INTERVIEW Heimatforscher Peter Hahn über die Oldenburger Grafen in Wildeshausen

„Amt zur Bereicherung missbraucht“

Erbauer der Wildeshauser Burg: Vermutlich war das Heinrich I. (1122 bis 1167). Sein Sohn folgte ihm als Wildeshauser Graf nach.
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Erbauer der Wildeshauser Burg: Vermutlich war das Heinrich I. (1122 bis 1167). Sein Sohn folgte ihm als Wildeshauser Graf nach.

Wildeshausen – Im ersten Teil der Interviewreihe mit dem Wildeshauser Heimatforscher Peter Hahn ging es um den Aufstieg der Stadt, der eng mit den Reliquien des Heiligen Alexanders verbunden ist. Im zweiten Teil geht der 83-Jährige auf die Herrschaft der Oldenburger Grafen in Wildeshausen ein. In mehreren Interviews beleuchten wir wichtige Wegpunkte der Geschichte der Siedlung, die – so es die Pandemie möglich macht – dieses Jahr die Verleihung der Stadtrechte vor 750 Jahren feiern will.

Dass es damals überhaupt dazu kam, hat auch mit den Grafen zu tun.

Herr Hahn, Graf Waltbert hatte die Reliquien überführt, Wildeshausen an Bedeutung gewonnen. Was passierte dann?

Das Jahr 980 war ein bedeutendes und richtungsweisendes Jahr in der tausendjährigen Geschichte des Alexanderstiftes. Das bisherige Rektorat – immer Waltberts Nachfahren – vereinigte die weltliche und geistliche Macht. Nun kam es aber zu einer Änderung. Die geistlichen Angelegenheiten lagen in den Händen des Propstes. Die weltliche Macht oblag nun dem kirchlichen Vogt, der von adligem Stand war.

Und da kommen die Oldenburger Grafen ins Spiel?

Die Zeit der gräflichen Vögte der Linie Oldenburg-Wildeshausen dauerte vom Anfang des 12. Jahrhunderts und endete 1270 mit dem Tode des letzten Grafen Heinrich IV.

Wie entwickelte sich die Linie?

Egilmar I. war einer der Stammväter dieses Grafengeschlecht. Egilmar II. wird als erster Kirchenvogt entsprechend einer Urkunde von 1108 genannt. Einer seiner Söhne war Heinrich I. (1122 bis 1167). Vermutlich war er der Erbauer der Wildeshauser Burg.

Die Linie setzte sich dann mit seinem Sohn fort.

Genau, ihm folgte Heinrich II. Er nahm an einem Kreuzzug ins Heilige Land teil und fiel dort 1197. Er hinterließ seine Söhne Heinrich III. und Burchard. Sie regierten ihre Wildeshauser Grafschaft in völliger Eintracht.

Also eine geteilte Herrschaft. Engagierten sich die Söhne auch im Kampf gegen nichtchristliche Völker?

Beide hatten das kriegerische Blut ihrer Vorfahren geerbt. Und so war es keine Frage, dass sie am bremischen Kreuzzug gegen die aufständischen Stedinger Bauern teilnahmen. Dabei erlitt Burchard 1233 bei Hemelskamp den Kreuzfahrertod. Sein Bruder Heinrich III traf das gleiche Los. Er wurde am 27. Mai 1234 in der Schlacht bei Altenesch von den Bauern erschlagen.

Damit war die Linie nahezu am Ende.

Ja, Burchards ältester Sohn Heinrich IV. übernahm die Grafschaft und starb 1270 kinderlos.

Welche konkreten Aufgaben hatten die Vögte eigentlich im Mittelalter?

Sie hatten die sogenannte Vogteigewalt inne. Das war mit Rechten, aber auch mit Pflichten verbunden. Dazu gehörten die Schutzpflicht des Alexanderstiftes und die Ausübung der Gerichtshoheit im Vogteibezirk Wildeshausen sowie den dazu gehörenden Bauerschaften. Konkret waren sie berechtigt, Gerichtstage anzusetzen, und scheuten sich dabei nicht, ihre hohe Stellung und ihr Amt zur eigenen Bereicherung zu missbrauchen.

Das kam sicherlich nicht überall gut an. Rechtssicherheit ist ja ein hohes Gut.

Heinrich IV. als letzter Vogt hatte diese Praxis abgelehnt und wurde wegen seiner Mildtätigkeit dann auch der „Myldebogener“ genannt. „Bogener“ deswegen, weil auch er das Kriegshandwerk beherrschte. Mit dem Untergang der Grafschaft mangels Nachfolger nimmt die Geschichte der Stadt 1270 ihren Anfang. Damals wurden die Bremer Stadtrechte verliehen.

Von Ove Bornholt

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