20 Jahre Bundeswehr in Afghanistan

Oliver Rosemeier: „Afghanistan ist die Königsklasse“

Bei Unfällen wie diesem oder auch nach Anschlägen rückte Oliver Rosemeier mit seinen Kameraden aus, um beschädigte Fahrzeuge zu bergen.
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Bei Unfällen wie diesem oder auch nach Anschlägen rückte Oliver Rosemeier mit seinen Kameraden aus, um beschädigte Fahrzeuge zu bergen.

Oliver Rosemeier ist einer von mehreren aktuellen und ehemaligen Soldaten aus Wildeshausen, die im Rahmen einer Serie über ihren Einsatz in Afghanistan berichten. Der 39-Jährige war zweimal am Hindukusch und besonders der zweite Einsatz war prägend für ihn.

Es war im Juli 2009, als Oliver Rosemeier von seinem zweiten und letzten Auslandseinsatz in Afghanistan nach Wildeshausen zurückkehrte. Der Stabsunteroffizier wurde über Köln-Wahn eingeflogen und in die Kreisstadt gebracht. Er ließ sich auf Höhe des Rewe-Marktes am Huntetor absetzen und ging die letzten Meter zu seiner Wohnung in der Innenstadt lieber zu Fuß.

20 Jahre Bundeswehr in Afghanistan

„Ich hatte niemandem gesagt, dass ich nach Hause komme“, erinnert sich der heute 39 Jahre alte Wildeshauser. Seinen Eltern nicht und seinen Kumpels auch nicht. „Ich wollte für mich sein und ein bisschen Ruhe haben“, erklärt er. Zu prägend waren die Erfahrungen in Masar-e Scharif, zu groß das Bedürfnis, erst einmal das friedliche Wildeshausen ohne jeden Trubel zu genießen. Der inzwischen zweifache Familienvater ist einer von mehreren aktuellen und ehemaligen Bundeswehrangehörigen aus Wildeshausen, die im Rahmen einer Serie anlässlich des 20-jährigen deutschen Engagements am Hindukusch zu Wort kommen.

Dass Rosemeier im Jahr 2003 überhaupt bei der Bundeswehr landete, war eher Zufall. Nach seiner Lehre zum Lkw-Mechaniker in Wildeshausen konnte ihn seine Firma nicht übernehmen, weil das Unternehmen gerade eine große Ausschreibung verloren hatte. Und bevor er zum Grundwehrdienst einberufen wurde, entschloss sich der damals 20-Jährige, sich freiwillig zu melden.

„Wo bist du denn hier gelandet?“

Rosemeier hatte Glück und landete bei einer Instandsetzungseinheit im nahen Delmenhorst. Gegen Ende des Grundwehrdiensts entschied sich der Wildeshauser, zwei Jahre dran zu hängen. Er habe noch nicht so recht gewusst, wohin es für ihn im Leben gehen sollte. Letzten Endes stockte er dann noch einmal ein paar Jahre auf und schied 2010 als Stabsunteroffizier aus.

Ob er zu Beginn seiner militärischen Karriere damit rechnete, mal ins Ausland zu müssen? „Nee, da gehst du unbefleckt rein. Ich habe das zur Kenntnis genommen, aber nicht richtig realisiert. Das kam erst, als die Ausbildungen im Vorfeld liefen.“ Von November 2004 bis Mai 2005 war Rosemeier im Kosovo, dann ging‘s im Juni 2006 für sechs Monate nach Afghanistan.

Mit der Maschinenpistole MP 7: Oliver Rosemeier.

„Wo bist du denn hier gelandet?“, erinnert sich der Wildeshauser an seinen ersten Eindruck von Kabul im Sommer. „Es waren weit über 40 Grad. Wir hatten erst mal einen Klimaschock.“ Auch in den damals noch provisorischen Unterkünften, die nur von ein paar Sandsäcken geschützt wurden, habe es nachts Temperaturen von mehr als 30 Grad gegeben. Nicht nur die Hitze machte ihm zu schaffen. „Wir saßen abends bei einer Cola zusammen, da war plötzlich ein leises ,Puff‘ im Hintergrund zu hören. Und dann ging auch schon die Sirene. Da nimmst du die Beine in die Hand und rennst in den Bunker. Das ist schon kribbelig“, berichtet er über den Versuch, das Camp der Soldaten mit Granaten zu beschießen.

