Ministerpräsident in Schleswig-Holstein

Daniel Günther zu Gast beim Kreislandvolk in Wardenburg

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Hoher Besuch: Kreislandvolk-Geschäftsführer Bernhard Wolff, Ministerpräsident Daniel Günther, Kreislandwirt Jürgen Seeger (vorne, v.l.) und dessen zwei Stellvertreter Rainer Büding und Jürgen Logemann (hinten, v.l).

Wardenburg – Das waren einige intensive Streicheleinheiten für eine – nach eigenem Bekunden – stark gescholtene Branche: Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Daniel Günther (CDU) war am Mittwochabend Gastredner bei der Vertreterversammlung des Kreislandvolkverbandes Oldenburg in Wardenburg. Er machte keinen Hehl aus seiner Sympathie für die Landwirtschaft, aus der Ablehnung von Maximalforderungen und der Unausweichlichkeit von Veränderungen.

Das aktuelle Bild der Branche, das Kreislandwirt Jürgen Seeger vor Günthers Vortrag zeichnete, war jedoch alles andere als rosig, um nicht zu sagen: düster. „Der schönste Beruf der Welt bekommt tiefe Kratzer“, sagte er. Der Landwirt stehe heute oft am Pranger: Grundwasserprobleme, Feinstaub, Monokulturen, Milliarden-Subventionen, Tierquälerei, Resistenzen gegen Antibiotika ... „Wir arbeiten daran, dass es anders wird.“ Eine weitere Herausforderung: die Dürre im vergangenen Jahr. Doch welche Folgen hatte die? Die Regale waren trotzdem voll, die Preise bei den Discountern blieben unverändert. Doch so etwas werde von der Öffentlichkeit nicht wahrgenommen. 

„Wenn das Schwein satt ist, schmeißt es den Trog um“, rezitierte Seeger ein Sprichwort auf Plattdeutsch. Und die heutige Gesellschaft sei satt geworden, den Leuten gehe es gut. Der Landwirtschaft würden hingegen Auflagen gemacht, die so schnell nicht umsetzbar seien – wie etwa bei der Düngeverordnung. Kaum ein Jahr nach der ersten Verschärfung werde schon nachgelegt, ohne die Erfolge genau überprüft zu haben: „So schnell geht das nicht.“ Der Boden sei insgesamt durch die Düngung besser geworden, die Ackerkrume habe sich seit seiner Lehrzeit verdoppelt. 

„Manchmal war das auch zuviel des Guten – das will ich nicht verschweigen“, räumt er ein. Und die „guten alten Zeiten“, wie sie von manchen beschworen werden, wolle er nicht mehr zurückhaben, so Seeger. In den 1950er- und 1960er-Jahren habe ein Landwirt vier bis fünf Personen außerhalb des Hofes ernährt, heute seien es 150. In drei bis vier Jahren werde der Boden nun wieder ausgelaugt sein: „Das ist ein Riesenschritt zurück – wollen wir das?“ Die Folge werde seiner Meinung nach ein Strukturbruch sein: „Ganze Dörfer werden aufhören müssen“, prognostizierte er.

Ministerpräsident Günther bedankte sich für die Einladung nach Wardenburg und versicherte den Zuhörern seine Verbundenheit zur Landwirtschaft: „Sie können sehr viel stolzer auf ihre Arbeit sein, als sie es selbst zum Ausdruck bringen.“ Er habe laufend mit Leuten zu tun, „die Ihnen Steine und Knüppel in den Weg werfen“. So müsse er immer wieder erklären, dass jemand, der Tiere halte, das größte Interesse an deren Wohl habe. „Wir waren nie so gut wie heute“, lobte er die Landwirte. Vieles sei in die richtige Richtung gegangen, die Branche habe sich toll entwickelt: „Daraus lässt sich eine Erfolgsgeschichte ableiten.“ 

Dass aber Umdenken ein Zeichen der Zeit sei, verdeutlichte er an der schwarz-grün-gelben Koalition, die derzeit in Kiel regiert. Eine Zusammenarbeit mit den Grünen sei insbesondere bei den Agrariern in seinem Bundesland nicht auf Begeisterung gestoßen, berichtete Günther. Doch deswegen eine Zusammenarbeit grundsätzlich ausschließen? „So funktioniert Politik nicht. Mit 32 Prozent kann auch in Niedersachsen niemand regieren.“ Auch die Forderung, den Grünen keinen Ministerposten mit Einfluss auf die Landwirtschaft zuzugestehen, sei abwegig: „Wir können nicht einfach sagen: ,Euer Lieblingsthema gehört jetzt uns‘.“ Die Jamaikakoalition funktioniere deswegen, weil alle Beteiligten „mit Respekt miteinander umgehen“, so Günther.

Wäre es seinerzeit zu einer solchen Dreier-Regierung im Bund gekommen, herrschte jetzt sicher eine andere Stimmungslage in Deutschland. Doch das sei in Berlin nicht möglich: Dort säßen bei allen Parteien noch die „Grabenkrieger“ mit den Einstellungen von vor 30 Jahren: „Alle anderen machen alles falsch, nur wir machen alles richtig – das stimmte damals nicht, das stimmt heute nicht“, gab der Christdemokrat zu bedenken. Heute seien die Leute an Lösungen interessiert. Doch gehöre dazu, den anderen Parteien einen Erfolg zu gönnen sowie, dass sie jeweils zentrale Wahlversprechen durchsetzen – und daher dann ihrerseits Zugeständnisse machten. Wenn Volksparteien etwa nicht mehr so stark gewählt werden wie früher, könnten sie ihre Programme auch nicht mehr eins zu eins umsetzen.

Diese Konstellation, verdeutlichte der Ministerpräsident weiter, ermögliche Lösungsansätze für viele Probleme in Deutschland – auch für die Landwirtschaft. Dazu gehöre etwa Vertrauen, dass die Bauern – wie eingangs beschrieben – eigenes Interesse an einem veränderten Umgang mit den Themen haben, und daher „nicht alles auf dem Verordnungsweg“ geregelt werden muss.

Wenig Hoffnung machte Günther seinen Zuhörern jedoch, dass die Düngeverordnung gar nicht verschärft wird: Die EU habe „ganz klare Signale gesetzt“. Verfehle Deutschland die Vorgaben, drohten Strafgelder von 850.000 Euro am Tag. In Dänemark und den Niederlanden seien deswegen die Tierbestände schon deutlich verringert worden. Dennoch: „Wir versuchen, gemeinsam mit Ihnen eine Lösung zu finden.“ Derweil bräuchten sich die Bauern in der Diskussion nichts gefallen zu lassen. „Das sind Minderheiten“, legt er noch eine letzte Streicheleinheit nach. „Ganz viele halten große Stücke auf Sie.“

fra

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