Wardenburger Hilfeverein für „Tschernobylkinder“ ist dringend auf Spenden angewiesen

Leidtragende einer vergessenen Katastrophe

Nach ärmlichen Verhältnissen daheim, bedeutet eine Reise nach Deutschland für die Kinder benötigte Erholung.
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Nach ärmlichen Verhältnissen daheim, bedeutet eine Reise nach Deutschland für die Kinder benötigte Erholung.

Wardenburg/Landkreis – Die „Elterninitiative Tschernobylkinder Wardenburg“ schlägt Alarm: Ohne weitere Spenden werde 2021 das letzte Jahr sein, in dem der Verein Kinder aus Belarus nach Deutschland holen kann, berichtet der Vorsitzende der Initiative, Willy Kayser (75), im Gespräch mit unserer Zeitung. Das Geld auf dem Vereinskonto reiche nur noch aus, um einer Gruppe von bis zu 30 Mädchen und Jungen im Alter bis zu 16 Jahren einen Aufenthalt bei Gasteltern im Nordwesten zu ermöglichen. Danach seien alle Mittel aufgebraucht. „Wir leben ausschließlich von Spenden“, sagt Kayser. Die Kosten lägen bei 400 Euro pro Kind.

Dabei habe der Verein aufgrund des Reiseverbots während der Pandemie im vergangenen Jahr keinen Erholungsurlaub organisieren können, so Kayser weiter. Geplant war, 27 junge Gäste aufzunehmen. Seit 1993 habe die Gruppe 800 Reisen organisiert. Untergebracht wurden die Besucher in Familien im Landkreis Oldenburg, unter anderem in Wildeshausen, Dötlingen und der Gemeinde Hatten und umzu.

Stattdessen habe der Verein in diesem Jahr einer ihrer Kooperationspartnerinnen – dazu zählen unter anderem Sozialarbeiter an drei kooperierenden Schulen in der Stadt Bychov in dem osteuropäischen Land (rund 240 Kilometer vom havarierten Kernreaktor im ukrainischen Tschernobyl entfernt) – Geld für die Kinder überwiesen. Von diesem kaufte sie unter anderem warme Winterkleidung und finanzierte kleine Weihnachtspakete für die Familien, vor allem mit Lebensmitteln. Denn die Not in dem Land sei groß: „Teilweise fehlen die Grundnahrungsmittel in den Familien“, so Kayser.

Dass es sich bei den Besuchern stets um Härtefälle handelt, lässt sich an den Auswahlkriterien ablesen, nach denen die Schulen die Mädchen und Jungen aussuchen: Das Kind muss aus einer sozial schwachen Familie ohne Einkommen stammen, und mehr als drei Geschwister haben, die nur von einem Elternteil erzogen werden. Direkte Geldspenden an die Familien lehne der Verein ab, unterstreicht der Wardenburger – nicht zuletzt, weil dort oftmals Alkohol eine Rolle spiele. Oft lebten, insbesondere auf dem Land, Menschen dort unter ärmlichsten Bedingungen, die für Mitteleuropäer im Jahr 2021 schlichtweg nicht vorstellbar seien.

Auf der Internet-Seite des Vereins berichtet er fortlaufend über dessen Aktionen, schildert aber auch die Situation vor Ort: Darunter findet sich unter anderem diese bezeichnende Begebenheit: Eines der Kinder, das von dem Geld der Weihnachtsaktion Winterschuhe erhalten sollte, weigerte sich, in dem Geschäft seine alten auszuziehen, und begann zu weinen. „Das wird verständlich, wenn wir wissen, dass er diese Schuhe aus zweiter oder dritter Hand bekommen hat und die ganz wichtig für ihn sind. Nun sitzt er zum ersten Mal in einem Schuhgeschäft. Da stehen so viele Schuhe und er soll seine ausziehen, damit man ihm die auch noch wegnimmt? Erst als er begreift, dass er ein neues Paar Winterschuhe dazu bekommt beruhigt er sich wieder. Und weil es unbedingt sein muss, bekommt er auch noch warme Socken. Die Kinder kennen es nicht, etwas geschenkt zu bekommen.“

In Deutschland habe das Interesse an dem Schicksal der von dem Super-GAU in Tschernobyl immer noch schwer betroffenen Menschen stetig abgenommen, bedauert Kayser. Meist könnten sich nur noch die älteren Generationen an der Reaktorschmelze von 1986 und deren schlimmen Folgen erinnern.

Gab es im Nordwesten einst in fast jeder Gemeinde einen Hilfe-Verein, seien es inzwischen nur noch vier, die mittlerweile auch miteinander kooperierten. Die Wardenburger Gruppe mit ihren knapp 20 Mitgliedern sei inzwischen die einzige im ganzen Landkreis Oldenburg. Doch seien die Auswirkungen der Nuklearkatastrophe für die Gesundheit der Menschen und die Umwelt auch heute noch in den umliegenden Gebieten zu spüren, so der Vereinsvorsitzende abschließend. Willy Kayser und seine Frau Edeltraut sind unter der Telefonnummer 04407/1468 oder per E-Mail an kayser-willy@t-online.de zu erreichen.

Der Verein informiert über seine Aktionen sowie Spendenmöglichkeiten auf seiner Internetseite www.tschernobylkinder-wardenburg.jimdo.com.  fra

Betreuerin Tatjana (l.) übergibt Hilfs-Pakte der Wardenburger Elterninitiative an eine Familie.

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