„Invasive“ Biberratten breiten sich aus

Nutrias – possierlich aber nicht harmlos

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Niedliche Nager: Nutrias – ursprünglich nicht in Europa heimisch – haben sich hier rasant ausgebreitet.

Hundsmühlen – Auf einer Nahaufnahme sehen sie possierlich und völlig ungefährlich aus. Doch eben das sind Nutria nicht – ganz im Gegenteil, wie Enno Kuhlmann (Jagdpächter in Hundsmühlen und Verbandstechniker bei der Hunte Wasseracht) beim Ortstermin an der Lethe berichtet.

Denn zum einen werden die wehrhaften Biberratten mehr als einen halben Meter lang und bringen gut gerne zehn Kilogramm und mehr auf die Waage – ähnlich einem Fuchs oder einem Dachs. Zum anderen vermehren sie sich in der Region gegenwärtig explosionsartig. Die vielen Tiere untergraben vermehrt Uferböschungen und Deiche. Und dadurch verursachen sie nicht nur hohe Kosten, sondern sind eine potenzielle Gefahr für Flussanrainer im Oldenburger Land.

Auf 25.000 Euro schätzt Kuhlmann die Schäden, die die Nager im Bereich der Wasseracht verursacht haben. Tendenz steigend, denn die Tiere breiten sich rasch aus. Die erste Biberratte habe er in dem Revier um Hundsmühlen Anfang 2017 geschossen, 25 waren es in dem gesamten Jahr. Im vergangenen Jahr seien es bereits 71 gewesen. 

Informieren über die Ausbreitung der Nutrias: Kreisjägermeister Friedrich Hollmann, Enno Kuhlmann, Dennis Klintworth, Ira Zylka und Heiko Fritz (von links).

Heiko Fritz, Koordinator Bisambekämpfung der Landwirtschaftskammer, kann die Zahlen landesweit nachvollziehen. „Innerhalb von vier Jahren hat sich die Zahl der erlegten Tiere in Niedersachsen verfünffacht“, berichtet er: 24.000 Nutrias wurden 2018 zur Strecke gebracht. Sie sind besonders fertil: Bis zu drei Mal im Jahr kann ein Pärchen für Nachwuchs sorgen – in drei Jahren rechnerisch für bis zu 16.000 Tiere. „Deswegen nennt man sie auch invasive Art“, sagt Kreisjägermeister Friedrich Hollmann.

Bei einem Rundgang an der Lethe lassen sich die Spuren der Nutrias nur allzu leicht erkennen: Einbuchtungen im Ufer, „Rutschen“ genannt, die die Tiere nutzen, um vom Wasser aus leicht an Land zu gelangen. „Die sind ganz typisch“, weiß Kuhlmann, der sich in kurzer Zeit zu einem Nutria-Experten entwickelt hat. Die „Rutschen“ säumen das Ufer des Flusses auf beiden Seiten. An machen Stellen führen diese „Anlandestellen“ zu den Bauten, die die Nager etwas weiter oberhalb in das Erdreich gegraben haben. Liegen sie sehr nah am Flusslauf, können sie zu Uferabbrüchen führen, beschreibt Kuhlmann – auch das ist bereits vorgekommen.

Das kann gefährlich für Fahrzeuge werden, die den Uferbereich befahren müssen, neben denen von Landwirten auch Schlepper der Wasseracht, die zur Uferpflege eingesetzt werden. Ungleich gefährlicher sind die Umtriebe der Tiere nur wenige hundert Meter weiter am Deich entlang der Hunte. Auch dort sind Nutrias tätig, erläutert Kuhlmann, und zeigt Stellen von Bauten, die die Wasseracht bereits hat schließen müssen. Sollte es einmal zu einem Hochwasser kommen und die Gangsysteme vollaufen, könne es im Extremfall auch zu einem Deichbruch kommen, erläutert der Experte.

Verschlossener Nutriabau im Huntedeich.

Dieser „Invasion“ Herr zu werden sei jedoch schwierig und zeitaufwendig: „Wir könnten hier in diesem Revier doppelt so viel fangen“, ist er sich sicher. Doch müssen die Lebendfallen – die die Wasseracht Jagdberechtigten auch zur Verfügung stellt – mindestens zweimal täglich kontrolliert werden. Pro erlegtem Tier zahlt der Verband gegenwärtig eine „Schwanzprämie“ von acht Euro aus. 

Für Jäger sei die zusätzliche Aufgabe der Nutriabekämpfung in mehrfacher Hinsicht problematisch: „Da gibt es viele rechtliche Fallstricke“, sagt Hollmann. Denn die unliebsamen Tiere unterliegen dem Jagdrecht. „Jäger sind aber keine Schädlingsbekämpfer“, unterstreicht Kuhlmann. Ihre Aufgabe könne und dürfe es letztlich nicht sein, sich der missliebigen Tiere zu entledigen. 

So müssten erlegte Nutrias ebenso verwertet werden, wie andere Tiere auch. In den Niederlanden hat sich der Staat der Problematik angenommen und wendet dafür gegenwärtig 34 Millionen Euro auf, ergänzt Fritz. So weit sei es in Deutschland noch nicht, fügt Ira Zylka, Gewässerkoordinatorin von der Wasseracht, an. Die Hoheit in der Angelegenheit liege bei der Bundesregierung. Eine zentrale Koordination fehle da noch. Insofern wünschten sich Verbände wie der ihre eine Unterstützung in der Angelegenheit.

Im Süden des Landkreises sei die Lage noch nicht so erdrückend wie im Norden. Doch das sei im Zweifelsfall eine Frage der Zeit – er wisse von Nutrias im Bereich Glane und Pestrup, so Kuhlmann. Und worauf müssen Spaziergänger achten?„Auf keinen Fall füttern“, sagt der Jäger, dies sei sogar strafbar. „Und Hunde anleinen“, ergänzt er, denn die Nagetiere sind durchaus in der Lage, neugierige Vierbeiner schwer zu verletzen.

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