold in Erscheinung.

Hat der geistliche Fürst einfach die gute Gelegenheit genutzt oder war er schon länger an Wildeshausen interessiert?

Er war bereits 1268, also noch zu Heinrichs Lebzeiten mit Wildeshauser Ratmannen in Verbindung getreten und soll ihnen wohlwollende Versprechungen gemacht haben, wenn sie ihn als Nachfolger in der Propstei, Vogtei und in der Grafschaft anerkennen würden. Es sollen angeblich auch Bestechungsgelder, sogenannte Handsalben, geflossen sein. Die hat der Bischof später zurückgefordert.

Also war man auf einen Herrschaftswechsel vorbereitet. Dass es keinen Erben gab, war offenbar im Umkreis Wildeshausens bekannt.

Ja, als Heinrich IV. im Frühjahr 1270 starb, huldigten die Wildeshauser dem Bischof Hildebold als neuem Landesherren, und dieser verlieh Wideshausen die Bremer Stadt- und Steuerrechte. Entscheidend für seine Wahl waren jedoch die Zugeständnisse, die er dem Rat und den Einwohnern machte.

Welche Vorteile waren denn für Wildeshausen damit verknüpft?

Verbunden mit den Bremer Stadt- und Steuerrechten war der Anspruch auf Zollfreiheit im Bistum Bremen und dadurch freien Handel ohne Abgaben. Mit diesen Zusagen band Bischof Hildebold Wildeshausen aber auch fest an sein Herrschaftsgebiet.

Gab es noch weitere handfeste Vorteile?

In der Urkunde von 1270 überlässt Hildebold den Wildeshausern, wegen Mangels an Grünland die Weiderechte in der Welgenmarsch und einen großen Meyerhof, dessen Lage nicht bekannt ist. Weiterhin gab es für 100 Mark die Hälfte der Mühle am Huntetor, wobei die Einnahmen zwischen Bremen und Wildeshausen geteilt werden sollten. Zum Ansehen der Stadt schenkte er Wildeshausen auch ein Grundstück nach eigener Wahl, worauf ein Rathaus zur Zierde und Unabhängigkeit gebaut werden sollte.

Es wurde aber nicht sofort errichtet, oder?

Das Rathaus wird 1455 erstmalig urkundlich erwähnt. Das ursprüngliche Gebäude hat sich im Laufe der Jahrhunderte durch bauliche Veränderungen, hauptsächlich nach dem 30-jährigen Krieg, gewandelt.

Langfristig hat die Verleihung der Stadtrechte Wildeshausen sicherlich stark verändert.

Ja, damit verbunden war eine grundlegende Neuerung der Verwaltung. Von nun an bestimmte der Rat die Geschicke der Stadt. Auch war Wildeshausen legitimiert, sich Stadt zu nennen. So wurde nach viereinhalb Jahrhunderten aus der Siedlung „Wigaldinghus“ (872) eine Stadt „Wiltshusen“ (1270).

War der Aufschwung auch nach außen ersichtlich?

Das Bild der Stadt hat sich in dieser Zeit wesentlich verändert. Den Ackerbürgern und Händlern unter den rund 2 000 Einwohnern Wildeshausens ging es durch den zollfreien Handel, den sie ab 1270 im Bistum Bremen treiben konnten, relativ gut. Außerdem war es eine friedliche Zeit. Besonders zu erwähnen ist, dass die Bürger seit 1234 letztmalig von Heinrich III., dem vorletzten Wildeshauser Grafen, zu den Waffen gerufen wurden.

Von Ove Bornholt

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