Ferienspaß-Selbstbehauptungskurs: Jungen suchen in Rollenspielen Auswege

Wenn auf dem Schulhof Drogen angeboten werden

Auspowern dürfen sich die Jungen in Andrea Neys Selbstbehauptungs- und Selbstverteidigungskursen auch. Diese Übung, bei der jeweils ein Junge einem anderen ein Schlagpolster aus den Händen schlagen soll, dient nicht zuletzt dem Abbau von Aggressionen. ·

Harpstedt - Von Jürgen Bohlken. „Es gibt Leute, die in Zigaretten irgendwelches Zeug mischen und sie dann Jugendlichen auf dem Schulhof anbieten. Das ist schon passiert“, erzählt Andrea Ney im Kreise von zwölf Jungen. Zwei jüngere Schüler hätten die Glimmstängel genommen, weil sie „cool“ sein wollten.

„Sie haben sie geraucht, heftig gehustet und trotzdem weiter daran gezogen. Dann sind sie umgekippt, und einer bekam sogar Atemprobleme. Das alles nur wegen dieser Scheißdrogen“, nimmt die 52-Jährige in einem Ferienspaßkurs in der Delmeschule kein Blatt vor den Mund.

Einige ihrer Zuhörer blicken etwas gelangweilt drein. Von einem Selbstverteidigungslehrgang hatten sie sich offenkundig erhofft, ein paar Abwehrtechniken kennen zu lernen. „Nur Tricks – das ist zu wenig“, sagt Andrea Ney. „Man muss auch andere Sachen können.“ Die erfahrene Trainerin weiß: Selbstbehauptung hat viel damit zu tun, in schwierigen Situationen die richtigen Entscheidungen zu treffen. Und genau das lässt sie ihre Schützlinge in einem Rollenspiel selbst erfahren. Zwei Gruppen mit je sechs Jungen bekommen den Auftrag, je ein Theaterstück zu erarbeiten. Sie sollen die Drogen-Schulhof-Geschichte aufgreifen, aber zu einem anderen, besseren Ende führen.

Ein paar Startschwierigkeiten bleiben nicht aus. Lukas, Marvin, Tilmann und Co. beschäftigen sich zunächst mit der Vergabe der Rollen. Der Gruppe ist klar, dass in dem Stück auch ein Lehrer vorkommen muss. Keiner aber will „Pauker“ sein. Die Jungen geraten darüber nicht in Streit, sondern finden selbst eine gänzlich gewaltfreie Lösung. Ein Sching-Schang-Schong-Duell bringt die Entscheidung.   Lukas unterliegt und akzeptiert die Lehrer-Rolle ohne Widerspruch. Im Erstversuch hat Tilmann, der „Dealer“ und „Verführer“ in dem Stück, keinerlei Probleme, die Drogen an den Mann zu brin-

„Weniger Gewalt ist

mehr Lebensqualität“

gen. Zwei „Schüler“ reißen ihm die aus Papier nachempfundenen Zigaretten fast aus der Hand und ziehen sogleich daran. Andrea Ney greift ein: Es gehe nicht darum, die Schulhofsituation einfach nur nachzustellen, betont sie. Die Gruppe zeigt sich lernfähig. Im zweiten „Anlauf“ nimmt ein Junge zwar die Zigaretten, zerreißt sie aber und wirft sie weg. Beide Sechser-Teams müssen ihre „Lösungen“ am Ende präsentieren. Andrea Ney macht deutlich, dass es zwei praktikable Wege aus der Situation gibt: Nein zu den Drogen sagen und sofort einem Lehrer von dem „Angebot“ Bericht erstatten oder – und das sei womöglich sogar die noch bessere Option – die Zigarette nehmen und sie gleich als Beweisstück einer Lehrkraft übergeben.

„Weniger Gewalt bedeutet mehr Lebensqualität. Darum will ich auch Jungen schon in jungen Jahren vermitteln, sich gegen die Aggression zu entscheiden“, sagt die Selbstbehauptungs- und Selbstverteidigungstrainerin. In ihren Kursen erklärt sie, wie Konfliksituationen eskalieren und wie sich verbale zu körperlichen Attacken hochschaukeln können. Nicht im Streit zuschlagen; weggehen sei oft die bessere Lösung, rät Andrea Ney. „Eure Wut könnt ihr in solche Handschuhe entladen“, sagt sie der Gruppe in der Delmeschule und zeigt eine „Pratze“. Eine Übung schließt sich an: Zwei Jungen stehen sich gegenüber. Einer hält ein Schutzpolster fest. Der Kontrahent muss versuchen, ihm die „Pratze“ aus den Händen zu schlagen. Kampfsportelemente aus Aikido, Judo, Karate oder Ju-Jutsu baut Andrea Ney gern in ihre Kurse ein, zuweilen auch meditative Elemente. Die Jugendlichen sollen sich auspowern, aber eben zugleich etwas lernen. „Vorhin haben wir etwa über Walfang gesprochen und darüber, wie wir Menschen mit der Umwelt umgehen“, erzählt die Trainerin. Das habe mit dem Kursmotto „Verbessert die Welt!“ zu tun.

Die Übungsleiterin weiß, dass Jungen oft Waffen besonders „cool“ finden. Den Walfang hält sie für ein brauchbares Beispiel, um diese Glorifizierung kritisch zu hinterfragen.

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