Auf den Füßen gelandet

Wie die Corona-Pandemie das Leben eines kleinen Selbstständigen völlig umgekrempelt hat

Bei der Gartenarbeit: Martin Siemer ist eher ein häuslicher Typ.
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Bei der Gartenarbeit: Martin Siemer ist eher ein häuslicher Typ.

Wildeshausen – Am 15. Februar 2020? Da ist Martin Siemers Welt noch in Ordnung. Der alteingesessene Wildeshauser ist seit fast 20 Jahren selbstständig. Er schreibt Artikel für eine Lokalzeitung, betreut Internetseiten für Gewerbetreibende und Kommunen, moderiert Großveranstaltungen wie den Zapfenstreich auf der Burgwiese, macht Öffentlichkeitsarbeit für regionale Unternehmen und ist in ganz Deutschland im Auftrag einer Marketingfirma mit einem Truck für Roadshows, quasi eine „Hausmesse auf Rädern“, unterwegs.

Fünf Geschäftsfelder, von denen drei quasi über Nacht durch die Pandemie komplett wegbrechen. Und damit gehen auch fast drei Viertel des erwarteten Umsatzes verloren.

Lange Zeit hofft Siemer, dass sich die Lage bessert, aber seine Rücklagen schmelzen dahin, und irgendwann muss er einsehen, dass er seinen Lebensunterhalt nicht mehr auf die Weise verdienen kann, wie es jahrelang möglich war. Die Geschichte des Wildeshausers zeigt, wie die Corona-Pandemie ein Leben nachhaltig und schlagartig verändern kann, auch ohne dass es zu einer Erkrankung kommt.

Der 59-Jährige hat schon viele Jobs in seinem Leben gemacht. Er hat zwei kaufmännische Ausbildungen, war im Vertrieb tätig und ist Lastwagen im Fernverkehr gefahren. Wie eine Katze, die immer auf ihren Füßen landet, hat er sich nicht gescheut, neue Wege einzuschlagen. Aber das neuartige Virus, das die Welt seit mehr als einem Jahr im Griff hat, verlangt ihm vieles ab.

Im Januar 2020 plant die Marketingfirma, für die Siemer arbeitet, die Roadshows für das laufende Jahr. Oft ist der Wildeshauser mehrere Wochen am Stück unterwegs. Die Branche ist als eine der ersten von der Pandemie betroffen. „Ende Februar war klar, dass sich das alles nach hinten verschiebt“, erinnert sich Siemer. Doch dabei bleibt es nicht. „Im Sommer wurde deutlich, dass das Jahr 2020 für Roadshows tot ist.“

Auch das Gildefest und andere Großveranstaltungen, die der Wildeshauser sonst moderiert, werden abgesagt. Und das PR-Geschäft für Firmen bricht ebenfalls ein. Viele Unternehmen halten sich bei ihren Ausgaben erst einmal zurück.

„Ich hatte die Hoffnung, dass es besser wird. Aber irgendwann war klar, dass nichts mehr kommt und ich so nicht auf Dauer über die Runden kommen werde“, sagt Siemer. Er versucht, neue Geschäftsfelder zu erschließen, und schreibt Dutzende von Bewerbungen. Oft genug erhält er nicht mal eine Absage. Die Jobsuche in Coronazeiten sei schwierig, meint Siemer. „Und mein Alter spielte wahrscheinlich auch eine Rolle.“ Klar war für den Wildeshauser aber: „Das Letzte, was ich mache, ist, Hartz IV zu beantragen.“

Während der 59-Jährige mal wieder versucht, sich neu zu erfinden, sagt Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) im Fernsehen: „Wir lassen niemanden allein.“ Es gibt Soforthilfen vom Bund und vom Land Niedersachsen, die Siemer beantragt und auch bewilligt bekommt. Allerdings darf er das überwiesene Geld nur für Betriebskosten ausgeben, die ja kaum anfallen, weil er nur wenig Aufträge hat. In England sei die Hilfe beispielsweise zielgerichteter und auch schneller geflossen, berichtet Siemer.

Es bleibt nur der Zugriff auf die Rücklagen, die sich der Wildeshauser über die Jahre aufgebaut hat. Eine schwierige Zeit. „Man muss sich permanent selbst motivieren, sich zusammenreißen und darf keinen Schlendrian aufkommen lassen.“ Wie gewohnt steht er um 7.30 Uhr auf und behält seinen Tagesrhythmus bei. „Psychisch belastend war besonders, dass ich einfach kein Licht am Ende des Tunnels gesehen habe.“ Aber Siemer hält durch. Er beantragt weitere Unterstützung. Die Novemberhilfen. „Die wurden im Februar überwiesen“, sagt der 59-Jährige kopfschüttelnd.

Ebenfalls mit einer Mischung aus Erstaunen und Empörung verfolgt er, wie der Bund neun Milliarden Euro an die kriselnde Lufthansa überweist, die zu dem Zeitpunkt an der Börse mit einem deutlich niedrigeren Wert notiert ist und 22 000 Stellen streichen will.

Siemer hat Verständnis für die teilweise harten Corona-Einschränkungen des Staates. „Irgendwie muss man ja darauf reagieren.“ Aber wie und wem geholfen wird, das stößt dem Wildeshauser sauer auf. Mit einem anderen Selbstständigen schreibt er im Herbst einen offenen Brief an die Bundes- und Landtagsabgeordneten der Region (wir berichteten). Die beiden empören sich, sie hätten über Jahre hinweg Steuern sowie Sozialabgaben bezahlt und würden nun im Stich gelassen. Zurück kommen viele „warme Worte“. „Aber die Einzige, die sich engagiert hat, war Astrid Grotelüschen.“ Die CDU-Bundestagsabgeordnete hakt bezüglich eines Hilfeantrags nach, woraufhin dieser zügig bearbeitet wird. Doch es fehlt weiterhin eine Perspektive, und die finanzielle Sicherheit ist nach wie vor weit weg.

Immer noch schreibt Siemer Bewerbungen. Er lebt keineswegs auf großem Fuß, hat kein Auto und wohnt zur Miete in einem Doppelhaus. „Ich musste irgendetwas finden, damit ich meinen bescheidenen Lebensstandard aufrechterhalten kann.“ Anfang 2021 wird seine Hartnäckigkeit belohnt. Seit dem 15. Februar ist Siemer im technischen Außendienst für eine Bremer Firma tätig. Zwischen Norderstedt und Nürnberg installiert er Automaten, über die alte Smartphones entsorgt werden können.

Seine Firma „msi-medienKontor“ führt der Wildeshauser weiter, beackert nebenher die Geschäftsfelder, die noch funktionieren. Er ist immer noch im Gespräch mit seinen alten Auftraggebern, aber die Ungewissheit ist auf allen Seiten groß. Der Neustart werde immer wieder hinausgeschoben, sagt Siemer. „Mal 14 Tage, mal drei, vier Wochen. Niemand weiß, wann es losgeht.“

Auf der anderen Seite stehen die relative Sicherheit eines festen Angestelltenverhältnisses und weniger Verantwortung als vorher. „Heute Morgen habe ich zum ersten Mal wieder etwas auf mein Rücklagenkonto überwiesen“, sagt Siemer ein Jahr nach dem Ausbruch der Pandemie in Deutschland. Er ist auf seinen Füßen gelandet, verdient jetzt aber weniger als zuvor. Und auch Steuern zahlt er längst nicht mehr so üppig wie noch vor der Pandemie.

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