Heutiges Ausflugsziel gibt doppelten Einblick in die Geschichte Wardenburgs

Erst kam Tilly, dann der „Stahlhelm“

Gedenkstein auf dem „Tilly-Hügel“: Der Stahlhelm erinnert an die Initiatoren. Foto: Faß

Wardenburg - Von Dirk Fass. Der Wardenburger Pfarrer Ernst F. W. Rodenbrock (1898 bis 1924) sagte einmal in einem Vortrag: „Dass Feldherr Tilly im September 1623 mit seiner 25 000 Mann großen Heeresschaar am heute nach ihm benannten ,Tilly-Hügel‘ lagerte und die Kirche, das Pfarrhaus und die Küsterei zerstörte und verwüstete, so betrachte ich das nicht als das Schlimmste. Aber dass diese Vandalen mit den alten, unersetzlichen kirchlichen Dokumenten und Urkunden, die in der alten Marienkirche lagerten, ihre Kochtöpfe geheizt haben, das war weit wesentlich schlimmer.“

Was die Wardenburger in dieser dreiwöchigen Besatzungszeit erlitten haben, ist heute kaum vorstellbar. Die Bauern mussten sämtliches Vieh anliefern. Denn die im Verhältnis zur Bevölkerung gewaltige Schaar hatte einen enormen Bedarf an Nahrung, vor allem an Fleisch. Man geht davon aus, dass auch Mädchen und Frauen aus Wardenburg und Umgebung zu den Gelagen und ,vergnüglichen Abenden‘ ins Lager kommandiert wurden, wenngleich wohl manche auch gerne und freiwillig daran teilgenommen haben sollen. Neben dem „Tilly-Hügel“ (ganze elf Meter über dem Meeresspiegel) gibt es heute noch die Bezeichnung „Danzmeester“, vermutlich weil sich dort der Tanzplatz befand. Eine dortige Pferdetränke trägt denn auch die Bezeichnung „Tilly-Tränke“. Ob die, wie manche glaubten, auffallend vielen dunkelhaarigen Menschen in der Wardenburger Gegend, wie man sie vor dem Zeiten Weltkrieg noch feststellen konnte, wirklich einmal unter ihren Vorfahren einen Soldaten der tillyschen Armee hatten, mag dahingestellt sein.

Graf Anton Günther von Oldenburg war es durch seine diplomatischen Beziehungen zu verdanken, dass Tilly nicht nach Ostfriesland weiterzog, um Graf von Mansfeld nachzujagen, sondern den Rückzug befahl. Natürlich nicht ohne reichliche Geschenke, wie unter anderem kostbare oldenburgische Pferde, mitzunehmen. Eine Besetzung von einer solchen Größenordnung löste eine Hungersnot aus, denn nicht nur die Wardenburger und Hatter Gegend war praktisch vom Getreide bis hin zum letzten Huhn restlos „leergefressen“.

Einige hundert Jahre sollte dieser historische Ort einen Bedeutungswandel erfahren, wenngleich auch im Zusammenhang mit Krieg und Soldaten: 1924 war es der Wunsch der Wardenburger „Stahlhelmer“ (dem rechtsnational ausgerichteten und paramilitärischen Bund der Frontsoldaten in der Weimarer Republik), ein Ehrenmal ihrer gefallenen Kameraden aus dem Ersten Weltkrieg zu errichten. Als den „richtigen Ort“ wählte man den sogenannten „Teepen-Barg“ aus, der später die neue Bezeichnung „Tilly-Hügel“ bekam. Auf diesen Geestrücken schleppte man im Februar 1925 einen tonnenschweren Findling, der eigens aus dem acht Kilometer weit entfernten Achternmeer herbeigeschafft wurde. Bei einer großen Feier am 12. Juli 1925 wurde das neue Ehrenmal auf dem „Tilly-Hügel“ zu Ehren der gefallenen Soldaten aus der Gemeinde Wardenburg offiziell eingeweiht. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde eine weitere Inschrift hinzugefügt: „1939-1945: 439 Brüder und Schwestern der Gemeinde und der vertriebenen Deutschen gaben ihr Leben für ihre Heimat.“

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