SERIE: 20 JAHRE AFGHANISTAN

Werner Schunk aus Wildeshausen berichtet über seinen Auslandseinsatz

Ein bisschen Heimat: Oberstabsfeldwebel Werner Schunk mit der Wildeshausen-Flagge in Afghanistan.
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Ein bisschen Heimat: Oberstabsfeldwebel Werner Schunk mit der Wildeshausen-Flagge in Afghanistan.

Wildeshausen – Mit Tempo 70 mittig auf der Glaner Straße in Wildeshausen: Als Oberstabsfeldwebel Werner Schunk im Jahr 2010 aus seinem ersten Afghanistan-Einsatz nach Deutschland zurückkam und sich hinters Steuer seines Autos setzte, musste er sich erst mal wieder eingewöhnen. Während die Soldaten in Kunduz und Co. damals als Vorsichtsmaßnahme gegen Anschläge einen robusten und schnellen Fahrstil pflegten, „ist der Straßenverkehr hier geregelt.

Und der Schwerpunkt der Verkehrsführung ist nicht die Hupe“, wie Schunk rückblickend mit einem Schmunzeln feststellt. Mehrfach war er in Afghanistan. Bald soll er wieder hin. „Ich bin Soldat. Natürlich gehe ich.“ Und inzwischen weiß er auch sehr gut, worauf er sich da einlässt. Im Rahmen einer Serie (siehe Infokasten) kommen Schunk und andere Wildeshauser Soldaten mit Auslandserfahrung anlässlich des 20-jährigen Einsatzes in Afghanistan zu Wort.

Schunk ist 52 Jahre alt, verheiratet, hat zwei Kinder und macht einen ruhigen Eindruck. Gefasst berichtet er von seinen Erfahrungen im Ausland. Die waren noch nicht abzusehen, als er am 1. Januar 1990 in die Bundeswehr eintrat. Die Armee stand einem zerfallenden Warschauer Pakt gegenüber. Über die Fallschirmjäger und Panzergrenadiere führte ihn seine Karriere zum Logistikbataillon 161 nach Delmenhorst. Seit 2006 lebt der aus Nordrhein-Westfalen stammende Schunk mit seiner Familie in Wildeshausen. Er hat eine neue Heimat gefunden, ist in der Schützengilde und engagiert sich unter anderem in der freiwilligen Feuerwehr der Kreisstadt.

„Gefechtsfahrzeuge ohne Ende“

Im Januar 2010 landete der 52-Jährige im Feldlager Masar-e-Scharif, dem Camp Marmal. Vorbereitet war er auf tiefsten Winter. Vor minus 20, sogar minus 30 Grad war er gewarnt worden. „Dann waren es aber plus zwölf Grad. Wärmer als in Deutschland.“ Und es war auch ordentlich was los. „Da waren Gefechtsfahrzeuge ohne Ende. Ich habe nur Wüstentarnfarbe gesehen“, erinnert sich Schunk. Bei späteren Einsätzen seien auch mal zivile Bundeswehrfahrzeuge zu sehen gewesen. 2010 sollte das Jahr mit den meisten Gefechten und Verlusten für die deutsche Armee werden. Aber das konnte der Wildeshauser nicht wissen.

Werner Schunk bei der Arbeit im Camp.

Von Masar-e-Scharif ging es nach Kunduz. „Ich musste mich erst einmal orientieren. Die täglichen Abläufe waren ganz anders“, sagt Schunk, der sich gleich in die Arbeit stürzte. „12, 14 Stunden am Tag, das war nichts.“ Der 52-Jährige war während seiner Einsätze in Afghanistan unter anderem als eine Art Bauhofleiter tätig, führte die Kompanie als Spieß mit und bildete Soldaten der afghanischen Streitkräfte aus.

Die erste Zeit war herausfordernd. „Und dann merkst du nach drei Wochen: Verdammt, da kommen noch fünf Monate“, sagt Schunk, der aber nach wie vor gut zu tun hatte. „Im Einsatz gibt es nichts Schlimmeres als Langeweile.“ Der Logistiker lobt die gute Kameradschaft unter den Soldaten. Bis auf ein, zwei Ausnahmen habe ein sehr gutes Miteinander geherrscht. Und anders als in Deutschland habe es auch weniger Bürokratie gegeben.

Ausbildung der afghanischen Streitkräfte

Schunk fuhr bei seinem ersten Einsatz täglich aus dem Camp, war im Kontakt mit Afghanen. „Stolz, höflich, hilfsbereit“, beschreibt er die Einheimischen. Mithilfe von Sprachmittlern bildete er sie in Waffen- und Kartenkunde aus, zeigte aber auch, wie man Gabelstapler fährt.

Dann kam Ostern 2010. Am 2. April, Karfreitag, geriet eine deutsche Patrouille im Raum Kunduz in einen Hinterhalt. „Wir hörten über den Lautsprecher ,Troops in contact‘“, erinnert sich Schunk, der damals im Lager war. Einige der Kameraden im Gefecht kannte er. „Zwei Tage vorher haben wir noch geklönt.“ Auf heißen Kohlen hätten er und die anderen Soldaten gesessen, denn erst mal gab es keine weiteren Infos. Letztendlich kamen drei Deutsche um, acht wurden verletzt.

Zeitunterschied: Einheiten-Aufkleber am „Big Ben“.

Schunk kann sich an zwei, für ihn persönlich brenzlige Situationen erinnern. Einmal sei seinem Konvoi ein weißer Toyota-Truck gefolgt. „Der hat alle Haken mitgemacht und wir waren gewarnt, dass solch ein Fahrzeug für Attentate eingesetzt wird“, sagt der Wildeshauser. „Da machst du dir schon deine Gedanken.“ Letztendlich habe sich aber herausgestellt, dass der Fahrer lediglich in die gleiche Richtung wollte.

Brenzlige Situationen im Konvoi

Ein anderes Mal war der 52-Jährige Richtschütze am Maschinengewehr eines gepanzerten Fahrzeugs, als ihn der Kommandant auf eine potenziell gefährliche Situation aufmerksam machte. Schunk war sofort alarmiert, sah aber nur einen alten Afghanen in ein paar 100 Meter Entfernung, der harmlos an einem Feuer saß. „Ich war trotzdem schweißgebadet“, berichtet Schunk, der noch heute an die Situation denkt. „Was wäre, wenn der Afghane ein Stück Holz auf der Schulter gehabt hätte, das wie eine Waffe ausgesehen hätte?“, fragt er sich auch mehr als zehn Jahre später.

Inzwischen hat der Wildeshauser wesentlich mehr Routine und Erfahrung. Bei seinem ersten Einsatz seien die Soldaten noch gewarnt worden, Taliban würden markante Punkte in der Landschaft nutzen, um ihre Sprengfallen gezielt zur Explosion zu bringen. „Da siehst du nur markante Punkte.“

Wenn Schunk in der Heimat von Afghanistan erzähle, werde sein Einsatz respektiert, sagt er. Und wie bewertet er selbst seine Zeit am Hindukusch? Natürlich sieht der Wildeshauser einiges persönlich kritisch, betont aber das Positive. „Als ich nach 2010 zum zweiten Mal da war, haben sich die Afghanen, die ich ausgebildet habe, bei mir bedankt“, sagt Schunk. „Dafür, dass die Kinder zur Schule gehen.“ Diese direkten Rückmeldungen freuen ihn natürlich. „Egal wie der Glauben ist: Die Leute wollen doch gesund bleiben und in Frieden leben. Auf Sprengstoffattentate hat keiner Bock.“

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