Nach zwei Monaten in Kabul, während denen der Techniker Fahrzeuge reparierte, wurde er nach Masar-e Scharif verlegt. Dort galt es, das Feldlager weiter auszubauen. Auch hier blieb Rosemeier im Camp und fuhr nicht raus. Das sollte sich bei seinem zweiten Einsatz in Afghanistan ändern.

Von März bis Juli 2009 war der Wildeshauser wieder am Hindukusch, wieder in Masar-e Scharif. So richtig kann er heute gar nicht mehr sagen, warum er sich dieses Mal freiwillig gemeldet hatte. Vielleicht weil er wissen wollte, ob er das Zeug dazu hat. Rosemeier sagt, er prahle nicht mit seinem Einsatz, sei aber stolz darauf, dabei gewesen zu sein.

Blick in die Berge: Die Aussicht vom Lager in Masar-e Scharif.

Doch dieses Mal blieb es nicht beim Aufenthalt im Lager. Überraschend wurde der Wildeshauser dem RTF-Zug zugeteilt. Die Mitglieder der „Recovery Task Force“ fuhren raus und bargen Fahrzeuge, die durch Unfälle oder bei Anschlägen beschädigt worden waren. Außerdem begleitete der Zug Einheiten bei größeren Operationen. Jetzt übernachtete Rosemeier auch mal ein paar Wochen unterwegs, schlief zum Schutz vor Granaten immer unter den Achsen eines Lastwagens, das Gewehr griffbereit neben sich.

Unter der Achse des Lkw geschlafen

Der 39-Jährige wurde nicht in Gefechte verwickelt, aber es gibt diese eine Szene, die sich in sein Gedächtnis gebrannt hat. In einer Kolonne fuhren die Soldaten durch eine Stadt, Rosemeier stand am Maschinengewehr eines Lastwagens und überblickte die Lage vom Dach der Fahrerkabine. „Auf einmal fuhr vor uns ein Motorrad von links mit Kanistern heran“, berichtet er. Dazu muss man wissen, dass die militärischen Konvois aus Sicherheitsgründen keine fremden Fahrzeuge in ihrer Reihe dulden. Der Stabsunteroffizier hatte „Puls wie ein Kolibri“, erinnert er sich – auch, weil unklar war, was in den Kanistern war. Aber er bewahrte kühlen Kopf, feuerte weder Warnschüsse ab noch stoppte er das Zweirad mit dem MG. Wie sich herausstellte die richtige Entscheidung, denn der Motorradfahrer wollte nur die Straße überqueren. Wenn es ein Selbstmordattentäter gewesen wäre, „wär‘s das gewesen“, so der Wildeshauser. Ereignisse wie diese verschwieg der Soldat seinen Angehörigen und Freunden in der Heimat lieber, um sie nicht zu beunruhigen. Alle ein, zwei Wochen meldete er sich telefonisch.

Wieder in der Heimat angekommen, dauerte es vor allem nach dem zweiten Einsatz etwas, sich an das Leben in Wildeshausen zu gewöhnen. „Es sind viele banale Sachen, die man schätzen lernt. Zum Beispiel, jeden Tag duschen zu können oder in die Stadt zu gehen, ein Steak zu essen und drei, vier, fünf Bier zu trinken. Das war damals für mich nicht selbstverständlich“, sagt Rosemeier. Aber diese Demut habe nicht lange angehalten, wie er etwas enttäuscht feststellt. Mithilfe der Berufsförderung bei der Bundeswehr lernte der Wildeshauser zum Ende seiner Dienstzeit Schweißer und arbeitet zurzeit als Abteilungsleiter bei einem metallverarbeitenden Betrieb in Langförden.

„Wenn wir rausgehen, wird es nicht besser“

Was den Sinn oder Unsinn seines Einsatzes angeht, darüber möchte sich der 39-Jährige nicht festlegen. Aber: „Meine persönliche Meinung ist: Wenn wir rausgehen, wird es nicht besser und alles verfällt.“ Seine Zeit am Hindukusch möchte der Wildeshauser nicht missen. „Wenn du als Soldat die Bundeswehr richtig kennenlernen möchtest, musst du ins Ausland gehen.“ In Afghanistan habe sich gezeigt, was die Armee leisten könne. „Und das bei einem sehr, sehr anspruchsvollen Einsatz. Afghanistan ist die Königsklasse.“

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