Junge Bulgarin kritisiert Ton, in dem in Deutschland über ihre Landsleute gesprochen wird

„Als wären wir keine Menschen...“

Arbeitgeber Geestland: Hier sind viele Bulgaren tätig, die in Wildeshausen leben.
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Arbeitgeber Geestland: Hier sind viele Bulgaren tätig, die in Wildeshausen leben.

Wildeshausen – Erst vor wenigen Tagen ist Nataliya Kamenova aus ihrem Heimatort, einem kleinen Dorf im Nordwesten Bulgariens, zurückgekehrt. „Wir mussten Mama und den Hund nach Hause bringen“, erklärt die 29-Jährige. Doch was sie nach ihrer Ankunft sowohl im Internet als auch in den Zeitungen lesen musste, hat sie emotional tief getroffen.

„Ich fühle mich schlecht, weil viele Leser unhöflich sind. Als wären wir keine Menschen, sondern Tiere“, beklagt die junge Bulgarin. Sie selber ist seit dem vergangenen Jahr in der Corona-Nachbarschaftshilfegruppe „Wildeshausen hilft“ ehrenamtlich aktiv und will sich auch nach der Übergabe der Initiative an das „Seniorennetzwerk Wildeshausen“ weiterhin für die Gesellschaft engagieren. Kommentare wie „Alle Ausländer mit Bussen zurück in ihre Heimat, bis sie lernen, die Regeln zu befolgen“ oder „Ansonsten wäre wegsperren oder einfach mehr Kontrolle für mich auch okay“, musste sie auf der Internetplattform „Facebook“ lesen. Mit derartigen Sätzen wurden die Beschäftigten für die hohen Corona-Infektionszahlen in der Fleischindustrie direkt verantwortlich gemacht, weil sie sich angeblich nicht an die Regeln hielten.

„Wir tragen alle FFP2-Masken“

„Seit mehr als einem Jahr bekämpfen wir alle nicht nur in Deutschland, sondern auf der ganzen Welt die Pandemie. Viele unserer Verwandten in Bulgarien starben, und wir konnten uns nicht einmal von ihnen verabschieden“, entgegnet Kamenova.

Seit fünf Jahren lebt sie in Deutschland und sie verteidigt die Hygienemaßnahmen an ihrem Arbeitsplatz. „Wir alle tragen FFP2-Masken. Wir werden jeden Tag getestet. Für die Pausen wurden 20 zusätzliche Räume eingerichtet. Abstand und Hygiene werden zu 100 Prozent eingehalten“, versichert die Geestland-Beschäftigte.

„Leben wir in einer Diktatur?“

„Wir haben Übersetzer und erhalten täglich Informationen über Maßnahmen für unsere Sicherheit und unsere Gesundheit. Ein Unternehmen mit Sicherheitspersonal überwacht seit der Pandemie die Einhaltung der Regeln. Warum fordern Menschen, dass der Arbeitgeber uns auch noch zu Hause kontrolliert? Leben wir in einer Diktatur?“, fragt die engagierte Bulgarin. Sie betont, dass sie nicht für alle Bulgaren in Wildeshausen sprechen könne. Aber jeder aus ihrem Bekanntenkreis halte sich an die deutschen Regeln, die so gut funktionierten wie in kaum einem anderen Land, so die 29-Jährige und appelliert: „Jeder muss Verantwortung tragen und entscheiden, wie er sich verhält – und muss dafür dann die Konsequenzen hinnehmen. Verstöße werden von allen, nicht nur von Bulgaren, begangen“, betont sie.

Ihre Zukunft möchte Kamenova in Deutschland gestalten, weil sie gerne hier lebt. Allerdings hat sie den Eindruck, dass viele ihre Landsleute unterschätzten.

„Vielen Dank an alle, die sich für uns interessieren, wie wir leben und warum wir hier sind. Aber es gibt wirklich keine Notwendigkeit. Wir sind alle europäische Bürger. Wir sind für unsere Kinder und für uns selbst da“, lautet ihre Bitte. „Sie können gerne meine Wohnung besichtigen. Ich lebe wie viele andere Wildeshauser auch.“

An diesem Punkt offenbart sich ein Dilemma. Auf der einen Seite stehen die vielen Osteuropäer, die ihre Heimat verließen, um in Deutschland Arbeit und damit ein aus ihrer Sicht besseres Leben zu finden. Auf der anderen Seite steht die Fleischindustrie in der Öffentlichkeit für Arbeits- und Lebensbedingungen, unter denen viele Deutsche nicht arbeiten würden.

Man merkt Kamenova deutlich an, dass neben der fehlenden Anerkennung über allem die Angst schwebt, ihre Arbeit und ihre neue Heimat, die sie als „großartige Nation“ empfindet, wieder zu verlieren.  hri

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