In Persien

Ein Wildeshauser SS-Mann im Einsatz im Iran

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Die SS-Agenten sollten den Transport amerikanischer Rüstungsgüter in die Sowjetunion stoppen: Kurt Harbers gehörte zu der Gruppe, die mit dem Fallschirm abgesprungen ist.

Wildeshausen/Iran – Von Ove Bornholt. Der Wildeshauser Kurt Harbers diente im Zweiten Weltkrieg als SS-Mann im Iran. Ein Einsatz, der so manche Gefahren barg, wie aus einem Buch seines vorgesetzten Offiziers und einem Aufsatz des Heimatforschers Hermann Speckmann hervorgeht.

Mit jeder Menge Dynamitstangen, tödlichen Zyankalikapseln, mehreren 100.000 Reichsmark sowie gefälschten englischen Pfundnoten und einer goldenen Walther-Pistole im Gepäck springt ein dreiköpfiges SS-Kommando am 17. Juli 1943 über dem Süden des Iran aus einem Flugzeug. Mit dabei ist der damals 19 Jahre alte Kurt Harbers, der am 13. Februar 1924 in Oldenburg geboren wurde und dessen Vater als Bahnhofsbeamter in Wildeshausen arbeitete.

SS-Mann Harbers steht im Rang eines Unteroffiziers, als er im Rahmen der Operation „Anton“ unsanft auf iranischem Boden landet. Der 19-Jährige erleidet einige Quetschungen. Er war nicht für Fallschirmabsprünge ausgebildet worden. Gemeinsam mit Kurt Piwonka ist er Funker und untersteht dem Kommando von Hauptsturmführer Martin Kurmis. Ihre Mission: Sabotage der Eisenbahnlinien und der Erdölförderung. Englische und sowjetische Truppen waren 1941 in den neutralen Iran einmarschiert, weil dieser einen Korridor für Nachschublieferungen an die unter der Attacke der Wehrmacht ächzende Sowjetunion bildete.

Vor Ort treffen Harbers und Co. auf Major Bernhard Schulze-Holthus. Der Offizier des deutschen Geheimdienstes, der Abwehr, versucht seit Längerem, unabhängige Stämme auf die deutsche Seite zu ziehen und hat gute Kontakte aufgebaut. Allerdings haben englische Truppen die Stämme militärisch angegriffen und sind hinter den deutschen Soldaten her, die aber noch von den Einheimischen versteckt werden. Zwischen Engländern und den Stämmen herrscht ein Waffenstillstand. Die Lage ist angespannt.

In den Kisten befanden sich Teile amerikanischer Kampfjets. Über den Iran konnten ganzjährig Rüstungsgüter transportiert werden.

Schulze-Holthus wird nach dem Krieg ein Buch mit seinen Erinnerungen verfassen. Im 1952 erschienen „Frührot in Iran“ heißt es über den jungen Wildeshauser: „Harbers, ein Oldenburger Bauernjunge und mit seinen 18 Jahren (hier irrt Schulze-Holthus, Anm. d. Red.) der Benjamin des Kommandos, hatte etwas knabenhaft Herbes und Unfertiges. Freilich, auch er hatte seine ersten Enttäuschungen schon hinter sich. Er war mit 15 Jahren zur See gegangen und hatte sich mit 16 zur SS gemeldet, wohl in der Hoffnung, dort etwas zu erleben. Aber da war ihm der Krieg in seiner entsetzlichen Gestalt entgegengetreten, und dieser Eindruck hatte ihn innerlich irgendwie verstört. ,Im Krieg, da ist der Teufel los‘, pflegte er zu sagen, und nur andeutungsweise ließ er uns ahnen, wie tief ihn die Füsilierung (Erschießung, Anm. d. Red.) russischer Partisanen, zu der er kommandiert worden war, erschüttert hatte.“ In seinem 2014 erschienenen Buch „Nazi Secret Warfare in Occupied Persia“ über die SS-Operationen im Iran mutmaßt der Historiker Adrian O’Sullivan, dass der junge Mann unter einer posttraumatischen Belastungsstörung litt.

Zurück in den Sommer 1943: Schulze-Holthus setzt anders als eigentlich geplant nicht auf Sabotage und versucht weiter, die Stämme auf die deutsche Seite zu ziehen. Doch wie seiner lebendingen, wenn auch nicht gerade selbstkritischen Schilderung zu entnehmen ist, verschlechtert sich das Verhältnis in der folgenden Zeit. Die Deutschen verbringen viele von Langeweile geprägte Monate als Geiseln/Gäste. Zugesagte Unterstützung aus Berlin in Form einer Lieferung schwerer Maschinengewehre und Granatwerfer per Flugzeug bleibt aus. Und die Großwetterlage verschlechtert sich: Die Wehrmacht muss sich im Osten immer weiter zurückziehen. Die Auslieferung des Kommandos „Anton“ an die englischen Truppen erscheint immer wahrscheinlicher. Im Vorfeld haben die Männer diskutiert, wie sie sich bei einer Gefangennahme verhalten. Während SS-Hauptsturmführer Kurmis nicht daran denkt, sich lebendig in die Hände der Engländer zu begeben, ist Harbers beim Griff zur Zyankalikapsel eher zögerlich, wenn man Schulze-Holthus’ Worten glaubt.

Karabiner beim Festmahl in Reichweite

Am Tag des persischen Neujahrsfests, 21. März 1944, schlagen die Gastgeber der Deutschen schließlich zu. Die Soldaten sind gewarnt und kommen hochgerüstet zum Festmahl. „Der Karabiner lag in Reichweite neben jedem, und auf dem Schoss hielten wir die entsicherte Maschinenpistole“, erinnert sich Schulze-Holthus. Als das Essen gereicht wird, stürzen sich die Diener auf die Männer. „Der Kampf war zu ungleich. Fünf von ihnen kamen auf jeden von uns, und zudem hatten sie das Moment der Überraschung für sich; die Überrumpelung war ihnen leider vollkommen geglückt, denn von unserer Seite ist kein einziger Schuss gefallen“, schreibt Schulze-Holthus. Erst einmal bringt sich keiner der Männer um, aber Kurmis sucht in der Gefangenschaft den Freitod. Schulze-Holthus wird noch vor Kriegsende, Anfang 1945, gegen einen britischen Geheimdienstler ausgetauscht und kehrt nach Berlin zurück. Darüber, was aus Harbers geworden ist, verliert der Major kein Wort.

Irgendwie muss der junge Mann es zurück nach Deutschland geschafft haben. Der Ganderkeseer Heimatforscher Hermann Speckmann kann sich heute noch erinnern, wie er als kleiner Junge gespannt den Geschichten von Harbers über dessen Einsatz im Iran lauschte. Die Familien kannten sich, da beide Väter bei der Bahn tätig waren. Speckmann verfasste einen kurzen Aufsatz über Harbers, der dazu führte, dass sich unsere Zeitung auf Spurensuche begab. Harbers lebte nach dem Krieg in München, weiß Speckmann. Dort verstarb er 2014, erzählt die Witwe des gebürtigen Oldenburgers, die sich ansonsten in Schweigen hüllt. Die SS-Akte des damals 19-Jährigen enthält nur ein paar Unterlagen über Soldzahlungen. Nur wenige Seiten Papier für einen jungen Mann, der einen außergewöhnlichen Einsatz in Persien fern von Wildeshausen erlebte.

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